STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2004/August/Expedition Österreich/
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Expedition Österreich

Von: Karin Raffer

ALM-ASYL
Als Naherholungsgebiet mag die heimische Bergwelt noch so empfehlenswert sein, als vorläufige Endstation für rund dreißig tschetschenische Flüchtlinge ist sie Zweifelsfrei problematisch: Das Megaphon besuchte die Asylwerber auf der Sommeralm.

Wanderer, Sportler, Ausflügler beim Picknick – eine Menge Urlauber tummeln sich auf der Alm, als wir bei strahlendem Sonnenschein in die letzte Kurve zum „Lustigen Almstadl“ einbiegen. Und zwar nicht, um dort etwas zu trinken, sondern um mit Aslan, Zura, Bekhan und Sarema zu reden. Für sie ist die Almhütte nicht Raststätte, sondern Flüchtlingsquartier. „Andere kommen hier her, um drei Wochen Urlaub zu machen, wir warten hier seit Monaten auf Asyl“, umreißt Aslan Gaysultanov, Vater zweier Kinder, die Situation. Umringt von tschetschenischen Burschen steht er vor dem Almgasthaus und lässt den Blick über satte, grüne Wiesen und grasende Kühe streifen. Seit sechs Monaten ist die Sommeralm Aslans Lebensumfeld. Mit Schleppern ist er an die österreichische Grenze gelangt, von dort wurden er und seine Familie umgehend in das Quartier gebracht, das die steirische Landesregierung zur Verfügung stellt. Österreich unter 1400 Metern Seehöhe haben sie noch kaum gesehen. Die Frauen, viele von ihnen schwanger, sitzen auf den für sie bestimmten Bänken neben dem Gasthof. Die Bänke davor sind für die richtigen Gäste reserviert.
„Holladrio, des is’ hoid da steirische Brauch“ dringt an unser Ohr, als wir versuchen, mit den Flüchtlingen ins Gespräch zu kommen. Für die Gäste gibt es ab und zu Hausmusik. So greift der Wirt auch heute zur Harmonika und gibt einige seiner Stanzeln zum Besten.

Traumata
„Die Grundversorgung ist gut. Regelmäßig kommt eine Caritas-Flüchtlingshelferin, begleitet uns zum Arzt und ist bei Behörendenwegen behilflich. Wir bekommen auch Kleidung und monatliches Taschengeld“, zeigt sich Zura Machukaeva, Mutter von sieben Kindern, zufrieden. Sie weiß, dass man als Flüchtling keine hohen Ansprüche stellen kann. „Doch es gibt hier kein Lebensmittelgeschäft und Bus geht auch keiner. Wir sind völlig unbeweglich und ständig auf Hilfe angewiesen.“
Zu Hause in Tschetschenien hatte sie ein kleines Geschäft, vor zwei Jahren wurde ihr Mann von den Russen verschleppt. „Ich bin wegen meiner Kinder geflohen, doch gerade für sie ist es auch hier schwierig.“ Vor allem der lange Schulweg bereitet der Mutter Sorgen. „Sie sind eine halbe Stunde mit dem Bus unterwegs und müssen jedes Mal erbrechen. Den Bus putze dann ich.“ Die Kinder leiden nicht nur am unebenen, kurvigen Schulweg, sondern sind vor allem von den Kriegserlebnissen traumatisiert. Panzer, Gewehre, brennende Häuser sind Inhalt ihrer Zeichnungen, in der Schule sind sie oft nur schweigende Zuhörer, weil sie noch nicht lange genug Deutsch gelernt haben.

Lernen, laufen, lachen
Um die Sprachkenntnisse der Kinder zu verbessern und so ihre Integration zu fördern, erhalten diejenigen, die sich besonders schwer tun, seit Anfang Juli Sozial- und Lernbetreuung durch den Pflegeelternverein Steiermark. Zwei Mal wöchentlich besuchen Lern- und Sozialbetreuer die Kinder und beschäftigen sich mit ihnen. „Meine Söhne sehnen  Dienstag und Donnerstag herbei. Es ist für sie das erste Mal, dass sie hier in Österreich unmittelbare und totale Aufmerksamkeit erhalten“, freut sich Zura. „In der Schule sind wir immer in der letzten Reihe gesessen und konnten nicht mitmachen. Jetzt lernen wir endlich etwas“, sind die Buben von dieser Extra-Portion Zuwendung ebenso angetan wie ihre Mutter. Und auch der Erfolg kann sich sehen lassen. „Die Kinder haben große Fortschritte gemacht, denn sie sind wissbegierig und lernen sehr fleißig. Sie übernehmen früh Selbstverantwortung“, lobt Salah Algader, einer der Betreuer, ihre Anstrengungen. Auf seine Initiative hin wurden die Kinder mit Rädern und Bällen versorgt. „Gestern habe ich Fahrradfahren gelernt“, strahlt Sarema, „und gebastelt habe ich auch schon viel.“ Diese gemeinsamen Aktivitäten trösten die Dreizehnjährige darüber hinweg, dass sie ihre erste österreichische Freundin aus der Schule in den Ferien nicht treffen konnte. Die Lern- und Sozialbetreuung ist die einzige Gelegenheit für Sarema mit der österreichischen Kultur in Berührung zu kommen. „Die Abwechslung tut den Kindern gut“, so die Betreuerin Andrea Lackner, „sie sind regelrecht aufgeblüht, deutlich offener geworden und haben Vertrauen entwickelt.“

Veränderung in Sicht
Bekhan und Eset, beide 17, haben eine quälende Zeit hinter sich. Weil sie nicht mehr unter die Schulpflicht fallen, konnten sie in Österreich bisher keine Schule besuchen. Das soll sich im Herbst ändern, denn dann kommen sie in die Hauswirtschaftsschule in Naas bei Weiz, die ihnen den Berufsschulbesuch ermöglicht, obwohl sie schon über 14 sind. „Bis jetzt war uns komplett fad, wir konnten nichts tun. Wir sind ja vom Rest der Welt abgeschnitten, auch telefonisch nicht erreichbar“, vermissen die tschetschenischen Jugendlichen ihre Freiheit und Unabhängigkeit. Salah, ihr Betreuer, versteht ihren Wunsch, nach Bruck oder nach Graz zu fahren, nur zu gut. „Sie möchten ihre Bekannten besuchen, vermissen ihr gewohntes soziales Umfeld. In Tschetschenien ist jede Familie eine Großfamilie.“ Der Sozial- und Lernbetreuer erachtet es als problematisch, dass Flüchtlinge generell „irgendwo“ hinkommen, bis ihr Status geklärt ist. Denn vom pädagogischen Standpunkt aus wäre es seiner Ansicht nach sinnvoll, asylsuchende Menschen in größere Ortschaften zu bringen, damit sie unter Leute kommen.
So wie die Kinder und Jugendlichen dankbar sind, dass sich jemand mit ihnen beschäftigt, sind die Erwachsenen froh, sich einmal alles von der Seele reden zu können, was ihnen in der einsamen Idylle des Almengebiets durch den Kopf geht. Eine Idylle, die für die Flüchtlinge etwas Bedrohliches hat. „Ich habe zehn Jahre Krieg gesehen, in ständiger Gegenwart des Todes gelebt. Jetzt bin ich hier zur Untätigkeit verdammt. Mir bleibt nichts anderes übrig, als zu warten. Ich bin von einer Extremsituation in die andere geraten“, meint Aslan, der den Erholungswert seines Aufenthalts auf der Sommeralm nicht erkennen kann und meint: „Wir sind nicht nach Österreich gekommen, um uns zu erholen, sondern um zu leben.“

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