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Almrausch oder Popping City?

Von: Florin Mittermayr

Popkultur -  Ein halbes Jahr nach 2003 ist die Grazer Musikszene lebendiger als je zuvor. Wirkt jetzt die Stadt als Verstärker oder geht der Musikmaschine ohnehin bald wieder der Saft aus? Wohin dreht sich der einmal angeworfene Plattenteller?

Intro
Keine zwei Monate ist es her, da gab es gleich doppelt Grund zum Freudentanz für den Grazer guten Ton: Nahezu zeitgleich feierten die Postgarage und das p.p.c ihren ersten Geburtstag. Weder die ersten, noch die einzigen Musik-Clubs in Graz, aber als Spielräume und Motoren der Szene unverzichtbar. Kurz zuvor ist mit dem Veilchen im Keller unter dem Forum Stadtpark noch eine progressive Stätte für die unterschiedlichsten Spielarten der Popmusik dazu gekommen. Die Grazer DJ-Szene ist ohnehin legendär, Musiker wie Dr. Nachtstrom oder Binder & Krieglstein sorgen derzeit auch außerhalb der Steiermark für Furore, und die international renommierte Grazer Popgruppe Sans Secours bastelt an einem neuen Album. Nicht zuletzt brauchen sich auch die Tonträgerproduzenten an der Mur nicht vor ihrer österreichischen Konkurrenz zu verstecken: Die Labels Kim-Records, Widerstand, Zeiger, Park oder Tonto seien hier nur als Beispiele genannt. Kurz: Um die Grazer Musikszene ist es sechs Monate nach Ende der Kulturhauptstadt alles andere als leise geworden.

A-Side
Damit das alles auch so bleibt, soll nun vom städtischen Kulturförderungskuchen auch für die Popkultur ein Stückchen abfallen - wenn auch ein verhältnismäßig kleines: Unter dem Titel ‚Pop Graz‘ deponierte eine Gruppe um das PPC vergangenen Herbst ein selbstverwaltetes Förderungsmodell bei Kulturstadtrat Christian Buchmann. Am Project Pop Culture beteiligt sind unter anderem das Radio Soundportal mit dem Sounddepartement Arcadium, die Labels Zeiger und Kim, sowie das Jugendkulturzentrum Explosiv. Gedacht war das Konzept als reine Veranstaltungsförderung, ansuchen kann, wer mindestens sechs Events pro Jahr organisiert. Als Budget war ein Euro pro Besucher und Jahr angedacht: In Summe um die 300.000 Euro, je nach Anzahl der Veranstaltungen aufgeteilt. Pro Abend ergibt das in etwa 250 Euro, verglichen mit den städtischen Ausgaben für das Theater oder die Oper eine bescheidene Summe. Aber immerhin ein Anfang. Das Förderungsziel erklärt PPC-Geschäftsführer Stefan Auer so: „Eine gute Szene definiert sich über die Veranstaltungen.“

B-Side
Ein Ansatz, der Milo Tesselaar vom Veilchem im Forum Stadtpark zu wenig war: „Es geht um die Popkultur als Ganzes. Und da macht es für mich mehr Sinn, den Rand zu unterstützen als die Mitte.“ Gemeinsam mit den Vertretern verschiedener Veranstalter, Labels und Vereine rief er im Februar die Interessensgemeinschaft ‚IG POP = Mehr‘ ins Leben. Mit an Bord sind unter anderem die Brighton-Calling Veranstalter ‚Luv‘, die ‚Exit-Space‘ Organisatoren ‚inter-act biz‘ und das Label ‚Park‘. „Es geht auch darum, den ganzen Prozess zu sehen: Von den ersten Schritten bis zur CD-Produktion.“ Gemeinsam wurde ein Alternativkonzept erarbeitet: Gefordert wurden gezielte Projektförderungen sowie eine Verbesserung der Kommunikationsstruktur und der Rahmenbedingungen. Darüber hinaus sollten auch junge Akteure und bedürftige Plattenlabels in den Genuss der Unterstützung kommen. Von der Stadt war inzwischen der Posten eines Popkulturbeirates ausgeschrieben, um den sich Milo Tesselaar erfolgreich bewarb.

