Zur Startseite MEGAPHON

"Das Papier starrt mich nicht an"

Von: Fritz Schneeberger

INTERVIEW
Der junge Autor Thomas Glavinic zählt derzeit zu Österreichs hoffnungsvollsten Schriftstellern. Für den Kriminalroman „Der Kameramörder“ wurde der Grazer mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet, mit seinem jüngsten Roman „Wie man leben soll“ scheint nun endgültig der Durchbruch geglückt. In einem Wiener Eckespresso plauderte der Schriftsteller mit dem Megaphon über Graz und Wien, die Besonderheiten der mechanischen Schreibmaschine und die Kunst in sechs Tagen ein Buch zu schreiben.

Der Autor Thomas Glavinic macht in Österreich schon seit einigen Jahren von sich reden. Nun scheint der endgültige Durchbruch geglückt. Wie fühlt sich das an?

Es ist sehr schön, dass der Erfolg da ist. Es ist halt lustig, dass es gerade mit diesem Buch passiert ist.

Gibt es da einen Punkt, an dem es „klack“ macht und man sich denkt, „jetzt hab ich es geschafft“?

Es ist ein angenehmes Gefühl zu wissen, dass man wirtschaftlich unabhängiger ist und manche materielle Probleme in den Hintergrund rücken. Aber es ändert nichts an der Arbeit. Man schläft nur ruhiger.

Seit 1998 hast du vier, thematisch sehr verschiedene Bücher geschrieben. Gibt es etwas, wo du sagst: „Das ist mir besonders leicht von der Hand gegangen“?

„Der Kameramörder.“ Wenn man einmal diesen speziellen Stil heraußen hat, von einem leicht Verrückten, der in komischem Beamtendeutsch schreibt, geht das sehr schnell. Ich hab das Buch in sechs Tagen geschrieben. Und natürlich ist es angenehm, wenn man innerhalb von sechs Tagen die Arbeit von zwei Jahren erledigt. Und praktisch, weil man so auf einen nicht uninteressanten Stundenlohn kommt (lacht). Das ist aber leider die Ausnahme, so etwas passiert nicht noch einmal.

Von der Idee zum fertigen Buch in sechs Tagen?

Truman Capote hat einmal gesagt: „Im Leben eines jeden Schriftstellers gibt es ein Buch, das sich quasi von selbst schreibt.“ Bei mir war es halt leider ein Buch von nur 147 Seiten – und kein tausend Seiten dickes Monumentalwerk, mit dem man sich in die Ewigkeit hineinschreibt. Aber gut, ich bin auch so sehr zufrieden.

Wir haben gehört, du schreibst noch mit Schreibmaschine...

Ja, mit einer mechanischen.

Weil´s leichter geht?

Nein, weil’s schwerer geht. Ich bin viel genauer. Und langsamer. Ich überlege mehr, und das nutzt der Sache. Wenn man schon zu lange Stellen hat, die nicht ganz funktionieren, wird es schwierig, das noch zu reparieren.

Die vielzitierte Schreibblockade – gibt’s die wirklich?

(Lächelt) Nein – das ist ein absoluter Schmarren! Wenn mir nichts einfällt, dann habe ich eben gerade nichts zu sagen. Die Schreibblockade stellt man sich ja vor wie in irgendwelchen Fernsehfilmen á la Traumschiff. Da sitzt einer da und denkt: „Das weiße Blatt Papier, es starrt mich an...“ Tatsache ist: Es starrt mich überhaupt nicht an...

Der Friedrich-Glauser-Preis ist die renommierteste Auszeichnung für Kriminalliteratur im deutschsprachigen Raum. Haben öffentliche Ehrungen eine besondere Bedeutung für dich?

Ja klar, eine große! Auch für‘s Ego. Jeder Autor, der das nicht zugibt, lügt. Außerdem zieht die öffentliche Wahrnehmung auch pekuniäre Vorteile nach sich. Vom Schreiben leben zu können, das ist ja auch nicht selbst verständlich.

Und du kannst das?

Ja, momentan. Aber ich kann nicht sagen: Ich mach jetzt fünf Jahre nichts. Das habe ich aber auch nicht vor. Ich mag meinen Job ja. Ich arbeite schon am nächsten Buch.

Wie wird es heißen?

Da halt ich’s mit Steven King, den ich als Autor eigentlich nicht besonders schätze, der aber etwas sehr Richtiges gesagt hat: „Keep the pressure!“ Red‘ nicht über deine Sachen. Man muss sich selbst am Kochen halten. Je weniger Leute wissen, was man macht, desto besser.

