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Keep on movin'

Von: Thomas Wolkinger

BEWEGUNG ALS WIDERSTAND
Ein Gespräch mit dem Historiker und Aktivisten Leo Kühberger am Rande der Ausstellung „There must be an alternative“ im forum stadtpark.

Einen Satz von Michel Foucault – aus der Einleitung zu Deleuze/Guattaris „Anti-Ödipus“ – scheint sich Leo Kühberger ganz besonders zu Herzen genommen zu haben: „Glaube daran, dass das Produktive nicht sesshaft ist, sondern nomadisch.“ So gesehen war der im obersteirischen Liesingau geborene Kühberger, der in Graz Kulturanthropologie und Geschichte studiert hat, in den letzten sieben Jahren überaus produktiv, als Teil der „Antiglobalisierungsbewegung“ ständig selbst in Bewegung: 1997 in den Zapatisten-Camps in Mexiko, danach im Rahmen der „Europäischen Märsche gegen Erwerbslosigkeit“, in der Anti-Regierungsbewegung von 2000, bei den Protesten gegen den IWF/WB-Gipfel Ende September 2000 in Prag oder im Folgejahr gegen die G8 in Genua.
Beeindruckt hat ihn in diesem Zusammenhang nicht nur, dass sich auf der Straße „ein ganz konkreter Erfolg“ erzielen ließ - der Prager Gipfel wurde einen Tag früher als geplant abgebrochen. Auch die vor Ort, zum Beispiel im Rahmen seiner Arbeit für Radio Helsinki, erlebten Formen der flexiblen Zusammenarbeit waren ihm Beweis dafür, „wie‘s auch sein könnte“. Verdichtet hat Kühberger diese Erfahrungen schließlich in einer Diplomarbeit, die Anfang des Jahres, nach einem neuerlichen Mexiko-Aufenthalt, unter dem Titel „We make history“ auch publiziert wurde. An eine sich an Negri/Hardt orientierende Analyse der „HERRschenden Ordnung der Welt“ reiht Kühberger darin eine durchaus parteiisch gemeinte Darstellung der Bewegung („Keep on movin´“) sowie drei lange Interviewteile mit je einem Vertreter der „Tute Bianche“, von Attac und einem Teilnehmer der „Battle of Seattle“.
Die subjektiv-dokumentarische Perspektive des Bandes verleiht der Bewegung dabei etwas eigenartig Historisches. „Natürlich stellt sich die Frage, wie wird‘s jetzt weitergehen“, sagt Kühberger. In der Bewegung selbst sei zuletzt viel an gegenseitiger Akzeptanz verloren gegangen. Und nicht erst seit dem Anschlag auf das World Trade Center ist die Repression der Staaten gegenüber den mobilen „Gipfel-Stürmern“ größer geworden, eine Tendenz, die Kühberger anlässlich der Proteste gegen den EU-Gipfel in Thessaloniki vor gut einem Jahr am eigenen Leib erfahren musste. Und wenn es stimmt, dass Mobilität und Migration „die höchste Form der Desertion sind“, die „Grundform von Widerstand“, dann steckt die Bewegung wirklich in einer Krise. Dazu komme seit Genua ein weitgehendes „Entziehen der medialen Öffentlichkeit“. „Die Proteste von 200.000 Menschen in Barcelona waren den Zeitungen nur mehr eine Randnotiz wert.“ In Europa zumindest, so Kühberger, seien die Gipfel eingeschlafen. Anders in Lateinamerika, wie Cancun oder Guadalajara zeigten.
Auch Kühberger selbst wird in Bewegung bleiben; eine Dissertation zum Übergang von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft steht genauso an wie eine weitere Lateinamerikareise. Denn zum Glück ist der Historiker zugleich auch Optimist: „Am Beginn steht unser Widerstand. Die Leute sind oft widerständig. Das Problem ist nur, wie Bewusstsein und Masse entstehen.“

Ther must be an alternative:
Noch bis 28. November im forum stadtpark. Di-Fr 10-18 Uhr; Sa, So, Ftg 14-18 Uhr.
A_partment politi_X: Jeden Mittwoch von 19 bis 20 Uhr auf Radio Helsinki (92,6 MHz).
Internet: www.wemakehistory.net.

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