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„Nicht so gern gesehen“

Von: Judith Schwentner

VERSTECKTE WOHNUNGSLOSIGKEIT - Vom weiblichen Umgang mit dem Verlust der eigenen vier Wände

„Wir begrüßen Sie als neue Bewohnerin in unserem Haus und stellen Ihnen unsere Angebote vor: Zwei Waschmaschinen, Bettwäschewechsel, Duschen, Kinderspielplatz, Bücherverleih, Aufenthaltsraum mit Kaffeeautomaten und TV im Keller, Freizeitangebote“ - So der Infofolder beim Empfang. Das Kleidermagazin und der Lagerraum im Keller geben schon eher Hinweise auf den Ort, an dem wir uns befinden: „Zu uns kommen Frauen mit sehr schweren sozialen und persönlichen Problemen, die aus verschiedenen Gründen nicht in der Lage sind, sich eine andere Unterkunft zu nehmen.“ Willkommen im Frauenwohnheim der Stadt Graz. In der Hüttenbrennergasse gelegen und vor achtzig Jahren gegründet, hat das Haus wohl kaum schönere Zeiten gesehen als jetzt.

„Auf die neuen Wandgestaltung im Stiegenhaus sind wir besonders stolz“, betont auch Anna Böhm, Psychiaterin im Heim, bei der Führung durch das rundum sanierte Haus. Kleine Wohneinheiten mit jeweils eigener Küche und Bad. Der helle und freundliche Eindruck nimmt ein wenig die Angst, selbst einmal hier „zu landen“. Und dennoch: „Bis Frauen eine Einrichtung wie das Wohnheim in Anspruch nehmen, haben sie schon größere Probleme“, betont Frau Böhm. Zu groß sind Hemmungen, sich selbst - oder auch die Kinder - durch das „offizielle“ Eingeständnis der eigenen Situation zusätzlich zu stigmatisieren. Mit ihrer höheren sozialen Kompetenz stellen sich Frauen jedoch auch häufig selbst eine Falle mit fatalen Konsequenzen. „Männer haben zu einem gewissen Zeitpunkt weniger Scheu sich ihre Situation einzugestehen“, meint Anna Böhm. „Wenn Frauen so weit sind, haben sie sich oftmals neuen Abhängigkeiten und neuer Gewalt ausgesetzt.“

„Versteckte Wohnungslosigkeit“ nennt sich das folgenreiche Phänomen in der Fachsprache, dessen Bewältigung für zuständige SozialarbeiterInnen und Fachkräfte eine Herausforderung bedeutet. Auch für Daniela Brucher, zuständig für die Frauennotschlafstelle und das Heim für Asylwerberinnen der Caritas, ist dieses „geschicktere“ soziale Verhalten ein zweischneidiges Schwert. „Sicher, bei einer Freundin, bei den Eltern, ist es heimeliger als bei uns. Aber dadurch, dass Frauen im öffentlichen Raum nach wie vor eine andere Position zugeschrieben wird, werden auch ihre Probleme verdeckt.“
„Ich war lange krank, habe dann in verschiedenen Pensionen gelebt - bis mich meine Mutter eines Tages nicht mehr rein gelassen hat“, erzählt Maria K. Sie hat eine nicht untypische Odyssee hinter sich: Landeskrankenhaus Siegmund Freud, Billigpensionen, Haus Elisabeth und schließlich das Frauenwohnheim. Nun besteht Hoffnung auf eine Gemeindewohnung.

Wohnungslosigkeit als Folge einer psychischen Krankheit ist keine Seltenheit, wie auch der Besuch in Steiermarks einziger Notschlafstelle, dem Haus Elisabeth, eindringlich vor Augen führt. „Heute Abend ist es ruhig“, konstatiert Betreuerin Barbara Kohl. „Aber tagsüber sind schon die Blumentöpfe geflogen, nachdem sich zwei Frauen wegen der Übertretung einer selbst eingeführten fiktiven Zimmergrenze gewaltig in die Haare geraten sind.“ Früher hätte rund ein Viertel der Frauen, die die Notschlafstelle aufsuchten, psychische Krankheitssymptome, mittlerweile seien es bereits Dreiviertel. „Auslöser für die Krankheiten sind meist furchtbare Lebensgeschichten, der Verlust des sozialen Netzes oder eine Trennung. Wohnungslosigkeit ist erst die Folge dieser komplexen Situation“, so Daniela Brucher.

Außerdem nähme die Zahl älterer Frauen, die auf der Straße landeten, zu. 2003 war die älteste Klientin des Hauses Elisabeth 82 (!) Jahre alt. Sie wurde delogiert, nachdem sie von ihrem Enkelsohn monatelang ihrer Pension beraubt worden war.
Psychisch beeinträchtige Frauen wohnen auch im Frauenwohnheim. Allerdings mit gemäßigten Krankheitsbildern. „Frauen, die nicht in der Lage sind, sich zeitlich und örtlich zu orientieren“ und damit auch nicht fähig sind sich, wie erforderlich, selbstständig zu versorgen, können nicht im Heim aufgenommen werden. Ihnen droht oftmals die klassische Karriere: „Psychiatrie, Haus Elisabeth und retour - drei- viermalige Aufnahmen sind bei uns keine Seltenheit. Nachgehende Betreuungsangebote und niederschwellige Wohnplätze für psychisch kranke Frauen lauten daher die entsprechenden Forderungen durch die BAWO (Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe) an die Stadt Graz.


Frauennotschlafstelle Haus Elisabeth
Grabenstraße 43, 0316/672972

Frauenwohnheim der Stadt Graz
Hüttenbrennergasse 41, 0316/829240-10

Weiterführende Informationen unter:

MEGAPHON, Auschlössl
Friedrichgasse 36, 8010 Graz
Tel: 0316/8015 650
Fax: 0316/81 23 99
megaphon@caritas-graz.at
www.megaphon.at/de/strassenmagazin/archiv/megaphon_2004/april/110/