STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2004/November/For never young/
drucken drucken 

For never young

Von: Judith Schwentner

GEFLÜCHTET
Wenn man jung ist, will man eigentlich weg. Oder zumindest alles anders machen. In einer Zeit, in der man sich nur bedingt anpassen will, müssen sich jugendliche Flüchtlinge gleich mit mehreren Seiten arrangieren.

Bella hat es geschafft. Selbstbewusst sitzt sie im kleinen Personalkammerl des Flüchtlingsheims der Caritas am Griesplatz und erzählt. Von ihrer Ankunft in Österreich, von ihren ersten Eindrücken in einem kleinen Dorf an der burgenländischen Grenze vor rund zwei Jahren. „Da gab es einfach nichts. Keine anderen Tschetschenen, keine Möglichkeit, einen Deutschkurs zu besuchen, ja nicht einmal ein Lehrbuch.“ Kurz zuvor hatte sie in ihrer tschetschenischen Heimat die Matura mit einer Silbermedaille bestanden und viel vor. Und auch in Österreich „wollte ich nicht nur sitzen, ich wollte lernen“.
Eine Vorstellung, die Selimat* nicht einmal artikulieren könnte. Hastig richtet sie den Kopfpolster ihrer hochschwangeren Mutter, bereitet ihrem schwer behinderten Bruder einen Brei, spielt mit ihm, nimmt ihn auf den Schoß. Ihre eigene Situation kann sie weder in Russisch noch Deutsch adäquat beschreiben. Sie hat in Tschetschenien nie eine höhere Schule besucht, ist ebenfalls seit über zwei Jahren in Österreich, und hat keinen Anschluss an die Welt vor dem Zimmer, das sie mit ihrer Mutter und ihren sechs Geschwistern in einem Flüchtlingsheim in Graz teilt. Selimat ist 16, nicht mehr schulpflichtig und Mädchen für alles und alle in der Familie, nur nicht für sich.

Nostalgie
Zeit, in der sie sich „jugendspezifisch“, wie es Dr. Gerald Ressi, Psychiater im Verein Omega ausdrückt, verhalten konnte, hatte auch Bella nicht. Selbst nach ihrer Übersiedelung nach Graz war sie mit allem anderen beschäftigt. „Meine Eltern hatten die Nostalgie“ – und auch ihren älteren Bruder nahm die Situation so mit, dass er mit niemandem sprach und wochenlang allein spazieren ging. „Die Jugendlichen sind ja meist in einem psychisch besseren Zustand als die Eltern. Dadurch, dass diese aber in einer ganz wichtigen Phase ausfallen und niemand die Lücke auch nur annähernd deckt, sind sie sehr gefährdet“, meint Dr. Ressi, der bei Omega für die Erstabklärung von Flüchtlingen zuständig ist.
„Ich habe gewusst, dass ich hier bleiben muss. Also habe ich alles getan, dass es mir wieder gut geht“, beschreibt Bella die ungebrochene Kraft mit ihren Erfahrungen fertig zu werden. „Plötzlich habe ich kapiert, dass die Du-Form immer mit –st endet. ‚Was willst du?’ war das erste, was ich verstanden habe.“ Eine sprachliche Leistung, die man erst unternimmt, wenn man in der eigenen Sprache genügend gebildet ist. Entsprechend wichtig ist das bestehende Angebot der Mutter-Sprachkurse für die Jugendlichen.

