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Just Hangin’ Around?

Von: Florin Mittermayr

TUCHFÜHLUNG Kaum ein anderer Alltagsgegenstand ist so sinnlich, so mobil, so multifunktionell und zugleich so unterschätzt: Die Erforschung der Hängematte ist für die Schweizer Kulturwissenschaftlerin Annemarie Seiler-Baldinger zur Lebensaufgabe geworden.

Genau so sollte eine Hängematte nicht sein... “Vom eilig besorgten Fotomodell ist Annemarie Seiler-Baldinger nicht gerade begeistert. Ihre Dissertation widmete die Schweizer Professorin den Maschenstoffen Lateinamerikas, zum Thema Hängematten gibt es wohl kaum eine kompetentere Ansprechperson in ganz Europa. Am vorliegenden Exemplar stört die Ethnologin vor allem eines: „Die beiden Stecken in der Hängematte. Das ist eine europäische Unsitte. Ein Indianer würde so etwas nie tun - niemals!“
Den Ureinwohnern Mittel- und Südamerikas dient das luftige Maschengeflecht seit über tausend Jahren als Schlafstätte und Lebensmittelpunkt. Außerhalb der neuen Welt ist es erst durch Christoph Kolumbus bekannt geworden. Der nicht nur als Entdecker Amerikas gilt, sondern auch als jener der Hängematte. Sein Bordbucheintrag zum 17. Oktober 1492: „Ihre Betten und Decken sind wie Netze aus Baumwolle“. Die erste Abbildung lieferte zwanzig Jahre später der Chronist von Kaiser Karl V., - Gonzalo Fernández de Oviedo y Valdez. Wodurch das Unheil seinen Lauf nahm: „Am Anfang hatten die Mühe das zu beschreiben, deshalb die Illustration. Eine Hängematte zu zeichnen ist aber nicht einfach, wahrscheinlich wählte Oviedo deshalb die viereckige Form.“ Vorbelastet durch die Vorstellung vom gewohnten Bett wurde diese in unseren Breiten völlig falsch verstanden. Bis zum heutigen Tage bauen die Europäer in ungebrochener Ignoranz Stecken in ihre Hängematten ein. Ein Unverständnis das Annemarie Seiler-Baldinger aus der Welt schaffen will: „Ich habe etliche Jahre gebraucht, um den Zusammenhang herauszufinden.“

Netzwerk der Sinnlichkeit
Den ersten wissenschaftlichen Kontakt mit der großen Liegefreiheit hatte die charmante Schweizerin vor über dreißig Jahren: „Als Leiterin der Amerika-Abteilung im Baseler Völkerkundemuseum habe ich immer wieder die verrückten Muster und Techniken betrachtet. Ich hab mir gedacht: ,Die Leute muss ich kennen lernen.‘“ 1973 reiste sie erstmals zu den Yagua-Indianern im Dreiländereck zwischen Brasilien, Kolumbien und Peru. Heute hat sie praktisch alle Verbreitungsgebiete der Hängematte besucht, die verschiedenen Techniken kennt sie aus dem Effeff: „Weit verbreitet ist die Herstellung aus Kreppgarn und Einträgen. In Mexiko sind die meisten Stücke in Einhängetechnik gearbeitet, die absolute Toptechnik aus Venezuela ist das Sprangen: Die Fäden werden ineinander verdreht, das so entstehende Netz muss in der Mitte fixiert werden. Die Hängematte wird dadurch sehr feingliedrig und dehnbar, wenn allerdings ein Faden in der Kette beschädigt wird, löst sich das gesamte Gewebe auf.“ Mit Teppichknüpfen hat das alles nichts zu tun: „Knoten sind in der Hängematte absolut Tabu!“ Denn erst die richtige Elastizität macht die luftige Liege zu dem was sie ist: „Hängematten sollen sich dem Körper anpassen. Zu sagen, das ist ein aufgehängtes Stück Stoff, ist völlig verkehrt: Das ist eine sehr sinnliche Angelegenheit. Wer in einer guten Hängematte schläft, ist ausgeglichener und glücklicher. Dagegen machen die Stecken alles zunichte worum es geht.“