Der aktuelle Roman „Wie man leben soll“ ist zur Gänze aus der unpersönlichen dritten Person, also aus der „Man-Perspektive“ erzählt. Warum?

Die Ratgeberliteratur arbeitet mit dem „man“, um Allgemeingültigkeit vorzu­gaukeln: „Man muss sich so und so benehmen, um die Frau seiner Träume zu erringen“, „Man muss das, man muss das, man muss das machen“... als wären alle Menschen gleich. Sind sie natürlich nicht. Ich wollte mit dem „Man-Stil“ dieses Prinzip aufdecken und ironisieren, indem ich ein individuelles Leben verallgemeinere. Und es korrespondiert natürlich auch mit dem Inhalt: Charlie (Karl Kolostrum) liest ja die ganze Zeit Ratgeberliteratur, also „Wie man leben soll“.

Was willst du als Autor bei deinen Lesern erreichen?

Ich will sie beschäftigen, nicht verbessern. Moral ist mir völlig gleichgültig – in der Kunst gibt es für mich keine Moral. Das ist uninteressant. Ich möchte, dass sich die Leute im besten Sinn unterhalten fühlen.

Vor wie vielen Jahren bist du nach Wien gekommen, und was war der Anlass?

Vor sechs Jahren. Einen besonderen Anlass gab es nicht. Ich bin von Graz in die Oststeiermark übersiedelt, auf einen Bauernhof. Das hat mir nach drei Jahren gereicht, und in Wien hatte ich noch nicht gelebt. Dass ich für immer und ewig hier bleibe, war eigentlich nicht geplant, aber jetzt kann ich mir das vorstellen .

Kommst du noch hie und da nach Graz?

Ich habe viele Verwandte in der Steiermark. Ist ja selbstverständlich, dass ich da oft vorbei schaue. Aber wieder dort zu wohnen, kann ich mir nicht vorstellen. Vielleicht irgendwann, wenn ich zu meinem eigenen Denkmal geworden bin und die Grazer erstaunt mit dem Finger auf mich zeigen, wenn ich im ersten Bezirk lustwandle: „Schau, der Glavinic!“ – Na grässlich! Eigentlich nicht das, was ich mir für meine Zukunft vorstelle (lacht).

Anders gefragt: Was vermisst du nicht an Graz?

Wien ist bunter und toleranter. Ist ja auch logisch. Je größer die Stadt, desto mehr Individualität, desto mehr Leben.

Von deiner eigenen Schulzeit hört man mitunter, dass du ein sehr extravaganter Schüler warst...

(lächelt) ...das war ich wirklich.

Wenn du dem 13-jährigen Schüler Thomas Glavinic etwas ausrichten könntest, was würdest du dir sagen?

„Du Kretzn!“ – mehr nicht. Ich stehe in tiefer Demut und voller Hochachtung vor den Menschen, die in der Lage sind, Pubertierende zu bändigen, ohne die alle zu erschießen. Es ist mir ein Rätsel wie man das aushält.

Wie bist du dann zum Schriftstellerberuf gekommen?

Meinen ersten Roman habe ich schon in der achten Klasse geschrieben, aber ich habe Gott sei Dank nach ein paar Monaten erkannt, dass ich Dreck produziert hatte. Ich habe dann gleich den nächsten angefangen. Er sollte über 500 Seiten dick sein und ein sehr geniales Kunstwerk werden. Nach 150 Seiten bin ich drauf gekommen, dass ich schon wieder Stuss produziere.

Hebt man diese frühen Werke auf?

(energisch) Nein! Es gibt noch ein paar Exemplare bei Leuten, denen ich das damals zu lesen gegeben hatte. Diese Unholde haben alles aufgehoben und werden mich irgendwann einmal damit erpressen. Ich weiß jetzt schon: Das wird teuer.

Wir leben ja in einer Zeit, in der gute Krimiautoren relativ schnell verfilmt werden. Kommt die Verfilmung des Kameramörders schon auf uns zu?

Die Option darauf habe ich verkauft. Ob ein Film daraus wird, entscheidet sich in den nächsten sechs bis zwölf Monaten.

Bist du in das Projekt eingebunden?

Mein Buch ist mein Buch, für die Verfilmung kann ich nichts. Wenn der Film toll wird, wird er toll, das ist dann nicht mein Verdienst. Und wenn er schlecht wird, dann ist es auch nicht meine Schuld.

    Zum Seitenanfang   Zur Druckansicht   HOME  |  IMPRESSUM  
e-dvertising - Werbung, Webdesign, CMS, Fullservice
(Partner/Förderer)
(Anzeigen)