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Immer ein politischer Mensch

Von: Florin Mittermayr

INTERVIEW
Von den prägenden großen Persönlichkeiten der heimischen bildenden Kunst ist Franz Ringel einer der zurückhaltendsten. Seine Bilder sind  seit Jahrzehnten heißbegehrte und hochgehandelte Meisterstücke, ab Mitte Februar gibt es auch in der Galerie Leonhard wieder eine Ausstellung. Er selbst stellt sich umso weniger ins Rampenlicht. Dabei hat der gebürtige Grazer genug zu erzählen: Seine Ansichten vertritt er seit jeher beherzt, mit der steirischen Landeshauptstadt verbindet ihn nicht nur seine Jugend, sondern auch ein unvergessener Auftritt mit dem legendären Theaterprojekt ‚Vienna Working Group: Motion‘. Der „Zirkus Speisesoda“‚ um Tony Dusek, Joe Berger, Reinhard Priessnitz und Wolfgang Bauer wurde für den jungen Steirischen Herbst zum ersten veritablen Kulturskandal.

Nicht viele Steirer wissen, dass Franz Ringel in Graz geboren wurde. Bis wann haben sie hier gelebt?

Bis zum 18. Lebensjahr war ich in Graz. 1940 bin ich geboren, 1958 nach Wien gegangen. Bis ich acht war, hab ich bei meinen Eltern gewohnt, dann bin ich zu meinen Zieheltern gekommen.

Was war der Anlass?

Eltern und Zieheltern haben damals im Schloss St. Martin gewohnt: Mein Vater war Rossknecht, meine Mutter Wäscherin, mein späterer Ziehvater Landesschulinspektor. Der hatte damals einen schweren Dienstunfall mit dem Auto: Sein Chauffeur ist gestorben, er hatte einen Schädelbasisbruch und seine Frau hätte sich operieren lassen müssen. Als Achtjähriger bin ich für sie mit dem Radl einkaufen gefahren, hab auf den Garten geschaut und mir ein Taschengeld verdient. Na, ja und eines Tages bin ich dann gefragt worden, ob ich nicht gerne bei ihnen bleiben würde: Ich hab gesagt, ich muss überlegen und zu Hause fragen. Ich glaub, meine Eltern waren froh, dass sie ein Maul weniger zu stopfen hatten und haben ja gesagt. Zu meinen Eltern hatte ich aber auch nachher immer Kontakt und auch meine Zieheltern waren gut zu mir.

Wo sind Sie in die Schule gegangen?

Mit dem späteren Choreographen Hans Kresnik bin ich auf die Hauptschule gegangen, und nachher auf die Kunstgewerbeschule am Ortweinplatz – auf die Keramik, weil meine Ziehmutter geglaubt hat, das ist was für mich. Bei Professor Adametz – ein sehr guter Keramiker. Der war gut befreundet mit dem Wotruba und hat mich sehr angeregt nach Wien zu gehen. Die Schule hab ich dann nicht mehr fertig gemacht.

Wie war das Graz der fünfziger Jahre für einen jungen Menschen?

Kann ich nicht mehr sagen, ich war froh, dass ich so schnell wie möglich weg komme. Letztendlich bin ich so schnell zum Bahnhof, dass ich sogar im falschen Zug gesessen bin: nach Wien über die Ost­steiermark.

Und dort?

Bei der Aufnahmeprüfung an der Akademie bin ich zuerst einmal durchgefallen, weil ich nichts abgegeben habe. Von den Leuten in Wien hab ich den Wolfgang Bauer und den Reinhard Priessnitz schon von Graz gekannt, mit dem Forum war ich schon sehr früh sehr verbunden, weil der Peter Pongratz mit mir in die Schule gegangen ist. Ich war bei vielen Veranstaltungen und bin auf die Akademie Aktzeichnen gegangen. Was ich wirklich will, hab ich nie so genau gewusst, das hat sich erst nach und nach heraus kristallisiert.

Sie haben dann in der Meisterklasse bei Professor Gütersloh studiert, wann sind sie fertig geworden?

In dem Moment, in dem ich aufgehört habe. Der Abschluss selbst hat mich nie sehr interessiert. Oder ich war zu wenig diszipliniert – das kann ich nicht beurteilen.

Seit wann können sie von der Malerei leben?

Das konnte ich erst sehr spät. Die Zieheltern haben mich lange unterstützt. Wie der Erfolg gekommen ist, kann ich nicht sagen. Ich habe begonnen auszustellen, und die Leute haben sich dafür interessiert.

