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Endstation Konsum

Von: Thomas Wolkinger

Am Grazer Hauptbahnhof ist die Zukunft angekommen. Ein Augenschein am urbansten Ort der Stadt und ein Ausblick auf einen Alltag ohne Schließzeiten und eine Gesellschaft, deren Ränder das Zentrum erreicht haben.

„Der Sonntag ist die Hölle!“ Gar nicht blasphemisch ist das gemeint, sondern ganz aufrichtig, wenn die junge Frau in der Uniform der „Blauen“ ihre Eindrücke vom Sonntagsdienst am Grazer Hauptbahnhof in Worte fasst. Staus bis an den Gürtel, nervös zirkulierende Autos auf der Suche nach einer Parklücke, aggressive Autofahrer, Hupen, Handgreiflichkeiten, mehr Strafzettel als in irgendeinem anderen Kontrollgebiet. Nirgendwo werde man im Dienst so arg beschimpft wie hier, sagt sie: „Die rechte Mur-Seite - das ist schon so eine Sache. Aber das hier ist unterste Schublade!“
Und auch an Wochentagen geht’s am Bahnhof gehörig rund. „Bis 19 Uhr ist wenig los - aber dann kommen’s!“, erzählt anderntags eine Kollegin. „Sie“ - das sind nicht nur Reisende. „Sie“ - das sind in erster Linie all die Menschen, die ausschließlich wegen der im April letzten Jahres eröffneten „Shopping Mall“ zum Bahnhof kommen. Ein Supermarkt lädt dort in „die faszinierende Welt der Lebensmittel“, ein Friseur zu Drinks & DJ-Abenden, ein Buchhändler zu „books & fun“. Außerdem im bunten Branchen-Mix: Blumen, Bank-, Büro- und Postdienste, Präsente, eine Billigparfümerie, und - auf der anderen Seite der großen Bahnhofshalle - eine „Gastro-Meile“. Das Besondere: Nicht nur die blauen Zonen haben am Bahnhof extra lang geöffnet, sondern eben auch die Geschäfte: In „die faszinierende Welt der Lebensmittel“ kann man täglich eintauchen, und das von 6 bis 21 Uhr.

Bahnhofsoffensive
Die Shopping Mall sowie der gesamte Umbau des Grazer Hauptbahnhofes sind im übrigen Teil der „Bahnhofoffensive“ der ÖBB, die den 20 am stärksten frequentierten Bahnhöfen Österreichs durch eine massive Investition in der Gesamthöhe von 300 Millionen Euro ein - so der Pressetext - „neues Gesicht“ verpassen soll. Feldkirch und Graz bildeten den Anfang, demnächst sollen auch die Bahnhöfe von Innsbruck, Linz, Wels, Leoben, Klagenfurt und anderen zu „urbanen Zentren und Entrees für die Bahnfahrt“ werden. Ziel für Graz: Sauber, sicher und hell sollte der Bahnhof werden. Das entspricht in etwa dem nicht ganz ideologiefreien „3-S-Programm“ („Service, Sicherheit, Sauberkeit“), das die Deutsche Bahn AG Mitte der 90er Jahre für ihre Bahnhöfe eingeführt hat, mit dem Ziel, sie zu „Motoren der Stadtentwicklung“ zu machen.
Dem Stau vor dem Bahnhof entsprechen im Inneren der Shopping Mall die Menschenschlange vor den Supermarktkassen. Vierspurig wird dort sonntags abgefertigt. Mehr über das Funktionieren des Marktes zu erfahren, ist dabei gar nicht einfach. Zuerst muss die Frage der zuständigen Mitarbeiterin in der Konzernzentrale richtig beantwortet werden: „Belastet das unser Sparbuch?“, wird der wissbegierige Redakteur gefragt, und erst als Belohnung für die richtige Antwort („Nein“) direkt an die Filiale am Bahnhof vermittelt.
In einem winzigen, fensterlosen Büro erläutert die quirlige Markt-Leiterin, Helga Franz, das Raumkonzept des Marktes. Besonders geachtet habe man darauf, den Weg für Reisende so effizient wie möglich zu gestalten, also von der Jausenabteilung in der als „Marktplatz“ angelegten „Frischezone“ bis zu den Kassen. Zahlen dürfe sie aber keine nennen, sagt sie, weder zur Kundenfrequenz noch zur Anzahl der Mitarbeiter, die am Sonntag arbeiten müssen. „Viele“, lächelt sie nur, ein wenig bedauernd, bekräftigt aber, dass sie bei der Erstellung des Dienstplanes auf private Bedürfnisse („Familienfeiern“) der Angestellten Rücksicht nehmen könne: „Es ist alles einplanbar.“

