STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2004/Februar/Ein Schlag, ein Treffer, ein Leben/
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Ein Schlag, ein Treffer, ein Leben

Von: Judith Schwentner

Auf den Weg des Schwerts begeben sich nicht nur traditionsbewusste JapanerInnen: auch im Kendo Verein Graz strebt man bereits seit zehn Jahren nach der Einheit von Ken und Zen.

Mit Erreichen des Orts, einem banalen Turnsaal in einer Grazer Volksschule, lässt man das, was man hinlänglich unter „sportlichem Ausgleich in der Freizeit“ versteht, auch schon hinter sich. Obi, zumindest ein Wort, das im aktiven Zusammenhang logisch erscheint, entpuppt sich nicht als das wohlverdiente Erfrischungsgetränk nach dem Training, sondern als Teil der Ausstattung - als Gürtel. Sicher: Judo und Karate sind auch nicht gerade traditionelle europäische Sportarten, aber es betreibt sie zumindest mittlerweile auch schon so manches Kind. Aber warum, bitte schön, kämpft man mit Shinai, einem Bambusfechtstock, ergreift man die Holzschwerter Bokuto und Bokken, und zieht dem Gegner ein über ein Meter langes Katana, Langschwert, - zumindest symbolisch - über den Schädel?
Auf dumme Fragen bekommt man hier jedenfalls keine dummen Antworten. Mit stoischer, höflicher Zurückhaltung (und wahrscheinlich einem leisen Zen-Lächeln im Bauch) versuchen Sensei, der Meister, wie Sempei, seine MeisterschülerInnen, sämtliche Unklarheiten beim Besuch des Trainings sanft zu beseitigen. Zumindest eines ist von Anfang an klar: Hier geht's ganz schön diszipliniert zu. „Icchi, Ni, San, Shi“ schreit ein Sempei beim Training, „Go, Rokku, Shitch, Hatch“ rufen die SchülerInnen zurück, „Hatch, Kyu, Tschu“ alle gemeinsam - und zählen dabei eigentlich immer nur von Eins bis Zehn. In mönchischer Kleidung, Kimono und Hosenrock in dunklem Blau (bei dem selbst jede Falte eine Bedeutung hat) und mit strenger Zurückhaltung wird hier trainiert. Niemand plaudert so zwischendurch mit seinem Nachbarn, selbst die Aufstellung erfolgt streng hierarchisch.
Bei keiner der Schwertkampf-Disziplinen, und somit in der Kunst des Kämpfens, geht es um Sieg und Niederlage. Sie alle basieren auf den philosophischen Grundsätzen des Zen-Buddhismus: Man kämpft nicht nur gegen äußere Gegner, sondern auch gegen sich selbst. „Das Ego hinter sich lassend, soll man ‚reinen Herzens' üben, unbekümmert um ein fernes Ziel und ohne Streben nach Nutzen.“ Klingt schön, und sieht auch noch dazu sehr schön aus - kann zumindest der Laie so ganz unbedarft sagen. Dass das Ganze dann auch noch für den täglichen zwischenmenschlichen Umgang von nicht zu verachtendem Wert sein kann, erscheint unbestritten. Heißen doch die obersten Prinzipien aller Budodisziplinen: Höflichkeit, Mut, Ehrlichkeit, Ehre, Bescheidenheit, Respekt, Selbstkontrolle und Freundschaft. Keine Pfadfindertugenden, sondern Grundvoraussetzungen für die Ausübung von Kampfdisziplinen, bei denen Stöcke wie Schwerter nicht ins Leere oder zu Verletzungen führen sollen. Man kann dabei im Laufe der Jahre zwar einige Schülergrade und Dan-Stufen erreichen, aber: „Kendo betreibt man ein Leben lang, ohne es wirklich zu verstehen.“ Obi pur, nicht g’spritzt!

Shindokan Dojo Graz
Tel. 0650/5282621, info@shindokan.atinfo@shindokan.at, Einstieg ins Training ist jederzeit möglich.



Leserkommentar:


Treffer! nikolaia@sms.atnikolaia   04.05.05,11:36

..Eine wunder bare Beschreibung vor allem der ersten Eindrücke...(das Zählen ist am anfang beindruckender als man glaubt).
Und trotz aller Disziplin wird eine(r)doch nie den Spaß dabei missen.lg


sitchi umbriel@gmx.atDrazen-san   04.09.04,16:24

also nochwas: sitchi schreibt man ohne t: sichi=sieben


Zählen umbriel@gmx.atDrazen-san   04.09.04,16:18

ichi, ni, san, shi/yon, go, roku, sichi/nana, hachi, kyu, JU und nicht tschu. wollt ich nur mal sagen. :)


Schöner Artikel admin@eloah-art.netElmar C. Fuchs   26.03.04,08:27

Sehr schöner, einfühlsam und spritzig geschriebener Artikel, der richtig Lust auf Kendo macht. Kleine Anmerkung dazu: Im Kendo trägt man normalerweise keinen Obi ;-) (sehrwohl aber in Iaido und Jodo)

Weiterführende Informationen unter:

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Friedrichgasse 36, 8010 Graz
Tel: 0316/8015 650
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