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Haben wir List & Lust, uns Aufgaben zu stellen?

Von: Judith Schwentner

Ein Gespräch mit Caritas-Präsident und MEGAPHON-Herausgeber Franz Küberl über politische Verantwortung, soziale Herausforderungen, Integration - und das Megaphon.

In einer „idealen“ Welt sollte sich ein Projekt wie das Megaphon eigentlich erübrigen. Was kann man dem Megaphon also zur 100. Ausgabe dennoch wünschen?  

In einer idealen Welt sollte es das Megaphon genauso geben, weil es einfach eine tolle Zeitschrift ist und eine Menge von Dingen behandelt, die für uns alle überlegenswert sind. Was mir besonders gut gefällt, ist die gelungene Koppelung von Informationen über heikle Fragen und einem beachtlichen Überblick über das kulturelle Leben.
Ich könnte mir daher durchaus vorstellen, dass das Megaphon auch eine Funktion hätte, wenn es nicht unter diesen Umständen vertrieben würde. Aber solange es notwendig ist, ist das Megaphon eben auch eine Chance für viele.

Welchen Stellenwert hat für Sie das Megaphon als Straßenzeitung und soziale Initiative innerhalb der Caritas?

Das Spannende am Megaphon ist ja, dass es in einer großen Auflage über die Straßenverkäufer unter Leute gebracht wird - und damit etwas von Gesicht zu Gesicht passiert, etwas was die Caritas schon auszeichnet. Das halte ich für ein sehr wichtiges und elementares Symbol. Insofern ist das Megaphon eines der Aushängeschilder der Caritas. Was außerdem im inneren Geflecht des Megaphon eine Rolle spielt, ist, dass Professionalität und Herzhaftigkeit zusammen jene chemische Reaktion ergeben, die man dann theologisch Caritas nennt.

Zur Jahreszeit und damit auch zur spezifischen Situation unserer Verkäufer auf der Straße: kalt ist auch der politische Wind. Wo sehen Sie Mankos in einer Politik, die sich durch „soziale Treffsicherheit“ auszeichnen will?

Der Begriff der „sozialen Treffsicherheit“ ist ja doppelbödig, weil er einerseits den Anspruch auf gerechte Maßstäbe im Helfen in schwierigen Lebenssituationen meint, was ja in Ordnung ist. Soziale Treffsicherheit hat aber auch einen etwas üblen Beigeschmack, weil man eigentlich vor lauter Angst, dass jemand etwas zu Unrecht bekommen könnte, bestimmte Gruppen von Ansprüchen fernhält. Insgesamt bin ich der Ansicht, dass wir ein durchaus beachtliches Niveau in der sozialen Architektur haben, aber eben auch Lücken - Obdachlosigkeit ist einer dieser Punkte, der wie eine Art Fieberthermometer anzeigt, dass Dinge nicht in Ordnung sind.

Wie beurteilen Sie konkret die derzeitigen Einsparungen im Sozialbereich in der Steiermark?

Zum einen sollte man natürlich vernünftig mit öffentlichen Mitteln haushalten. Eines der Probleme im sozialen Bereich aber ist, dass es eigentlich weder in der Steiermark noch in Österreich eine gemeinsame Bestandsaufnahme über das tatsächliche Ausmaß sozialer Probleme gibt  - dafür bräuchte man ein soziales Leitbild. Das wäre einer der politischen Vorgänge, die helfen würden, einen klareren Überblick zu bekommen. Außerdem gibt es im Verhältnis von öffentlicher Hand und privater Gemeinnützigkeit - und da gehört eben auch eine Menge von sozialen Institutionen dazu - eigentlich keine präzisen und fairen Verfahren und Absprachen.

Scheitert ein solches Leitbild an parteipolitischen Ressentiments oder ist es einfach noch nicht wirklich angedacht worden?

