STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2004/Februar/Kinderbetreuung im Kreuzfeuer/
drucken drucken 

Kinderbetreuung im Kreuzfeuer

Von: Claudia Windisch

Zwischen Kinder(geld)glück und schuldpsychotischen Karrieremüttern scheinen sich immer größere Welten aufzutun: Während alles nach mehr Kinderbetreuungsplätzen schreit, wird gleichzeitig der Ruf des schlechten Gewissens immer lauter.

Rabenmütter!?
Subtile Schuldzuweisungen sind hierzulande tatsächlich noch immer stark verbreitet. Kaum ein berufstätiger Vater mit zwei Kindern wird erstaunt gefragt: „Wie machst du das nur?“ Und jene Väter, die sich zu einer „Papakarenz“ hinreißen lassen (wohl kaum des Einkommens wegen) werden bewundert, anerkannt und vom Land geehrt. Im August 2003 wurden österreichweit 2,3% Karenzväter verzeichnet. Die Steiermark lag mit 1,7% Kindergeld beziehenden Vätern unter dem Durchschnitt. Ob der Imagewandel vom „Softie“ zum „Coolen“ gelingen mag, wird sich weisen. Eine Kampagne zur Bewusstseinsbildung in der Öffentlichkeit zur „Schuldbefreiung der Mütter“ bzw. zu deren Imagewandel wäre derzeit dringender von Nöten.

Bewusstseinsbildung
„Kinder sind wie Seismographen - wenn eine Mutter ein schlechtes Gewissen hat, weil sie arbeiten geht und ihr Kind in eine Krabbelstube muss, dann spürt das Kind die Schuldgefühle der Mutter und leidet unter der Trennung“, erklärt Frau Leitgeb, „aber meist leben sich die Kinder bei uns sehr schnell ein und fühlen sich wohl, während die Mütter noch immer weinen, obwohl ihre Kinder schon längst damit aufgehört haben.“ Dies bestätigt auch Brigitte Friedrich, Leiterin des interkulturellen Kindergartens, Graz: „Wir müssen eine andere Sicht der Dinge bekommen, denn ein Kind lernt nicht ausschließlich von der Mutter, sondern ebenso von seiner gesamten Umgebung. Wichtig ist, dass den Müttern die Schuldgefühle genommen werden, denn jede Frau hat das Recht, neben den Kinderpflichten einer Arbeit nachzugehen bzw. sich selbst zu verwirklichen.“ Auch Frau Friedrich musste im Vorjahr 42 Kinder aufgrund von Platzmangel abweisen. Derzeit benötigen 95 Prozent der Kinder einen Ganztagesplatz, einige Kindergartenkinder sind bis 18. 30 in Betreuung. „Wenn genug Rücksicht auf den individuellen Rhythmus eines jeden Kindes genommen wird, viel Bewegungsraum und genügend Ruhephasen ermöglicht werden, haben die Kinder damit überhaupt keine Schwierigkeiten“, erklärt Frau Friedrich.  Durch lustbetonte Freizeitgestaltung zeichnen sich auch die Schülerhorte aus. Der Blick hinter die Hortkulissen zeigt: Spaß und Freude, gemeinsame Aktivitäten, spannende Unternehmungen, wichtige Sozialkontakte, ... gelebte Schlagwörter und glückliche Hortkinder - Frau Ursula Fürst, Leiterin des Krones-Horts, Graz, berichtet: „Wir arbeiten „familienunterstützend“. Selbst wenn ich als Mutter daheim bin, betreue ich mein Kind nicht rund um die Uhr. Im Hort hingegen haben wir ein vielfältiges Betreuungsangebot, ausgebildete Hortpädagoginnen, die Kinder genießen viel Freiraum und können sich kreativ ausleben. Ich kann im Hort keine Nachteile sehen, die Kinder kommen sehr gerne hierher“. Offenes Denken ist angesagt! Sowie Frau Fürst plädiert auch Christian Theiss, Kinder- und Jugendanwaltschaft, für ein vorbildlich funktionierendes Hortsystem, wie es in den skandinavischen Ländern Selbstverständlichkeit ist. „Ich sehe es als nicht so tragisch, ob es nun die Mutter ist, die auf ihr Kind schaut oder eine Betreuerin - wichtig ist, dass Kinder ihre Zeit „zweckfrei“ verbringen können und dass auf ihre Entwicklungsbedürfnisse Rücksicht genommen wird. Wir können das Rad nicht mehr zurückdrehen und solange wir keine besseren Alternativen finden, brauchen wir den Jetztzustand nicht bedauern.“ Fazit ist: die Situation ist eine andere. Dies als gegeben hinzunehmen, ist wohl ein wesentlicher Schlüssel zum (Lebens-) Erfolg, denn: alles ist anders: anders als früher, anders als gestern, anders als die anderen, morgen wird es anders sein, ich mach es anders als du, du denkst anders als ich,…für jeden ist etwas „anderes“ das Richtige und jede Mutter macht es anders und somit richtig.

Weiterführende Informationen unter:

MEGAPHON, Auschlössl
Friedrichgasse 36, 8010 Graz
Tel: 0316/8015 650
Fax: 0316/81 23 99
megaphon@caritas-graz.at
www.megaphon.at/de/strassenmagazin/archiv/megaphon_2004/februar/120/