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Die letzten Tröpferl

Von: Ingrid Brodnig

BADESCHLUSS
Die öffentlichen Brause- und Wannenbäder der Stadt Graz, kurz Tröpferlbäder, werden nur noch von wenigen besucht. Nun wird den sozialsanitären Einrichtungen womöglich der Hahn abgedreht.

Da will Frau Stemgruber lieber keine Prognosen aufstellen: Wann die Badegäste kommen, ist schwer zu sagen - am Wochenende ist halt am meisten los, da treffen sich auch die Stammgäste. Zumindest die verbliebenen. Manche kennt Gertraud Stemgruber seit 28 Jahren – so lange arbeitet sie schon im Volksbad in der Friedrichgasse 41, dort wo sich heute auch das Museum der Wahrnehmung befindet.

Als sie Mitte der Achtziger anfing, nahm das Tröpferlbad noch das ganze Gebäude ein. „Auf der einen Seite duschten die Männer und auf der anderen die Frauen“, erzählt Frau Stemgruber. „Mit der Trennung wurde aufgehört, weil immer weniger Leute kamen.“ Erbaut wurde das Gebäude 1905, zur Blütezeit der Tröpferlbäder. Von damals stammt auch die Bezeichnung: Aufgrund des Andrangs kamen im öffentlichen Bad oft nur vereinzelt Tropfen aus der Brause. Vor acht Jahren siedelte das Volksbad in verkleinerter, aber moderner Form in den Keller. Für vier Duschen und drei Wannen - jede einzelne in einer anderen Farbe - ist die Magistratsangestellte jetzt verantwortlich.

Wie nennt man ihren Beruf eigentlich: Bademeisterin? „Bademeisterin kann man ja eigentlich nicht sagen, da braucht man eine eigene Prüfung. Vielleicht Badefrau“, überlegt sie. Über die Jahre hat Frau Stemgruber sogar eine Mappe angelegt mit Artikeln über die Volksbäder. Alle ordentlich geheftet.

Ordentlich sind auch die Duschen und Wannen, nach jedem Gast wird nachgeputzt. Sauereien gibt es da keine – zu zweit dürfen höchstens alte Ehepaare in die Wanne. Aber nicht nur der Reinlichkeit wegen kommen Gäste. Das Volksbad dient nicht zuletzt als Treffpunkt für den „harten Kern“ - wie sich die unverbesserlichen Stammgäste selbst bezeichnen. Dazu zählt auch das Ehepaar Krauß. Zwei Mal in der Woche reisen die beiden extra aus Hitzendorf an, um zu duschen. Dabei haben sie bereits ein eigenes Bad. Warum sie noch kommen? Wegen der Atmosphäre. Ins Tröpferlbad geht Herr Krauß, seit er zehn ist. Die Menschen hier sind alte Bekannte: „Da trifft man sich und kann miteinander reden.“

Der Tisch im Warteraum, an dem er sitzt, ist ansonsten meist leer. Auf das Jahr verteilt kommen insgesamt acht bis zehn Gäste pro Tag in die drei Tröpferlbäder. Im Zuge der aktuellen Einsparungen überlegt die Stadt, sie ganz zu schließen. Das hält Herr Krauß für einen „Blödsinn“ – und würde für zwanzig Minuten duschen auch mehr als die 87 Cent zahlen.

Auch wenn die breite Masse die Tröpferlbäder meidet, heißt das nicht, dass niemand mehr auf sie angewiesen ist: Viele ältere Menschen sind ohne Bad oder Dusche in ihren Substandardwohnungen – und daran wird sich wenig ändern. Wie bei jenem Pensionisten, der jedes Wochenende wegen seiner Behinderung von der Nachbarin ins Tröpferlbad geführt wird. Bad hat er keines. Und im öffentlichen Brause- und Wannenbad kann man Hilfe rufen, steckt man in der Wanne fest. Dass die Bäder eventuell zusperren, hören er und seine Nachbarin zum ersten Mal. Das darf doch nicht passieren, meint sie. „Maria! Wo sollen dann die alten Leut’ hin?“

Das Magistrat will aber gar nicht alle Bäder schließen – und hat einen Gegenvorschlag. „Wir haben vor, diese drei Bäder zu einem zu fusionieren“, meint Abteilungsvorstand Dr. Karlheinz Fritsch. Ein Zusammenziehen der Einrichtungen sei im Sinne der Bürger: Steuergelder würden gespart, die Weiterbeschäftigung der Angestellten sei gesichert.

Für die Stammrunde bleibt zu hoffen, dass der Abteilungsvorstand Recht behält – und das Bad in der Friedrichgasse als Relikt vergangener Tage weiterbesteht. Ansonsten endet die Artikelsammlung von Frau Stemberger wohl mit einer traurigen Nachricht: Dem Versiegen der Grazer Tröpferlbäder.

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