Welchen Ratschlag würden Sie einem jungen Künstler geben?

Wie soll ich das machen? Ich kann ihnen gar nichts raten. So etwas gibt es auch gar nicht. Jeder kommt von sich aus drauf.

Mit dem Zirkus Speisoda um Wolfgang Bauer und Reinhard Priessnitz waren Sie auch bei den Anfängen des Steirischen Herbsts...

Das war damals die Zeit der Arena-Bewegung, in einem kleinen Wohnwagen war auf dem Gelände des besetzten St. Marxer Schlachthofs auf dem der ältere Herr Antalek einquartiert. Mit seinen dressierten Hunden, einem Schimpansen, einem Bären, einer Python ...und ein Krokodil hat er gehabt. Wie in einem Geigenkasten ist das dort in einer kleinen Schachtel gelegen. Der war froh, dass er wo untergekommen ist und hat dort Vorstellungen gegeben. Der Wolfgang Bauer ist gerade von Amerika zurück gewesen und wollte sich die Arena anschauen, vom Steirischen Herbst ist er kurz zuvor gebeten worden, auch etwas zu machen. So kam es zur Idee für den Zirkus Speisesoda. Dass André Heller gerade mit dem Roncalli Furore machte, war der Kontext.

Wie war das Publikumsinteresse?

Das hat sich irrsinnig herumgesprochen: Das Fernsehen ist interviewen gekommen, die Zeitungen haben geschrieben. Und wir haben Schmäh geführt. Wir haben gesagt: Das Krokodil kann Kartenzwicken und steht beim Einlass. Viele Kinder waren schwer enttäuscht...  

Das Projekt ‚Vienna Working Group: Motion‘ ist in Theaterkreisen heute immer noch ein Begriff. Wer war da damals aller dabei?

Ich hab das Plakat gemacht, die Dichter haben gedichtet: Eben der Reinhard Priessnitz, der Wolfgang Bauer, Gunter Falk, Otto Kobalek, Joe Berger, Tony Dusek – der Gründer der ‚Vienna Working Group: Motion‘.

Wie ist der Zirkus von Wien nach Graz gekommen?

Die Tiere sind mit dem Zug vom Südbahnhof weggefahren, bei der Ankunft in Graz sind alle frei im Waggon herum gerannt: Der Schimpanse hat sämtliche Käfige aufgemacht. Mit dem Traktor sind Sie dann zum Orpheum, und dann ist es los gegangen: ein fürchterlicher Skandal. Eine einzige Aufführung hat es gegeben, und die nur bis zur Hälfte. Wie der Priessnitz angefangen hat zu reden, waren schon alle weg. Wir haben fürchterliche Kritiken bekommen. Nachher wollte uns niemand auszahlen – Katastrophe.

Was war der Grund für den Misserfolg?

Es war einfach schlecht. Die Hunde haben genau zwei Kunstücke gekonnt: Manderl machen und über einen Stecken springen. Und gegen den Bären, haben wir gesagt, kann man kämpfen. Der hat aber fest getrunken, war immer besoffen und ist schon von alleine umgefallen. Ich glaube, der Zirkus Speisesoda wird immer besser, je länger er her ist: Da wird auch viel hineingeheimnist. Letztendlich war das eine Blödelei, wo die Leute auch für sich selbst geschrieben haben. Die meisten sind ja schon eine Woche vorher runter gefahren, und haben sich gegenseitig aufgedreht. Ich glaub die Grazer waren froh, dass alle wieder abgehaut sind. Und die Zeitungen haben geschimpft: „Für das auch noch Geld verlangen – Frechheit!“

War der Zirkus Speisesoda politisches Theater? Quasi als Gegenprogramm zum Herbst?

Das wäre verfehlt. Nicht wirklich gegen den Steirischen Herbst. Eher als Nebenschiene: Dass die ‚Vienna Working Group: Motion‘ gegen die Hochkultur und das Establishment angetreten sind, stimmt natürlich schon. Aber nicht gezielt gegen wen oder was.

Kommen Sie heute noch zum Herbst?

Beim Wolfgang-Bauer-Stück war ich dort. Wenn mir etwas gefällt, dann fahr ich hin. Aber allein wegen dem Festival komm ich nicht.

Würden sie sich als politischen Menschen bezeichnen?

Ich war immer ein politischer Mensch. Weil ich sehr wohl glaube, dass die Politik sehr das Leben beeinflusst. Entweder man ändert diese, oder man muss es sich gefallen lassen.

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