Junge Dolmetscher
Dass sie in fast jedem Fall schneller und besser Deutsch lernen, fällt den Jugendlichen nicht selten zur Last. Als die einzigen „Dolmetscher“ vor Ort geraten sie in Situationen, die sie sprachlich wie psychisch hoffnungslos überfordern. Zwar sind im letzten Jahr Caritas und betreuende NGOs übereingekommen, dass Kinder unter 16 nicht als Übersetzer ins Spital mitgenommen werden dürfen. Dennoch ist dies in der Praxis weiterhin gang und gäbe. Außen stehende Personen müssten gezielt darauf hinweisen, dass man die Kinder im Spital nicht als Dolmetscher akzeptiert. „Das ist ein ganz großes Problem. Die Kinder bekommen eine unechte Funktion, die sie nur schwer verkraften.“ Auch im Heim würden sie bei Konflikten zwischen Bewohnern, aber auch mit der Leitung, gerne herangezogen werden.
Dass es durch diesen Rollentausch zwischen Eltern und Kindern zum einen zu Allmachtsgefühlen käme, zum anderen viele Jugendliche damit einfach nicht fertig würden, habe sich einfach noch immer nicht genügend im Bewusstsein beteiligter Erwachsener durchgesetzt, betont Dr. Ressi. „Man kann sich teilweise gar nicht vorstellen, was die Jugendlichen alles leisten“, unterstreicht Gunda Bachan, Betreuerin der Caritas. Die übliche Zeit der Selbstfindung wird im Prinzip zu einer der Selbstverleugnung. Um die eigenen Bedürfnisse geht es am wenigsten. „Die haben eigentlich keine Zeit für sich, sondern entweder einen enormen Lerndruck oder sämtliche familiäre Aufgaben übernommen, von der Geschwisterbetreuung bis zur Wohnungssuche.“
„Ich habe schon viel gemacht“, erzählt auch Bella. „Die Gemeindewohnung gecheckt, alle Formulare ausgefüllt, aufs Amt getragen. Und unterschreiben dürfte ich jetzt mit 19 mittlerweile auch schon“, meint sie lachend. „Ich habe das alles ja auch für mich getan.“
Bella hat das letzte Jahr außerdem in einer siebten Klasse im Gymnasium verbracht. Ohne adäquate Sprachkenntnisse („vor allem der Grazer Dialekt war ein Wahnsinn“) und älter als alle ihre Mitschüler erinnert sie sich vor allem an ihre ständigen Kopfschmerzen in der ersten Zeit. „Die waren alle nett zu mir, aber Freunde habe ich in dieser Zeit nicht gewonnen. Die waren höchstens an der Situation in Tschetschenien interessiert.“ Sie hat es dennoch geschafft, hat einen Platz im Vorstudienlehrgang und als mittlerweile anerkannter Konventionsflüchtling die Aussicht auf ein Studium.
Ins hiesige Bildungssystem einzusteigen, ist jedoch für die wenigsten der jugendlichen Flüchtlinge selbstverständlich, die externe Hauptschule von ISOP für die über 16-Jährigen meist die einzige Möglichkeit. „Und auch in der Schule müssen sie dann gleich dreifach arbeiten: nachholen, was versäumt wurde, den normalen Stoff lernen und aufarbeiten, was sie nie gelernt haben“, erläutert Dr. Ressi.
Wobei auch Lernen nicht vor Isolation schützt. Zwar geht es den wenigsten so wie Selimat, die den denkbar schwersten Einstieg in das hiesige System hat, aber: Wer lädt schon gerne seine neuen Freunde ins Flüchtlingsheim ein? Was bei den ganz Kleinen über die Kindergärten mittlerweile in Graz ganz gut klappt, ist bei den Jugendlichen noch nicht genügend etabliert. Die Bildung von Peergroups wäre eine der Möglichkeiten die Jugendlichen mit ihren österreichischen Mitschülern auch in der Freizeit zusammen zu bringen. Über das Bemühen um gemeinsame Aktivitäten könnte dabei mit wenig Geld sehr viel erreicht werden. Auch nicht teuer: Fahrkarten. BetreuerInnen der Jugendlichen haben die Erfahrung gemacht, dass Organisationen wie das Literaturhaus, Balletschulen, Boxvereine aber auch das Konservatorium oder das TaO zwar gerne mit sich verhandeln lassen, das nicht vorhandene Geld für die Straßenbahnkarten aber zum Hindernis von Unternehmungen wird.

Dass man auch in Flüchtlingsheimen kreativ sein kann, hat das Caritas-Projekt von Gunda Bachan „Die Villa, in der wir wohnen“ bereits mehrmals bewiesen. Auf dem Villa-Bazar im Anschluss an den musikalischen Weihnachtsstammtisch bei ISOP am 16. Dezember bieten Kinder und Jugendliche aus den Heimen St. Gabriel und Griesplatz alternative Weihnachtsgeschenke in Form von Armbändern, Schlüsselanhängern, kleinen Bildern uvm.

Weiterführende Informationen unter:

MEGAPHON, Auschlössl
Friedrichgasse 36, 8010 Graz
Tel: 0316/8015 650
Fax: 0316/81 23 99
megaphon@caritas-graz.at
www.megaphon.at/de/strassenmagazin/archiv/megaphon_2004/november/83/