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Am Anfang war die Band

Von: Thomas Wolkinger

DEKADE - Ist es ein Label? Ist es eine Band? Ist es ein Künstlerkollektiv? Ist es eine musikalische Selbsterfahrungsgruppe? Nein - es ist tonto!

tonto ist tonto. Tatsächlich ist tonto so sehr tonto, dass es die komplette Negation einer Band, eines Labels, eines Kollektivs und einer Selbsterfahrungsgruppe ebenso verkörpert wie deren Über-Verwirklichung: tonto ist keine Band, zugleich die ultimative Supergroup, die sich in immer neuen Zusammensetzungen und Arrangements vor dem und oft genug gegen das Publikum erfindet und interpretiert. tonto ist kein Label, zugleich ist es ausschließlich Label, dessen sich individuelle MusikerInnen eben fallweise bedienen u.s.w.

„Subjektives Umfeld und Geschichte“ nennt es Helmut Kaplan, oder „Überlagerung von Blickwinkeln“, „Geflecht an Verbindungen“. Oder: „Feld gegen Vereinzelung“. Denn am Anfang, als im Juni 1994 das erste „tonto“-Split-Tape aufgenommen wurde, waren die Phänomene noch durchaus klarer benennbar. Damals, am Anfang, war das Gegenteil von Vereinzelung. Am Anfang war wirklich Band. Am Anfang war Liebenau (Michi Posch, Jörg Brunner & Gäste), am Anfang war Fleischpost (Michael Pölzl, Reas, Helmut Kaplan).
Drei Tapes und drei Jahre später waren die Bands aufgelöst, der gemeinsame Proberaum aufgegeben. Damals fiel der Beschluss, die Praxis niederschwelliger Publikationsmöglichkeiten und des gegenseitigen Austauschs der Arbeiten aufrecht zu erhalten, das Geld künftig eben nicht mehr in einen Proberaum sondern in CD-Rohlinge zu investieren.

Seither sind - mit minimaler externer finanzieller Unterstützung - unglaubliche 24 CD-Produktionen dem Hause tonto entwachsen, das damit zumindest den lokalen Release-Rekord halten dürfte. Später kamen dann, ebenso produktiv betrieben von Edda Strobl, Comics als tonto-Strang dazu. Dort steht demnächst Publikation Nummer 50 an.
Über die Jahre haben sich jedenfalls so unterschiedliche Musiker und Projekte wie Curd Duca, Bernhard Lang, Winfried Ritsch, reMI, Reflector, COOP, Code Inconnu und Robert Lepenik tonto angenähert. Jede daraus entstandene Produktion sei dabei ein weiterer „Definitionsversuch“, sagt Helmut Kaplan, der selbst CDs #1 und #17 beigesteuert hat. Die Remix-Arbeiten wiederum - z.B. die tonto-“Treatments“ von reMI (#20) und Robert Lepenik (#18) - sind als Integrationsversuche der unterschiedlichen, in der Regel experimentellen, Positionen zu verstehen.

Anders als Kaplan veröffentlicht Robert Lepenik - sonst z.B. als „Melville“ auch in populäreren Breitengraden unterwegs - nur Teile seiner Arbeiten bei tonto. Das macht insgesamt auch schon fünf CDs - davon zwei als Laleloo (mit Bernhard Lang und Edda Strobl). Für seine tonto-Arbeiten gilt - und da spricht tonto mit einer Stimme: „Wir rühren nicht einmal den kleinen Finger, dass sich ein Stück mehr verkauft.“ Was dazu führt, dass tonto trotz gewaltigen Outputs in der breiteren Öffentlichkeit beinahe unbekannt ist. Auch das ist Markt. Quote ist woanders. Dass aber die CDs praktisch nur im Abhof-Verkauf in der Grazer Leitnergasse erhältlich sind, ist nicht Teil eines auf maximale Geheimhaltung zielenden Konzepts. Es hat sich einfach noch niemand gefunden, der sich des Vertriebs angenommen hätte.
Ab und an - nach einer der kurzweiligen tonto-Besprechungen, die man sich als stundenlange Versuche vorstellen darf, eine „ideale Gesprächssituation“ herzustellen - entsteht gelegentlich der Beschluss, den internen Lernprozess auf die weite Welt loszulassen. Wie demnächst insgesamt sechs Mal in der Postgarage. Wird es ein Konzert? Eine Installation? Ein performativer Akt? All das und nichts davon. Lepenik: „Ein Spiel mit Proportionen und Spannungen“. Posch: „Eine Zeitsituation - und vorbei; gegen die Disziplinlosigkeit des Publikums“. Kaplan: „Der Versuch, sich vom Publikum unabhängig zu machen“.

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