STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2004/April/Zimmer mit Aufsicht/
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Zimmer mit Aufsicht

Von: Florin Mittermayr

EINGEBETTET Eine Nacht im Männerwohnheim in der Rankengasse

„Das Lungenröntgen dürfen Sie morgen nachbringen!“ Heimbetreuer Günther drückt ein Auge zu und grinst mich prüfend an. Noch immer scheint er nicht davon überzeugt, dass da wirklich einer kommt, der sich freiwillig und ohne jede Not eine Nacht ins Männerwohnheim legt. Noch dazu in ein Fünfbettzimmer...
Ich lächle so verwegen wie möglich zurück und versuche einen unverzagten Eindruck zu erwecken. Um 17 Uhr ist im Foyer des Wohnheims in der Rankengasse 24 noch nicht viel los, Günther nimmt mich mit in seine Portiersloge und geht mit mir die Hausordnung durch: Vorläufige Erstaufnahme nur vor 18 Uhr, Türsperre ab 21 Uhr. „Bis Mitternacht mach ich noch auf, wenn wer läutet!“ sagt Günther. Wer später kommt, kann erst um fünf Uhr morgens wieder herein. Übermäßiger Alkoholkonsum und die Mitnahme von hochprozentigem Alkohol sind verboten.
Eine kleine Holzbar, drei vier Tische und ein Fernseher sind das Interieur des hausinternen Cafés. An der Wand hängt die Preisliste, an einem Wuzzeltisch matcht sich der junge Sozialbetreuer Max mit einem Heimbewohner. Nur ein einziger Gast sitzt noch im Raum und betrachtet aus sicherer Entfernung das Nachmittags-Programm des einzigen österreichischen Privatsenders. Die Dienste im Heim macht Max als Teil seiner Ausbildung zum Sozialarbeiter. Dass ihm sein Job Freude macht, ist ihm beim Umgang mit seinen Klienten anzusehen. Sein Fußballgegner legt auf ein Zeitungsinterview keinen allzu großen Wert: Er ist erst seit wenigen Monaten hier, von seiner Familie weiß niemand, wo er lebt. Gut die Hälfte der Bewohner in der Rankengasse schafft es innerhalb eines Jahres wieder nach draußen, jedem dritten, der das Heim verlässt, kann eine Gemeindewohnung vermittelt werden.

Tuchfühlung: Vom Keller zur Decke
„Wenn dich einer besucht der es geschafft hat, das gibt dir am meisten!“ Günther ist seit 15 Jahren in der Rankengasse und immer noch gerne hier. „Früher war das alles ganz anders“ erzählt er, während er mich nicht ohne Stolz durch das Haus führt: „Bis zu 15 Leute sind da in einem Zimmer gelegen, da ist praktisch Bett an Bett gestanden, außer einem kleinen Nachtkasterl hat da nichts mehr dazwischen Platz gehabt. Und dementsprechend ist es auch zugegangen...“ Heute gibt es nur noch Zwei- bis Fünfbettzimmer, eine Küche ist genau so in jedem Stock zu finden wie ausreichend Duschen und Toiletten. Die alte Gemeinschaftsküche im Keller wurde mittlerweile in eine Töpferwerkstatt umgewandelt, gleich daneben ist die Bettzeugausgabe: Einen Polster, zwei leichte Decken samt Bezügen und Leintuch bekomme ich von Günther in die Hand gedrückt. Nicht ohne mulmiges Gefühl im Bauch gehe ich neben ihm die Stiegen wieder hinauf in den ersten Stock und versuche mir meine Zimmergenossen auszumalen. Vor der Tür mit der Nummer Zehn bleiben wir stehen. Günther klopft kurz an, stellt mich vor, zeigt mir Bett und Spind und verabschiedet sich.
Leo, Sigi und Lois sitzen bei Kaffee und Zigaretten um einen sorgsam zusammengeräumten Tisch, mein vierter Mitbewohner hat sich heute noch nicht blicken lassen, nach allgemeiner Einschätzung wird er vor morgen Früh auch nicht mehr auftauchen. Wie ich hierher gekommen bin, ist allen klar, mein Besuch wurde angekündigt. Wie meine Kollegen hierher gekommen sind, möchte ich gerne wissen. Der 42-jährige Sigi bricht als erster das Schweigen. Er hat früher im Werk Thondorf gearbeitet, war verheiratet und hat drei Kinder: „Da hat noch alles hingehaut. Wegen einer Magenoperation bin ich dann ins Spital gekommen, als ich wieder draußen war, hab ich gemerkt, dass meine Frau einen Freund hat.“ Sigi lässt sich scheiden und geht aus der gemeinsamen Wohnung, seit Februar ist er hier. Ein eigenes Zuhause aufzubauen ist ihm nicht gelungen, nicht zuletzt auch aufgrund seines Gesundheitszustands: Wegen seiner Magenprobleme muss er bis heute zwei Mal pro Woche ins LKH.

