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Wie die Ameisen

Von: Ingrid Brodnig

Warum sollte sich der durchschnittliche User für Open Source interessieren? Weil der Gedankedahinter clever ist und Open Source Software durch sehr gute Leistung und einen fairen Preis überzeugen kann – auch große Städte wie München und Wien. Und was meint Graz?

Fast jeder schreibt mit Microsoft Word. Warum eigentlich? Alternativen zu Microsoft Office vollbringen gleiche Leistungen wie das Paket mit Word, Excel, Power Point und Co – und sind dabei weitaus günstiger. Insbesondere die Bürosoftware OpenOffice.org – sie ist von jedem jederzeit downloadbar und sogar gratis. Denn die grundlegende Idee dahinter ist Open Source.
„Wenn mir ein Programm nicht gefällt, kann ich mir unmittelbar ein anderes herunterladen. Und befinde mich dabei nicht im illegalen Bereich wie bei Microsoft, wo alle Raubkopien verwenden“, erklärt Renate Oblak, EDV-Technikerin bei mur.at. Als Betriebssystem verwendet die EDV-Technikerin Linux – eines der bekanntesten Beispiel für Open Source Software (OSS). Aber längst nicht das einzige – von Chatprogrammen über Bürosoftware bis hin zu E-Mail-Programmen lässt sich Open Source einsetzen. Zunehmend zeigt sich, dass auch durchschnittliche User OSS verwenden – mit drei guten Gründen: Erstens erfüllen die Programme die User-Bedürfnisse, zweitens sind sie besonders stabil und sicher und drittens kosten sie gar nichts oder wenig. Und das funktioniert wie bei den Ameisen.

Die Masse macht den Erfolg
Kann eine Ameise den Pfirsich vor sich nicht alleine heimtragen, helfen ihr zahlreiche andere. Die Masse macht den Erfolg. Ähnlich funktioniert es mit Open Source: Ein Programmierer schreibt an einem Programm, macht es allgemein zugänglich und erlaubt, dass sein Programm von anderen weiterentwickelt wird. Dass mehrere Menschen an einem Programm feilen, beschleunigt die Entwicklung – Sicherheitslücken werden leichter entdeckt und behoben. „Da wird das Endprodukt natürlich viel besser, als wenn nur ein einziger daran arbeitet“, meint Renate Oblak.
Übersetzt bedeutet „Open Source“ offener Quelltext. Quelltext ist jener Text, in dem ein Programm geschrieben wird – wäre Programmieren wie Kochen, wären die Zutaten und das Rezept der Quelltext und das fertige Gericht das Programm. Bei Windows sieht man jedoch nicht, was die Zutaten sind. Denn bei der sogenannten „proprietären Software“ ist eine Einsicht in den Quelltext nicht erlaubt. „Das ist, wie wenn ich mir eine Packerlsuppe kaufe und nicht weiß, was drinnen ist“, erklärt Renate Oblak.
Für Entwickler ist der große Vorteil von Open Source, dass sie auf Ressourcen zurückgreifen können, die sie sonst niemals hätten. So zählt etwa die größte Webseite zur Entwicklung von OSS, SourceForge.net, mehr als 80.000 Projekte und 800.000 Mitarbeiter. „Bei Open Source arbeiten kluge Leute mit, die man sonst auch gar nicht kaufen könnte“, erklärt Dietmar Mosbacher, Lehrender an der FH Joanneum und Macintosh-Anhänger der ersten Stunde.
Apple ist ein gutes Beispiel für einen großen Konzern, der die Vorteile von Open Source bereits erkannt hat. Denn mit ihrem zehnten Betriebssystem brachten sie Open Source in die Welt des Mac. Mosbacher ist vom Ergebnis beeindruckt: „Man müsste mich zwingen, auf ein früheres Macintosh Betriebssystem zurückzukehren.“