Faszinierende Konsumwelt
Dass der Supermarkt - neben der Parfümerie, dem Postshop und dem Bürodienstleister - zu den bestfrequentierten Mall-Shops zählt, bestätigt auch ÖBB-Pressesprecherin Manuela Sorian. Mehr als 6000 Kunden würden den Supermarkt an einem Sonntag besuchen, Tendenz steigend. Überhaupt sei die Entwicklung sehr positiv, Kritik an der schleichenden Abschaffung des Sonntags (ausgerechnet auf Initiative der ÖBB) will sie nicht gelten lassen. Der Erfolg spreche für sich. Selbst das Obergeschoss, das mangels Mietern bislang noch nicht eröffnet werden konnte, soll sich bis Mitte 2004 füllen. Den Anfang macht bereits im Jänner ein Fitness-Center, mit Ausblick auf „die faszinierende Welt der Lebensmittel“.  Mit Ausblick aber auch - und das trübt die Freude ein wenig - auf die Bänke im Zentrum der Mall, die überwiegend von Obdachlosen besetzt sind. Ja, sagt Manuela Sorian, das Problem sei tatsächlich größer geworden.
Genau weiß das Karl-Heinz Lienhart von der Bahnhof-Security. Rund 25 „Stammkunden“ gebe es im Sommer, etwa 15 im Winter, die meisten kennt er persönlich. Den Hubert zum Beispiel, der sich schon seit vielen Jahren am Bahnhof den Tag vertreibt, früher einmal Geschäftsführer war und den Tod seiner Frau mit Alkohol zu bewältigen versucht. Gestern, plötzlich, erzählt Lienhart, sei Hubert mit adrettem Kurzhaarschnitt und neu gekleidet auf den Bahnhof gekommen. Keiner wisse warum: „Jetzt sieht er aus wie ein normaler Reisender.“ In letzter Zeit habe er auf seinen Kontrollgängen auch vermehrt Jüngere gesehen, darunter viele Mädchen, die oft auf Tabletten seien. Jedenfalls würden es mehr. Das passt natürlich schlecht in eine Shopping Mall. Vor allem die Geschäftsinhaber - so Lienhart -, eigentlich nie die Reisenden, würden sich beschweren, dass die „Sandler“ die Kunden vertrieben.
Später gesellt sich Mario zum Gespräch. Er sei zwar auch „Stammkunde“, aber „mit Wohnung und Arbeit“. Außerdem sei er einer von denen, die im Supermarkt noch kein „Lokalverbot“ haben. Warum es ihn jeden Tag zum Bahnhof zieht? „Weiß ich selber nicht!“, ruft er erstaunt und lässt vor Schreck seine Bierdose fallen. Eine sehr präzise Antwort hat hingegen ein „Durchreisender von Hamburg nach Rom“, der sich täglich hier einfindet: Der Bahnhof sei nun einmal der einzige warme Ort, der Obdachlosen tagsüber offen stünde. Anders als in Wien gebe es in Graz auch kein Tagesasyl. „Und dann ist da natürlich der Aspekt Alkohol.“ Gut, dass „die faszinierende Welt der Lebensmittel“ verkehrstechnisch so günstig angebunden ist.

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