Abendrunde: Vom Urfahraner Markt nach Südafrika
„Ich bin sozusagen in Pension hier“ erklärt Lois. Heute ist er 51, um seine Spielschulden zurück zu zahlen, braucht er bei seinem jetzigen Einkommen noch gut zehn Jahre. „Ich war auch früher schon einmal hier. Dabei hab ich immer gut verdient. Ich hab immer eine große Wohnung gehabt, und die Miete war nie das Problem. Die hab ich immer bezahlt. Nur: Den Rest hab ich in den nächsten Automaten geschmissen. Der Alk hat mich immer wieder hergerichtet. Auch um das in den Griff zu bekommen bleib ich jetzt einmal hier.“
Als Zeltaufsteller hat Leo fast sein ganzes Leben lang gearbeitet. Ein harter Saisonniers-Job, der mit den Jahren nicht einfacher wird. Leo ist jetzt 58, nachdem ihn sein letzter Arbeitgeber nur fünf statt der vereinbarten sechs Monate angemeldet hat, bekam er keine Arbeitslosenunterstützung und landete in der Rankengasse. Erlebt hat er bei seinen Jobs in Österreich und Deutschland einiges. Wer zwischen Rosenheimer Volksfest, Urfahraner Markt und Grazer Messe hin und her pendelt, ist um einige erzählenswerte Anekdoten nicht verlegen.
Auf ein ereignisreiches Leben blickt auch Lois zurück: Nach seiner Lehrzeit als Automechaniker ist er nach Südafrika ausgewandert. 13 Jahre hat er dort gelebt, sein 28-jähriger Sohn ist heute noch dort. Von seiner früheren Lebensgefährtin bekommt er noch immer Post. „Wir durften nicht heiraten, weil sie schwarz ist. Da bist' damals eingesperrt worden. Jetzt könntest du heiraten - aber jetzt ist es zu spät!“ Lois lächelt wehmütig: „Manche glauben, ich bin ein hoffnungsloser Fall. Ich glaub das nicht. Ich hab immer wieder Arbeit. Auch jetzt wieder als Monteur.“ Dass wohnungslose Menschen nichts arbeiten ist ein altes, aber unbegründetesVorurteil: In der Rankengasse geht jeder Vierte einem geregelten Job nach, Tendenz steigend. Was wohl auch über das Lohnniveau einiges aussagt.

Aufbruchstimmung: From Dusk till Dawn
Als ich am nächsten Morgen von Ö-Regional geweckt werde, ist es gerade sechs Uhr. Ich bin der einzige, der versucht die Augen wieder zu zumachen. Der vierte Mann ist mittlerweile heimgekommen und erzählt seine Abenteuer: Er hat in einem Rohbau übernachtet. Beim selbstgemachten Frühstück sehne ich mich nach der Kaffeemaschine in der Redaktion und nach meinem WG-Einzelzimmer. Obwohl ich noch selten wo so nett und so selbstverständlich aufgenommen wurde. Wie machen das meine Zimmergenossen? „Du musst halt draus machen, was geht“ hat es Sigi am Abend auf den Punkt gebracht. „Gut auskommen, zusammenhalten, dann kommst Du vielleicht auch weiter!“ Für ihn heißt das, die Gemeindewohnung zu bekommen, um die er angesucht hat. Und ein Stück gesünder zu werden. Und vielleicht auch seine Schwester Silvia wieder zu treffen, die mit ihm die schlechten Erinnerungen an seine Pflegefamilie teilt - und die er seit dieser Zeit nicht mehr gesehen hat. Leo hat beim BFI um einen geschützten Arbeitsplatz angesucht und hofft, Anfang Juni dort anfangen zu können. Und Lois? „Meine Ziele hab ich noch. Auch wenn es manchmal ein bisschen holprig dahin geht. Das Leben ist ein Theater, manchmal.“ Ein Umstand, der bei den ersten Schritten in die morgendliche Hektik der Stadt nicht zu übersehen ist...

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