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Zu Besuch bei den Bettlern

Von: Claudia Windisch

Roma-Leben - Seit Jahren gehören die Bettler zum Grazer Stadtbild. Die meisten von ihnen sind Roma aus dem ostslowakischen Hostice. Ihre Lebensumstände sind schlicht katastrophal. Ein Lokalaugenschein von CLAUDIA WINDISCH.

„Aus der Käferperspektive“: So sieht der 29jährige Zoltán von Montag bis Sonntag Graz. Sein Arbeitsplatz in der Innenstadt ist dem Kleingetier sehr nahe: Zoltán ist Bettler - „hauptberuflich“. Zwar ist er dieser menschenunwürdigen „Un-Tätigkeit“ überdrüssig, doch um seine Familie im slowakischen Dorf Hostice zu erhalten, ist bis dato kein anderer Ausweg geblieben: In Hostice liegt die Arbeitslosenrate bei 95 Prozent. Sein Vater, seine Mutter und sein älterer Bruder erbetteln pro Tag durchschnittlich 25-30 Euro, alle zwei bis drei Wochen fahren sie in die Slowakei zurück. Die meisten Bettler haben in Graz ihren persönlichen Stammplatz, anders als in den meisten Städten lässt die Polizei sie gewähren. Am slowakischen Arbeitsmarkt hat Zoltán keine Chance: Erstens gibt es kaum Jobs, zweitens ist er ein Rom. Und Roma sind in der Slowakei Bürger zweiter Klasse: Die Problematik hat vor 15 Jahren mit dem Zusammenbruch des Kommunismus eine neue Qualität erreicht: „Vor der Wende gab es für jeden einen sicheren, wenn auch niedrig qualifizierten Arbeitsplatz“, erzählt Zoltán. „Wir hatten fixe Arbeitsplätze in den nahe liegenden Stahlwerken, in der Zucker- und Tabakindustrie und sogar im Bereich des Weinbaus. Seit der Wende ist die Landwirtschaft völlig heruntergekommen.“

Albtraum: Wohnen im Schloss
Durch die einschneidenden Kürzungen der Sozialhilfe im März 2004 spitzte sich die wirtschaftliche Situation der slowakischen Roma zu einer Katastrophe zu. Zoltán bekommt für seinen vierköpfigen Haushalt sage und schreibe 100 Euro pro Monat. Käme er nicht zum Betteln nach Graz, müsste seine Familie verhungern.
Zu Zoltáns kleinem windschiefen Haus führt ein schlammiger Weg: zahnlose, schmutzige Kinder belagern den Hof - ihre Freizeitbeschäftigung scheint sich auf das „Nichtstun“ zu konzentrieren, Kinderspielzeug ist ein unleistbarer Luxus. Eine in Lumpen gekleidete junge Frau öffnet die Tür und gibt Einblick in das „bescheidene Heim“. Ihr Gatte Zoltán streckt zur selben Zeit in Graz seine Hand um ein paar Euro aus. „Zoltán junior ist krank“, erklärt sie uns besorgt. In Hostice gibt es weder einen Kinderarzt, geschweige denn eine Apotheke. Woran es am meisten fehlt? An allem: „Seit der Sozialhilfekürzung gibt es kaum noch Geld für Kleidung und Lebensmittel. Auch das Brennholz ist meistens zu knapp!“
Noch schlimmer geht es Zoltáns Bruder. Am Rande der Bettlergemeinde liegt sein Zuhause: Ein verfallenes, graues Schloss, fernab von jeglicher Märchenromantik. Seit geraumer Zeit bewohnen zwölf obdachlose Romafamilien dieses modrige Gebäude. Schon beim Eingang steigt dem Besucher ein fauler Geruch in die Nase, beim Eintreten in die „Hallen“ stockt nahezu der Atem. Niemand kann sagen, aus wie vielen Schichten Dreck sich der Boden zusammensetzt. Beißender Rauch durchzieht die Räume. Es gibt keine Entlüftungen, die Öfen sind im Sperrmüll gefunden worden - alle Kinder husten wie schwere Asthmatiker. Betten gibt es hier nicht: Auch die Kleinkinder schlafen zusammengerollt in den Ecken auf verschimmelten Teppichüberresten.

