STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2004/Februar/Wider die Gefräßigkeit des Kapitalismus/
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Wider die Gefräßigkeit des Kapitalismus

Von: Robert Reithofer

Wege in eine andere Zukunft: Robert Reithofer, Geschäftsführer von ISOP (Innovative Sozialprojekte - GmbH), nahm als Delegierter am Weltsozialforum in Bombay teil. Für das MEGAPHON berichtet er von seinen Eindrücken.

In der Hoffnung hier ihr Glück zu finden, kommen täglich tausende ArmutsmigrantInnen aus ganz Indien nach Bombay (Mumbai): Offizielle Angaben sprechen von 14 Millionen EinwohnerInnen, tatsächlich dürften es zumindest 16 Millionen sein. In Bombay, einer der weltweit am dichtesten besiedelten Städte, prallen auf engstem Raum enorme Entwicklungswidersprüche aufeinander. Rund die Hälfte der EinwohnerInnen lebt in Slums. Im Elendsviertel Dharavi, dem größten Slum Asiens, leben mehr als 500.000 Menschen, ein Gutteil davon ohne Strom und Zugang zu frischem Wasser, wo unter widrigsten Umständen und ohne soziale Absicherung zahllose Kleinstunternehmen tätig sind.  Gleichzeitig ist Bombay das pulsierende ökonomische Zentrum Indiens, das fast die Hälfte der Einkommenssteuern des Landes erwirtschaftet und wo zahlreiche Multis ihren Sitz haben.
Nicht zufällig also fand das 4. Weltsozialforum (WSF) in Indien, der größten Demokratie mit den meisten Armen (über 400 Millionen nach UN-Statistiken) statt: Auf der Suche nach einer anderen Welt trafen sich soziale Bewegungen und AktivistInnen aus über 150 Ländern, deren Engagement sich als ideologisch sehr heterogene Alternative zum Weltwirtschaftsforum in Davos, dem Treffen der Reichen und Mächtigen dieser Welt, versteht.

Als Wasserdiebinnen verhaftet
Die in Großveranstaltungen und Workshops behandelte Themenpalette war außerordentlich breit angelegt: Die Zerstörung der Umwelt, Nahrungsmittelsicherheit, die Diskriminierung von Frauen und Minderheiten, das Kastensystem, der religiös motivierte Fanatismus, Rassismus, Migration und die Privatisierung der Wasserversorgung wurden diskutiert.  Die Auswirkungen der Politik der Weltbank, der Welthandelsorganisation (WTO), von Agrarkonzernen und des US-Militarismus stellten Schwerpunkte kritischer Auseinandersetzungen dar.
Der Ortswechsel - die ersten drei Weltsozialforen fanden seit 2001 im südbrasilianischen Porto Alegre statt - ermöglichte die starke Einbeziehung asiatischer Themenstellungen, zudem war rund die Hälfte der 100.000 TeilnehmerInnen aus ganz Indien angereist. Der indische Verband der Volksbewegungen (National Alliance of Peoples Movements) hat dazu in monatelanger Vorarbeit Kontakte zu Initiativen in ganz Asien geknüpft. Ihren Kampf gegen die Diskriminierung durch das Kastensystem artikulierten die Bewegungen der Dalits, der Unberührbaren. Sie berichteten von der Benachteiligung am Arbeitsplatz und der Segregation im Wohnbereich. Aufgrund der Liberalisierung im landwirtschaftlichen Sektor ziehen immer mehr Dalits - besonders Frauen - in die Städte, wo sie sich in den Slums etwa als SchrottsammlerInnen verdingen.
„Lebensmittel werden großteils von Frauen hergestellt, gleichzeitig findet eine massive Umverteilung von den Frauen zu den Männern, von den Armen zu den Reichen statt“, konstatierte die bekannte Aktivistin Vandana Shiva und forderte die Verstärkung des Kampfes für Nahrungsmittelsouveränität ein. Gerechter Handel auf der Grundlage von Selfreliance sei die Notwendigkeit von Landwirtschaftspolitik nach Cancun. Die Privatisierung des Wassers in Indien betrifft Frauen ganz besonders, die als Wasserdiebinnen verhaftet werden, wenn sie Wasser aus verkauften Flüssen schöpfen wollen, um die Wäsche zu waschen.