Remix
Ausschließlich vom Veranstalterdasein in Graz zu überleben, ist aufgrund des begrenzten Zielpublikums und der dadurch vorgegebenen Kapazitäten so gut wie unmöglich - mit oder ohne städtische Förderung. Ein Umstand, der es nicht leichter gemacht hat, die unterschiedlichen Ansichten in der Grazer Musikszene zu vereinbaren. Das weiß auch Guido Granitz, der neben seinem Job als Betreiber der Postgarage auch noch einen Tonanlagenverleih managt: „Ich kann beide Seiten gut verstehen. Ich bin lange genug drinnen, kenne dort wie da die Menschen dahinter. Fakt ist: Wir brauchen die Leute, auch die weniger etablierten. Und: Letztendlich wollen alle das gleiche!“
Ein Gedanke, der nach den anfänglichen Sperenzchen sowohl von der ‚IG POP = Mehr‘ als auch von der ‚Pop Graz‘ aufgegriffen wurde. Je zwei Vertreter der Interessensgruppen erarbeiteten zusammen einen gemeinsamen Subventionsvorschlag. „Kein Kompromisspapier sondern eine Zusammenführung beider Konzepte“ betont Stefan Auer. So sind für das leicht adaptierte selbstverwaltete Veranstaltungsmodell sechzig Prozent der Budgetmittel vorgesehen, dreißig für konzeptbasierte Förderungen und zehn für einen gemeinsamen Medien- und Marketingtopf. Als Kontrollorgan und Entscheidungsträger wurde von der Stadt ein dreiköpfiger Fachbeirat ernannt, dessen unabhängige Mitglieder nicht aus der Grazer Veranstalterszene kommen dürfen. Eine bindende Veranstaltersitzung pro Quartal ist ebenso im Konzept festgehalten, seitens des Kulturstadtrats Christian Buchmann wird Handlungsbereitschaft signalisiert.
Jetzt liegt der Ball bei den einzelnen Gruppierungen, die das Konzept unterschreiben sollen: „Grundsätzlich finde ich es sehr positiv, dass wieder einmal alle miteinander reden“, gibt sich Stefan Auer vorsichtig optimistisch. „Als ausgleichenden Vermittler kann ich mir die IG POP = MEHR als Partner der Graz Pop gut vorstellen.“ Milo Tesselaar stößt ins selbe Horn. Allzu viel sollte eigentlich nicht mehr schief gehen.

Fade Out
Bleibt noch die Frage wie es dann weitergeht mit der Popkultur in Graz: Dass in diesem Kultursegment ein relativ geringer finanzieller Zuschuss viel Einsatzbereitschaft bewirken kann, ist unumstritten. Für die dichte Musikszene in der relativ kleinen Stadt kann eine Subvention in dieser Höhe aber immer nur ein Ansporn und eine Minimalunterstützung bleiben. „Ich bin mir sicher, das die Popkultur als Grazer Markenzeichen der Stadt einiges bringt.“ Guido Granitz denkt nach vorne: „Man braucht sich da im Vergleich nur die Wiener Musicalszene anzuschauen: Was die Stadt Wien sich das kosten lässt und noch viel mehr: was da zurückkommt!“ Die Dichte in Graz bei den derzeitigen Ressourcen zu erhalten, dürfte nicht einfach werden: „Es ist zu befürchten, dass sich das gesundschrumpft. Aber langfristig sehe ich schon einen grünen Zweig: Die, die sich nicht frustrieren lassen und zu sich selbst stehen, werden weiterkommen.“
Noch drastischer formuliert es Helmut Schäfer, der vielleicht interessanteste Mann auf der heimischen zeitgenössischen Musikbühne. Der Grazer macht seit seinem vierzehnten Lebensjahr elektronische Avantgardemusik, heute ist er mit seinen Performances in Tokio ein ebenso gern gesehener Gast wie in San Francisco oder Peking. In der lokalen Musikszene ist er nur selten anzutreffen: „Interesse für die Mechanismen der Kulturpolitik - Ja! Konkurrenzkampf - Nein! Das muss ich nicht. Das sind verschleuderte Ressourcen. Jeder sucht sich seine Herausforderungen selbst: Trau dich hinaus und mach dein Ding einfach!“

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