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Park-Punk

Von: Florin Mittermayr

STADTPFLEGE - Seit über einem Jahr pflegen die Hauptplatz-Punks gemeinsam mit anderen Bedürftigen für die Stadt das Grün im Grazer Stadtpark. Das innovative Arbeitsprojekt im Lokalaugenschein.

Ich bin froh, dass wir sie haben!“ Pietro Perl, Stadtgarten-Rayonsleiter im Stadpark steht dem Arbeitsprojekt positiv gegenüber. Dass sich seine Hilfsarbeiter in der Haarfarbe mitunter der Wiese anpassen und oft etwas anders gekleidet sind als die Norm, stört ihn nicht. Schon seit über einem Jahr gibt es für sozial bedürftige Menschen in Graz die Möglichkeit ein bis zwei Mal die Woche mit einfachen Arbeiten Geld zu verdienen. Organisator ist das Sozialamt, eingesetzt werden die Arbeitskräfte, dort wo sie gerade gebraucht werden: Bei Entrümpelungen, vor allem aber bei Reinigungs- und Gartenarbeiten. „Im Stadtpark hauptsächlich zur Verschönerung der Anlage: Laubrechen, Mist wegkehren, Rasenmähen. Arbeiten zu denen wir aus Zeit und Personalmangel oft gar nicht kämen.“
Die 26-jährige Elke ist mit den Hauptplatz-Punks schon seit ihrer Teenagerzeit unterwegs. Beim Zusammenkehren in der Franz-Graf-Allee vor dem Grazer Opernhaus helfen ihr ihre Freunde Patrick, Seppi und Brandi: „Es ist angenehm hier zu arbeiten. Ich kenne meine Kollegen, bin an der frischen Luft und werde behandelt wie andere Leute auch. Und von Stadtgärtnern kommt nie eine blöde Nachred.“

Im Stadtpark ist auch der zwanzigjährige Brandi gerne: „Die Arbeit macht Spaß und ich brauche nicht zu schnorren.“ Von einem geregelten Alltagsjob hält er nichts: „Das interessiert mich nicht, dass ich mich vierzig Jahre deppertschupf‘. Ich brauch nicht viel zum Leben, das geht so auch. Vielleicht werd‘ ich nicht sechzig, aber die Jahre bis dorthin haben dafür Spaß gemacht.“ Eine Meinung, die Elke nicht restlos teilt: „Als Teenager bin ich von Zuhause abgehauen und nicht mehr zurückgekommen. Ich hab wen kennen gelernt, bin schwanger geworden. Meine Bekanntschaft ist bald darauf gestorben.“ Ihre Tochter lebt heute bei der Großmutter, Elke möchte ihr Kind gerne selbst großziehen: „Ein wenig anders Leben als jetzt und die eigenen Probleme etwas besser in den Griff bekommen - das wünsch‘ ich mir schon.“

Vor ein paar Jahren haben die Punks im Stadtpark nicht nur gearbeitet, sondern auch gewohnt. Im Herbst 2002 arrangierte das Sozialamt ein Quartier in der Lagergasse, mit dem Sozialarbeiter für Randgruppenarbeit Joe Eder gibt es seither einen zuständigen Ansprechpartner seitens der Stadt: „Ich bin so etwas wie das ausgleichende Element zwischen den Behörden und den betroffenen Menschen.“ Heute sind ungefähr dreißig Leute in der Gruppe, in der Kärnter Straße hat die Stadt ein Wohnhaus zur Verfügung gestellt. Von der öffentlichen Diskussion um den Verhaltens- und Bekleidungscodex am Grazer Hauptplatz hält er nichts: „Da wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Ich würde auch nicht alle Betroffenen unbedingt als Punks bezeichnen. Letztendlich sind das alles Menschen in sozialen Schwierigkeiten. Außerdem liegen die Probleme wo anders: Was fehlt ist ein langfristig gesichertes Betreuungskonzept und ein wenig mehr Bereitschaft auf Schwächere zuzugehen.“ Wie das Konzept aussehen könnte weiß der Sozialarbeiter genau: „Eine eigene Grünfläche, für die nur die Punks zuständig sind. Wenn das ginge wäre es super!“
Zukunftsmusik. Nach vier Stunden Kehren und Rechen packen Elke und ihre Freunde die Arbeitsgeräte in die Scheibtruhe des Stadtgartenamts und marschieren zum Treffpunkt beim Kinderspielplatz. Wo Joe Eders Kollege Gerhard Jagersbacher die Löhne auszahlt. Von seinen Arbeitskräften wird der Verantwortliche für das Sozialamtsprojekt voll respektiert. Die Stimmung vor der Geldübergabe ist erwartungsgemäß gut, mit fast allen ist er freundschaftlich per du. Sechs Euro verdienen Elke und ihre Kollegen pro Stunde, macht beim Maximum von zwei Arbeitstagen pro Woche hart verdiente 48 Euro pro Person. Nicht gerade die Welt: „Es gibt weniger Arbeit als wir gerne hätten.“ Was sich Elke am meisten wünscht? „Realistisch ist das nicht unbedingt: In Ruhe gelassen werden. Leben und leben lassen.“


Leserkommentar:

Danke für die Objektivität... Laila Ghoneim   07.07.04,14:32

Hallo Herr Mittermayr,
ich habe beim Stöbern nach Grazer Punks über die Suchmaschine auch Ihren Artikel entdeckt und war echt begeistert, da er sehr objektiv, informativ und respektvoll geschrieben war...ich war selbst früher Punk in Graz (man kann sagen, daß ich geistig immer Punk bleiben werde, auch wenn ich vielleicht nicht mehr äußerlich so ausschau)und weiß deshalb umso mehr, wie sehr man als solcher diskriminiert wird!!!! Leider habe ich nach meinem Umzug aus Graz nichts mehr von meinen ehemaligen Weggefährten gehört...umso überraschter war ich, als in Ihrem Artikel die Elke erwähnt wurde...ich hätte es nicht geglaubt, daß sie es ist, bis ich die Titelseite entdeckt habe...ich bin froh, daß sie gesund ist und es ihr gut geht, würde Sie aber gerne bitten, daß Sie mir eine Ausgabe vom megaphon zukommen lassen könnten, selbstverständlich bezahle ich sie auch. Bin momentan in Österreich bei meiner Mutter, hier die Anschrift:
              Laila Ghoneim
              Henry-Dunant Str. 14
              5020 Salzburg

Falls Sie die Elke nochmal treffen, grüßen Sie sie von mir, ich hoffe, sie erinnert sich noch an mich ( 1995/96
Stadtpark/Rosengarten/Hauptplatz und Q). Vielen Dank im Voraus
Herzlichst
Laila Ghoneim

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