Vom Bettler zum Bürgermeister
Ondrej Berki, seit Herbst 2002 Bürgermeister von Hostice, war früher selbst Bettler in Graz. Stolz präsentiert er Pläne für die Errichtung von Sozialwohnungen für die „Schlossbewohner“ und andere EU-Projekte: Schwerpunkte sind Viehzucht und Landwirtschaft in Kooperation mit dem Nachbardorf Símonovce. „Der Boden in Hostice ist für Gemüsebau nicht fruchtbar genug“. Dennoch sieht Berki voller Hoffnung der Zukunft entgegen: „Ich warte dringend auf einen positiven Bescheid seitens der Regierung.“ Der Kostenaufwand für die Sozialwohnungen beträgt 300.000 Euro, der Vertrag beinhaltet eine Vereinbarung, dass die Bevölkerung von Hostice in die Bauarbeiten miteinbezogen werden muss. Seit dem Jahr 1999 führen Welthaus und Caritas ein Dorfentwicklungsprojekt durch, ebenso gibt es auf Initiative der Vinzenzgemeinschaft Eggenberg Beschäftigungsprojekte vor Ort. Die auf schnelle Lösungen bedachte österreichische Erwartungshaltung musste bald revidiert werden: Die unbeschreibliche Armut der Roma hat die vergessene Volksgruppe in einen Zustand grenzenloser Apathie versetzt. Eines der dringlichsten Anliegen des Bürgermeisters ist eine bessere Ausbildung für die Kinder. Die einzige Grundschule, deren Dach erst kürzlich noch so desolat war, dass es mitten in die Klassen regnete, ist für die Romajugend zugleich Beginn und Ende der Schullaufbahn. Die Straßen von Hostice sind nicht saniert - der Schulweg kommt einem „Abenteuermarsch“ durch knöcheltiefen Dreck gleich. Das Pendeln zu den weiterführenden Schulen in der Bezirkshauptstadt Rimavska Sobota kann sich niemand leisten. Das niedrige Bildungsniveau und die triste wirtschaftliche Situation ergeben für die Roma-Minderheit in der Slowakei insgesamt eine mehr als aussichtslose Situation.
Kein Wunder, dass die Lebenserwartung der Roma fast zehn Jahre unter jener der slowakischen Bevölkerung liegt. Roma-Frauen erreichen im Durchschnitt nicht einmal das sechzigste Lebensjahr, die männliche Bevölkerung wird maximal 55 Jahre alt. Mit den Kürzungen der Sozialhilfe sind auch für die meisten Roma die letzen Hoffnungen endgültig verschwunden. 1,5 Millionen Angehörige dieses Volkes werden am 1. Mai 2004 EU-Bürger. Vom besseren Leben ist nicht einmal mehr die Illusion geblieben.



Leserkommentar:


Betteln aus Verzweiflung???  Dominic   19.04.07,23:35

Ich habe in dieser Stadt Menschen, die ihre Familien und ihre ganze Existenz in den Bürgerkriegen Bosniens, Kosovos, Iraks und Ruandas verloren haben. Kurden, die aus der Heimat vertrieben wurden oder Afrikaner, denen das Haus angezündet wurde, weil sie die falsche Religionszugehörigkeit hatten.

Keiner dieser Menschen ist jemals betteln gegangen; alle haben irgendwo Arbeit gefunden, manche sind mittlerweile sehr erfolgreich und fühlen sich hier sehr wohl. Warum ist das den Roma nicht möglich? Man hört immer wieder die Trauergeschichten dieser Leute, haben die eigentlich kein Selbstwert?

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