Vom Glätten der Wogen
Zum Exportschlager entwickelte sich die Hängematte aber trotz der europäischen Verunstaltung. In der Seefahrt war sie laut Michel de Montaigne bereits um 1550 überall etabliert, die Vorteile gegenüber den bisher gebrauchten Laubsäcken waren einfach unübersehbar: Die neue Liegestatt war hygienisch, angenehm klimatisiert und vor allem enorm platzsparend. Durch die flexible Verankerung wurde der Wellengang ausgeglichen. Und nicht zuletzt das niedrige Gewicht war ein weiterer wesentlicher Pluspunkt: Die leichtesten Hängematten wiegen gerade einmal siebzig Deka, so viel wie eine volle Bierflasche. Von Bord der Schiffe kam sie schnell um die Welt. In Afrika wurde sie Mitte des 18. Jahrhunderts zum Prestigeobjekt: „Die Fürsten ließen sich in Hängematten herumtragen. Weil es dafür vier Träger braucht, galt das als Zeichen der Macht.“ Zum Übernachten wurden die Netz-Sänften aber nicht genutzt: „Schlafgewohnheiten ändern sich offenbar nur sehr langsam oder gar nicht.“.

Erster Schrei und letzte Ruh
Doch auch bei den Indianern wird in den Hängematten nicht nur geschlafen. Der erste und der letzte Atemzug im Leben ist mit dem wichtigsten Alltagsgegenstand oft eng verbunden. „Manche Völker bekommen ihre Kinder in der Hängematte: Vor der Geburt schneidet man ein Loch rein und legt eine Matte darunter. Das Kind plumpst raus.“ Noch häufiger wird die Hängematte zum Sterbebett. Und zum Begleiter auf dem letzten Weg: „In Mexiko werden bei vielen Indianervölkern die Verstorbenen in die Hängematte eingewickelt und begraben. Aus gutem Grund: Solange man nicht richtig bestattet und beweint ist, besteht nämlich nach dortiger Ansicht die Gefahr, dass die Seele dableibt und herumspukt.“
Von der Universalität der Hängematte weiß auch der Literaturnobelpreisträgers Gabriel Garcia Marquez immer wieder zu berichten. Aus seiner Autobiographie ,Leben um davon zu erzählen‘, stammt folgendes Zitat: „Es gibt nichts Besseres für die Siesta, um die Stunde der Sterne zu erleben, um gemächlich seinen Gedanken nachzuhängen, und um sich ohne Vorurteil zu lieben.“ Vor allem der letzten Behauptung steht Annemarie Seiler-Baldinger nicht ohne Skepsis gegenüber: „Das machen nur ganz junge, sehr verliebte Leute. Der Rest geht wohin, wo es nicht so schaukelt. Wie die Indianer auch. Die machen das am Boden, meistens bei den Pflanzungen, wo man ein wenig privat sein kann.“ Im Übrigen teilt die aparte Wissenschaftlerin die Ansichten des kolumbianischen Autors. Und fordert für die Hängematte endlich jene Akzeptanz,. die ihr zusteht: Als vollwertiges Mobiliar und vor allem als Schlafstätte. Ein Ansinnen, das hierzulande noch immer auf weitgehendes Unverständnis stößt. Wie einst auch die Bezeichnung für das unkonventionelle Nachtlager: Das ungewohnte klingende indianische Wort ,Hamac‘ wurde mit der Zeit einfach zur leichter eingängigen ,Hängematte‘ umgedeutscht. Für den Stellenwert der luftigen Liege in unserer Gesellschaft fast schon symptomatisch. Doch Annemarie Seiler-Baldinger ist ein ausdauernder Geist: „Es ist dieses strenge Bedürfnis der Europäer in Schachteln zu schlafen. Dagegen kämpfe ich.“


Annemarie Seiler-Baldinger war im Rahmen der Ausstellung „Living in Motion“ im Kunsthaus Graz zu Gast.

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