Schutz für verschwenderische Lebensweise
„Man kann Elektrizität nicht trinken“, hielt die im Widerstand gegen das Staudammprojekt am indischen Narmada-Fluss engagierte Medha Paktar leidenschaftlich fest und verwies auf die katastrophalen sozialen und humanitären Folgen dieser gigantomanischen Politik. „Denkt nicht, die Opfer einer Regierung seien nur jene, die getötet oder eingesperrt wurden. In diesem Lande gibt es Millionen von Menschen, die vertrieben oder enteignet worden sind“, so Arundhati Roy, die bekannte indische Schriftstellerin, um zu resümieren: „Apartheid ist überflüssig geworden, schließlich gibt es den Internationalen Währungsfonds, die Weltbank und die Welthandelsorganisation. Und so funktioniert die Weltwirtschaft: Ein Kleidungsstück, das in einem Land wie Bangladesh produziert wurde, wird mit zwanzigmal mehr Abgaben belegt als eines, das aus England oder einem anderen wohlhabenden Land stammt. Nachdem koloniale Regime die Länder des Südens mehr als fünfzig Jahre lang ausgeraubt haben, sind die armen Länder heute dazu verdammt, jährlich 382 Milliarden US-Dollar an eben jene Länder zurückzuzahlen, die sie vorher geplündert haben.“
Dass auch scheinbare umweltpolitische Fortschritte wie das Kyoto-Protokoll zwiespältig zu sehen sind, darauf machte das indische Forum der Waldbevölkerung und Forstarbeiter aufmerksam: Sei die Waldbevölkerung früher von den britischen Kolonialherren und dann von großen Holzunternehmen vertrieben worden, so seien zur Zeit westliche Staaten und Konzerne wie Shell das Problem. Um weiterhin fossile Energieträger verkaufen und verbrauchen zu können, werden  von diesen in südlichen Ländern wie Indien monokulturelle Baumplantagen gefördert, für die sie dann per Kyoto-Protokoll Emissionsgutscheine erhalten. „Das ist kein Umweltschutz, sondern nur der profitable Schutz einer verschwenderischen Lebensweise“, kritisiert das Forum der Waldbevölkerung.
Zur Zukunft des Weltsozialforums
Wie ist das WSF in Bombay rückblickend einzuschätzen und was kann für die Zukunft aus den Erfahrungen strategisch abgeleitet werden? Zweifellos positiv ist, dass wie bei keinem Forum zuvor die Stimmen der Verdammten dieser Erde zu Wort gekommen sind. War das WSF bislang stark auf Lateinamerika und Europa konzentriert, so ist es in Bombay gelungen, eine Erweiterung um Asien zu vollziehen. Fragen, die sich für das WSF immer dringlicher stellen werden, beziehen sich vor allem darauf, inwieweit das Forum mehr ein Ort des Austauschs bleiben soll oder aber stärker politische Interventionen vorbereiten sollte. Dazu kommt das bislang in Schwebe gehaltene Verhältnis zwischen sozialen Bewegungen und politischen Parteien.
Daniela Pamminger von feminist attac in Graz ist da pragmatischer in ihrem Resümee: Sie sei fasziniert gewesen vom starken feministischen Zugang, Gender Mainstreaming sei mehr als ein Schlagwort gewesen. Pamminger hebt weiters positiv hervor, dass anders als in Europa auch untere soziale Schichten und AnalphabetInnen stark vertreten waren. Letztlich aber, so Pamminger, sei der Schauplatz des politischen Kampfes vor Ort zu suchen und nicht beim Weltsozialforum.

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