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„Unabhängig und dickköpfig – gottseidank!“

Von: Florin Mittermayr

STIMMFÜHRUNG - Als Sängerin beim Sandy Lopicic Orkestar begeistert Irina Karamarkovic seit Jahren das Publikum, als Autorin wurde die engagierte Kosovarin mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet. Nun startete sie mit dem Projekt ‚Songs from Kosovo‘ ein vielbeachtetes Solo-Programm.

Ich versuche immer Prioritäten zu setzen. Und die Kosovo-Songs haben Priorität!“ Die meisten Lieder im neuen Programm von Irina Karamarkovic gibt es nicht auf Tonträger, einige sind kaum einmal notiert worden. In mündlicher Überlieferung wurden sie von Generation zu Generation weitergegeben, heute sind die kosovarischen Volkslieder kurz davor, der Vergessenheit anheim zu fallen.
„Einige sind uralt, fast immer sind sie unsagbar traurig. Aber das ist nicht der Grund, warum ich sie singe: Ich singe sie, weil sie sonst sterben!“ Inhaltlich geht es in den Songs um die Ausweglosigkeiten in Krieg und Frieden und um den Verlust von Liebe und Heimat. Zum Klingen bringt Irina die Lieder auf ihre eigene Art und Weise, nämlich als balkanischen Jazz in der Besetzung Piano, Kontrabass und Drums.
Ihr Handwerkszeug hat die engagierte Sängerin von der Pike auf gelernt: Sie stammt aus einer Musikerfamilie und spielte ab ihrem dreizehnten Lebensjahr in verschiedenen Bands die unterschiedlichsten Musikrichtungen: „Irgendwas zwischen Jimmy Hendrix, Black Sabbath, Led Zepellin und Janis Joplin. Zugleich war ich auch in einer Punk-Band, sehr thrilling. In dem Alter interessierst du dich für die Musik die du nicht kennst, und das ist ja auch gut so! Ein wenig später bin ich dann zum Jazz gekommen und wirklich ausgeflippt.“

Irinas Mutter war Violinistin im Radio-Symphonieorchester, der Vater gründete in seiner Jugend die erste Rockband im Kosovo. Ihr Großvater war Komponist und hat nicht wenige der Lieder aus dem aktuellen Programm aufgeschrieben und so der Nachwelt erhalten. In ihrer Familie vereint die Sängerin bunt gemischt albanische und serbische Wurzeln und ist stolz darauf. Auch wenn heute nur mehr wenige Verwandte in Pristina leben. „Nach der Schule bin ich nach Graz gekommen um Jazzgesang zu studieren. Noch als ich im Studentenheim wohnte, begann die Nato mit der Bombardierung des Kosovo. Es dauerte zwei Tage bis ich von meiner Familie etwas gehört habe. Den Fernseher aufdrehen und wenn die Bomben fallen anrufen. So habe ich ein paar Monate meines Lebens verbracht.

Jugoslawische Studenten haben sich auf der Straße nicht mehr mit ‚Hallo!‘ begrüßt, sondern mit der Frage, ob deine Familie noch lebt und ob es ihr gut geht.“ Noch in Pristina gründete die entschiedene Kriegsgegnerin die Initiative Post Pessimists, die sich bis heute ebenso wie Irina unkonventionell für ein gewaltfreies Miteinander und den Frieden einsetzt. „Selbstverständlichkeiten und Stereotypen sind gefährlich. Du musst die Hintergründe kennen und mit den Menschen vor Ort reden.“ Ihrer Umwelt das Schwarz-Weiß-Denken abzugewöhnen und über die wahren Hintergründe zu informieren, sieht Irina als ihre eigentliche Aufgabe. Mit ihrer Musik und mit ihrer Arbeit als Autorin. Ihre Texte sind in zahlreichen Büchern und Zeitschriften erschienen, beim Literaturwettbewerb ‚Schreiben zwischen den Kulturen‘ gewann sie mit ihrem Beitrag den zweiten Preis, am 18. Oktober ist sie zu einer Lesung im Wiener Literaturhaus eingeladen.
Ihre Familie hat den Krieg überlebt, ist aber mittlerweile in alle Richtungen zerstreut: „Ein ganz besonderer Mensch ist für mich meine albanische Großmutter. Mit 78 Jahren ist sie nach London gegangen um ein neues Leben zu beginnen.“ Und was die eigene Zukunft anbelangt, gibt sich Irina selbstbewusst: „Ich hatte immer gute Lehrer. Ich hatte viel Glück, hab aber auch viel Mist erlebt. Gottsei­dank war ich immer sehr unabhängig und dickköpfig, egal was wer sagt. In der Musik halte ich es so: Was gut klingt und meinem Verständnis entspricht, das passt.“

Mit ihrem Programm „Songs from Kosovo“ wird Irina Karamarkovic voraussichtlich Mitte November im September im Grazer Stockwerk zu sehen sein.

Die preisgekrönten Texte des Wettbewerbs ‚Schreiben zwischen den Kulturen‘ finden sich im Buch:
Wortbrücken, Edition Exil, Wien 2003, ISBN 3-9011899-18-9

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