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Born in 2003

Von: Bernhard Wolf

AUSGESPIELT
Das Kulturhauptstadtjahr und die Jugendkultur. Eine hoffnungsvolle Liasion mit bisweilen ernüchternder Zwischenbilanz: Unmut unter Fünfjährigen und Katerstimmung in der Popkultur.

Wir alle kennen das und es tut uns auch nicht immer Leid: Nach einer beschwingten Party gibt‘s oft Kopfweh. Während die zukünftige Kulturhauptstadt Linz froh nach 2009 blickt und alles Mögliche nicht so wie Graz machen will (zumindestend die freie Szene kündigte dies an), übt sich Graz in Selbstfindung nach dem Spektakel. Die Stadt wird sich auf der Suche nach der historischen Wahrheit in Sachen Nachhaltigkeit zwischen den Feuerwerken der 2003-Intendanz und den immergrünen Unkenrufen provinzieller Platzhirschen wohl einer unspektakulären Position der Mitte annähern müssen.
Lassen wir budgetäre Aufrechnungen beiseite und wenden wir uns denen zu, für die die Nachhaltigkeit á la longue gesehen erfunden wurde: der Jugendkultur und ihrer Platzierung im Rahmen von 2003.  Ein kleines, aber feines Mahnmal grüßt schon seit über einem Jahr auf der Millionen-Euro-Murinsel. „Spielplatz vorübergehend geschlossen. Graz 2003“ , als bescheidenes Bekenntnis zum fortlaufenden Ringen den 2003 publizierten Schein im zweiten Jahr danach doch noch zum Sein werden zu lassen. Wir erinnern uns: Das mächtige Eiland wurde der Grazer Bevölkerung als multifunktionelles Ensemble ans Herz gelegt. Café, Veranstaltungsort und Spielplatz für die ganze Familie.  Der „schwarze Peter“ liegt laut Mag. Günther, Geschäftsführer der 2003 GmbH , die die Murinsel weiter verwaltet , bei der Lieferfirma der Seile, die wiederholt Auflagen des TÜV nicht erfüllen konnte. Das große Finale in Sachen Acconci für Kinder ist jedoch mit der angekündigten Instandsetzung im Frühjahr 2005 in greifbare Nähe gerückt.

Schwieriger gestaltet sich das Werden in einem der 2003-Flagschiffe im Jugendkulturbereich. Das „project pop culture“ kurz p.p.c., trat an, um auf dem Gelände der ehemaligen Discothek „Theatro“ in der Neubaugasse eines der europaweit größten Zentren für Jugendkultur mit  entsprechender   Infrastruktur  entstehen zu lassen, einen idealen Hafen für den Nachwuchs und mehrere umtriebige Grazer Veranstalter wie Zeiger, Vipers, Kim, Explosiv und Radio 97,9. Anfang 2005 finden sich jedoch noch immer keine der angekündigten Einrichtungen wie „leistbare Probe- und Produktionsräume“ (Graz 2003 Programmkatalog) auf dem weiträumigen Gelände. „Unser Frustrationsgrad ist hoch. Von den für die junge Szene wirklich attraktiven Maßnahmen ist bis dato nichts umgesetzt“, meint Rene Molnar vom Explosiv.  Tatsächlich steht der Grazer Jugend derzeit nicht mehr als ein renoviertes „Theatro“ und eine Beteiligung in eher traditioneller Form zur Verfügung. Als zumeist zahlende KonsumentInnen eines Veranstaltungsortes, den von anderen hippen Orten in der Stadt wie etwa der Postgarage eigentlich nur eines unterscheidet: Ein wenig erfülltes, ambitioniertes Konzept unter hohem Einsatz öffentlicher Fördergelder. Laut Geschäftsführer Wolfgang Rajakovic waren explodierende Kosten beim Umbau sowie Probleme bei der Erschließung weiterer Räumlichkeiten am p.p.c.- Areal dafür verantwortlich: „Eine Situation, die sich ab 2005 schrittweise bessern soll. Wir halten am ursprünglichen Konzept trotz Verzögerung fest und hoffen, dass wir heuer die ersten Proberäume anbieten können.“ Der Radiosender FM 97,9, bereits Veranstaltungsgröße an mehreren anderen Orten, will sich in Zukunft vermehrt dem p.p.c. widmen und es promoten. Bleibt zu hoffen, dass auf diesen zeitlichen und inhaltlichen Umwegen eines nicht verloren geht – die Rechtfertigung des p.p.c. als umfassende Spielstätte für Pop, also auch für Experimentelles, Kleinveranstalter und Nachwuchsförderung.

Dass nicht alle Jugendprojekte der Kulturhauptstadt den steinigen Weg gehen, zeigen  erfolgreiche Unternehmungen, die auch nach 2003 kräftige Lebenszeichen von sich geben. Die Musikprojekte der DJ AktivistInnen von „Brighton Calling“, das kürzlich eröffnete Labor, eine offene Arbeitsstätte für junge VeranstalterInnen, das Comicfestival im Forum Stadtpark sowie die Theaterschienen interact und shortcuts.

Weiterführende Informationen unter:

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Friedrichgasse 36, 8010 Graz
Tel: 0316/8015 650
Fax: 0316/81 23 99
megaphon@caritas-graz.at
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