Kostenfrage
Trotzdem ist Microsoft bei den Marktanteilen unangefochten die Nummer 1. Windows hat einen elementaren Vorteil: Als Standard-Programm können die meisten Menschen damit umgehen. Nachteil: All die Menschen, die Windows und Office benützen, müssen dafür zahlen – auch wenn vermutlich die allgemeine Ehrlichkeit so hoch ist wie bei den Tageszeitungsständen am Sonntag.
Für Unternehmen ist der Einsatz von Open Source somit auch eine Kostenfrage – Magna Steyr und die Caritas setzen teilweise Linux-Server ein. „Linux ist von der Software her wesentlich günstiger, läuft sehr stabil und ist aus dem Internet weniger angreifbar, etwa von Viren und Würmern“, erklärt Wolfgang Riebenbauer, IT-Leiter der Caritas Graz. Der Großteil der steirischen Caritas-Server laufen auf Linux – zum Beispiel der Mailserver. Für kleine Unternehmen kann das Betriebssystem besonders sinnvoll sein, meint er. Ein Problem ist jedoch, geschultes Personal zu finden.
Probleme beim Umstieg zu Linux sieht DI Friedrich Steinbrucker. Er leitet die Abteilung für Informationsmanagement der Stadt Graz und beobachtet insbesondere das Vorhaben der Städte Wien und München: München stellt gänzlich auf Linux um - bis 2008 sollen alle 14.000 Arbeitsplätze damit laufen. „Sanfter“ geht die Stadt Wien vor – ihre 16.000 Arbeitsplätze bekommen zum Teil Open Source Software, knapp 5000 PCs sollen mit Linux betrieben werden. Ausgelöst hat das Ganze Microsoft selbst, als es den Support für Windows NT beendete – nun mussten die beiden Städte auf ein neues Betriebssystem umsteigen. Die Wahl fiel auf Linux, da es auf lange Sicht weniger kosten und sicherer sein sollte.
So ganz glauben will DI Steinbrucker das nicht: „Unleistbar“ wäre ein Umstieg für die Stadt Graz. Die Lizenzen machen etwa fünf Prozent des Budgets seiner Abteilung aus - „eine reine Kostenentscheidung würde einen Umstieg auf Open Source nicht befürworten. Gerade beim Wechsel der Software entstehen hohe Kosten, da wir die Mitarbeiter schulen müssten.“ Auch gäbe es Applikationen, für die noch keine entsprechende Open Source Software bestünde. „Der Vorteil läge natürlich darin, sich dem Lizenz-Monopol von Microsoft zu entziehen“, überlegt er. Der Umstieg von München habe aber auch schon jetzt einen „Riesenvorteil“: Microsoft ging mit seinen Lizenzgebühren zurück.
Hier tritt die politische Kraft von Open Source Software zutage. Während von manchen die Begeisterung für Open Source als Mode eingestuft wird, glauben andere, dass durch vereinte Kräfte ein Gegenpol zu den Monopolen entstehen kann. Viele Ameisen können auch eine Raupe besiegen. „Zwang ist aber immer schlecht“, meint Renate Oblak. Wer Windows verwenden will, soll Windows verwenden. Wichtig ist eben, dass es neben Ameisen, Würmer, Raupen und viele andere Tiere gibt.

Mozilla Firefox
Webbrowser - Firefox hat erstmals seit 7 Jahren den Internet Explorer unter 90% Marktanteil gebracht (Quelle: OneStat.com). Gilt als sicherer und stabiler (http://www.mozilla.orgwww.mozilla.org)


Mozilla Thunderbird
E-Mail-Programm – Selbe Entwickler wie bei Firefox, Alternative zu Outlook (http://www.mozilla.orgwww.mozilla.org)

OpenOffice.org
Office-Paket – Alternative zu Microsofts Office (http://de.openoffice.orgde.openoffice.org)

GIMP
Bildbearbeitung – Alternative zu Adobes Photoshop (http://www.gimp.orgwww.gimp.org)

VLC Media Player
Multimedia-Player – zum Ansehen von Videos, DVDs etc. - vielseitig einsetzbar (http://www.videolan.org/vlcwww.videolan.org/vlc)

A Note
Elektronischer Notizblock – Praktisch wie Post-Its, nur am Desktop (http://a-note.sourceforge.neta-note.sourceforge.net)

Knoppix
Linux-Distribution – Zum Ausprobieren, startet von CD ohne Installation (http://www.knopper.net/knoppixwww.knopper.net/knoppix)


Leserkommentar:

open source - eine chance holger.maier@zulu-ebooks.comHolger Maier   07.01.05,12:42

wir sind eine junge community (1.1.2005), die eben in diesem open source bereich tätig wird.
Unser Streben gilt open source eBooks, also Texten, deren Autoren keinen Verlag finden und somit sich selbst verkaufen müssen. Wir bieten ein kostenloses Portal an, um einerseits mehr Menschen zu erreichen als mit einer privaten Website, und um andererseits eine Diskussionsplattform entstehen zu lassen, die eben diese Texte kritisiert. Ziel soll es sein erstens Autoren und Leser auch jenseits eines Verlages zusammenzubringen, und zweitens unter Umständen Autoren und Verlage aneinander zu binden.

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