Es gibt ein paar Bereiche, wo eine halbwegs vernünftige Gesprächsebene da ist, aber so wie es Regionalentwicklungspläne gibt, so bräuchte es auch auf der Ebene des sozialen Leitbildes parteiübergreifende Formen, wie sich die öffentliche Hand fairer Weise positioniert, wie auch eine Gesprächs- und Entscheidungskultur, mit jenen, die im sozialen Leben ja in Wirklichkeit jeden Steuereuro verdrei- und vervierfachen. Denn es ist schon so, bei allem Respekt, bei allem Engagement, dass die öffentliche Hand ein Vielfaches von dem bezahlen müsste, wenn sie das alles selber machen müsste. Man müsste daher das Verhältnis und die Kommunikation zwischen sozialen Institutionen und der öffentlichen Hand klären. Das Ziel muss ja wohl immer sein, dass Menschen, die eben Assistenz brauchen, dies in einer menschlichen und selbstverständlich auch effektiven Form bekommen.

Ist das auch realisierbar - so wie die unlängst von Ihnen gestellte Forderung nach der Staatsbürgerschaft für hier geborene Kinder?

Die Frage nach einem sozialen Leitbild und entsprechenden Schritten kann man als eine Utopie sehen. Ich bin jemand, der sagt, dass es selbstverständlich bereits morgen möglich wäre, damit zu beginnen. Und wir beginnen ja nicht bei Null.
Die Frage der Integration hingegen ist eigentlich eine Bewusstseinsfrage: Österreich hat ähnlich wie Deutschland ein Staatsbürgerschaftsverständnis, das aus dem Germanischen kommt, ein Blut-und-Boden-Verständnis, während etwa in Frankreich und in den Vereinigten Staaten ein anderer Zugang besteht. Die Frage für Österreich wäre ja, ob man nicht einen Schritt in eine vernünftige Richtung geht: Dass eben Kinder von Zuwanderern, die legal hier leben, legal hier arbeiten, legal hier Steuern zahlen, fairer Weise österreichische Staatsbürger sein sollen und man ihnen damit auch zuspricht: Wir wollen euch, ihre seid ein Teil von uns. Das ist ja die Botschaft und das würde Integration eindeutig erleichtern. Es geht da nicht um irgendwelche Hüftschüsse politischer Art, sondern einfach darum, dass man sich eine andere Systematik überlegt.

Welche Schritte wären derzeit außerdem genauso notwendig?

Das ist zum einen sicher die Frage von Existenzsicherung. Man wird sich außerdem auch politisch etwas dazu überlegen müssen, dass die Bildungsanstrengungen von jedem von uns in den nächsten Jahren steigen werden. Es gibt einfach eine Menge von Menschen, die jetzt schon Schwierigkeiten haben, sich in dieser sehr komplex gewordenen Welt zurechtzufinden.
Die dritte große Herausforderung ist ohne Zweifel, dass die Zahl der Pflegebedürftigen steigen wird, und die Zahl derer, die wenige Angehörige haben. Wir leben jetzt in beeindruckender Weise davon, dass viele Menschen in Familien und im Freundschaftsverband Geborgenheit finden, müssen aber damit rechnen, dass diese Netze etwas dünner werden. Ein glücklicher Lebensabend kann nicht davon abhängen, ob man selber viel Geld oder viele Bekannte hat.
Ich behaupte bei allen diesen Herausforderungen auch nicht, dass wir damit untergehen müssen. Die Frage ist lediglich: Haben wir List und Lust, uns diesen größeren Herausforderungen zu stellen? Auch im Wissen, dass die ganz großen Bewältigungsbrocken für eine etwas vernünftiger werdende Welt außerhalb unseres Landes liegen. Die Fragen von Wanderung und Asylsuchenden sind ja ein Symbol dafür, dass die Welt an etlichen Punkten in einer ziemlich schweren Schieflage ist. Ein Teil unserer Zukunftssicherung in Österreich wird sicher damit zusammenhängen, dass wir zur Verbesserung der Situation in anderen Teilen der Welt beitragen.

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