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Soziale Nahversorgung

Von: Florin Mittermayr

LEBENSMITTE(L) Ob Vinzidorfbewohner, LKH-Professoren oder Volksschüler: Wenn Ende des Jahres das Ehepaar Plendner ihr Feinkostgeschäft für immer zusperrt, ist das ein schwerer Schlag für die gesamte Nachbarschaft.

Seit Jahrzehnten steht sie an der Mauer und brummt bescheiden vor sich hin. Dabei hätte die alte Eistruhe so manche Geschichte zu erzählen: Sie ist das Ziel schmachtender Kinderblicke und der Tresen der Vinzidorfbewohner. Von den Ecken und Kanten im menschlichen Leben hört sie Tag für Tag: „Da sind g’scheite Leute dabei, wenns’d mit ihnen was redest!“ Adolf Plendner, der Besitzer von Eistruhe und Feinkostgeschäft am Leonhardplatz hat das schon immer gewusst. Seit 30 Jahren steht er gemeinsam mit seiner Frau Rosemarie 14 Stunden pro Tag in der Greißlerei, Urlaub und Krankenstand kennt er nur vom Hörensagen. Seine tägliche Motivation ist der Kontakt zu seinen Mitmenschen: „Der Gerhard hat mir einmal seine ganzen Zeugnisse gezeigt: alles mit Auszeichnung. Dann haben ihn seine Arbeitskollegen jeden Tag zum Mitgehen ins Wirtshaus überredet. Ein paar Jahre später war alles weg: der Job, das Geld, die Frau – und heut sitzt er im Vinzidorf.“

Am Anfang war das mit den Kunden aus dem Vinzidorf gar nicht so einfach, erinnert sich Herr Plendner: „Da war die Distanz schon groß: Die haben nicht so recht geglaubt, dass sie hier wirklich willkommen sind. Und die anderen Kunden waren auch ein wenig verunsichert.“ Heute hat sich das längst eingespielt: „Wenn du den Menschen entgegenkommst, kommt das genau so zurück.“ Ein Credo, von dem der großherzige Greißler auch seine Stammkundschaft überzeugen konnte. Schließlich kämen alle noch genau so wie vorher. Eine Klientel, die bunter nicht sein könnte: Die Medizinprofessoren aus dem LKH suchen ebenso die winzige Greißlerei auf, wie die Schüler der nahen Hauptschule und die Hausfrauen aus der Nachbarschaft.

Finanzielle Probleme hatte er nie: „Du musst dir halt was einfallen lassen. Wenn du dich nur hereinstellst und wartest, bis dir wer ein Kilo Zucker abkauft, wird’s nicht gehen.“ Weshalb das Feinkostgeschäft auch einen Partyservice anbietet, für die Erfindung des Ü-Weckerls ist das Ehepaar Plendner sogar in Amerika bekannt: „,Ü‘ steht für Überraschung. Vom amerikanischen Musikinstitut kommen jeden Sommer einige als erstes auf ein Ü-Weckerl zu mir, wenn sie da sind.“

Eine liebgewordene Gewohnheit, die allerdings nächsten Sommer nicht mehr möglich sein wird. Denn mit 31. Dezember hat die alte Eistruhe für immer ausgebrummt: „Jetzt muss ich. Meiner Frau hab ich es ja schon für 2003 versprochen gehabt, aber da konnte und wollte einfach noch nicht aufhören.“ Also einigten sich die beiden auf folgenden Kompromiss: Zwei Jahre wird noch gearbeitet, dann muss endgültig Schluss sein. Kennen gelernt haben sich die beiden über den gemeinsamen Beruf, auch Rosemarie Plendner arbeitet seit ihrer Jugend im Einzelhandel. Seit 36 Jahren stehen sie gemeinsam hinter der Budel, die Freizeit ist dabei ebenso zu kurz gekommen wie die Familien der beiden Eheleute. Jetzt soll endlich alles nachgeholt werden. Obwohl sich auch Frau Plendner das Leben ohne Geschäft noch gar nicht richtig vorstellen kann: „Am Anfang wird das schon schwierig, wenn der tägliche Kontakt zu all den Leuten fehlt. Es war eigentlich immer lustig und wir blödeln viel ... Aber wir freuen uns auch schon: Wir sind beide begeisterte Radfahrer, wollen uns einmal Österreich anschauen. Und Zeit für die Familie haben.“

Das Geschäft hat Adolf Plendner schon verkauft: Die Pfarre St. Leonhard möchte den Kirchenvorplatz hübscher gestalten, Greißlerei und Gartenmauer sollen deshalb abgerissen werden. „Eigentlich ist es mir so am liebsten“, meint dazu der Greissler aus Leidenschaft. „Sonst würd’ ich das Vorbeikommen wahrscheinlich nicht aushalten.“ Doch zuvor sollen noch einmal die Korken knallen: Für den letzten Arbeitstag ist der Sekt schon eingekühlt: „Da feiern wir den ganzen Tag. Mit allen Stammkunden, mit dem Gerhard, dem Lucky, dem Hummelhofer und allen anderen aus dem Vinzidorf.

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