STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2004/September/Minder bemittelt/
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Minder bemittelt

Von: Ingrid Brodnig

BILDUNGSPOLITIK
Die budgetäre Situation an den heimischen Universitäten ist desaströs – die von Ministerin Gehrer angepeilte „Weltklasse-Uni“ wird zunehmend unerreichbar. Nicht nur, weil die heimischen Universitäten seit Jahren weniger Geld bekommen, sondern auch weil die Kosten für die Universitäten selbst seit der Uni-Autonomie massiv gestiegen sind.

Geduld lernen
„Auch sehr fleißige und sehr gute Studierende müssen damit rechnen, die Mindeststudiendauer  unverschuldet zu überschreiten“, weiß Prof. Ilona Papousek, die Vorsitzende der Curricula-Kommission der Psychologie. Das Psychologische Institut der Karl-Franzens-Uni hat etwa so viele StudentInnen wie die Montanuniversität insgesamt - und leidet seit Jahren an Personalmangel. Die Folge: Überfüllte Seminare, lange Wartezeiten auf Noten und Toiletten ohne Glühbirnen. Als „absolutes Notprogramm“ bezeichnet eine Studentin das Angebot. Eine Spezialisierung im Studium ist schon deswegen kaum möglich, weil die StudentInnen quasi jene Kurse absolvieren müssen, für die sie einen Platz ergattern. Damit in diesem Wintersemester nicht weitere Einschnitte beim Lehrangebot stattfinden, wurden die Kürzungen dieses Jahr auf das Lehrpersonal umgelegt. „Für gewisse Typen von Lehrveranstaltungen gibt es nur noch drei Viertel der früheren Bezahlung. Viele Leute bekommen nun deutlich weniger Geld“, so Prof. Papousek.

Auf Gedeih und Verderb
Die Personalkosten stellen den größten Anteil der universitären Ausgaben dar. Seit heuer muss die Universität auch die Versicherungen der Angestellten zahlen – eine Folge des Universitätsgesetzes 2002 (UG 02). Denn mit 1. Jänner des heurigen Jahres wurden die österreichischen Universitäten aus der Bundesverwaltung ausgegliedert – der letzte große Schritt zur Umsetzung der „Uni-Autonomie“. Autonome Universitäten? „In vielen Dingen sind wir nicht mehr an das Ministerium weisungsgebunden“, erklärt Rektor ­Alfred Gutschelhofer - für ihn ist dieser Schritt „grundsätzlich positiv“. Jede Universität hat nun ihr eigenes Studienrecht. Dieses regelt beispielsweise, wie oft man zu Prüfungen antreten darf oder in welchen Fällen man sich beurlauben lassen kann. In diesen Details bilden sich nun Unterschiede zwischen den Universitäten heraus.
„Uni-Autonomie“ bedeutet aber insbesondere, dass die Universitäten selbst über die Verteilung ihres Budgets entscheiden. 120 Millionen Euro stehen der KF-Uni dieses Jahr zur Verfügung – das ist etwas mehr als 2003, bei dem selbst Mitarbeiter des Ministeriums von einem „Katastrophenbudget“ sprachen. Die Freiheit, 120 Millionen Euro auszugeben, muss nun jedoch relativiert gesehen werden: Der Großteil des Budgets wird bereits durch die Betriebs- und Personalkosten verbraucht. Da die Universitäten nun nicht mehr zum Bund gehören, fallen Kosten an, die es früher nicht gab - so zahlt die Universität nun der Bundesimmobiliengesellschaft Miete. Eine skurril anmutende Folge der Autonomie: Die Universität ist momentan nicht sachversichert.

Aufpreis oder Notlösung?
Wozu die finanziellen Zwänge führen können, zeigt das Beispiel der Romanistik: Wer dort eine Sprache studieren will, diese aber noch nicht beherrscht, kann sich die nötigen Kenntnisse im Laufe des Studiums in den Grund- und Intensivkursen aneignen. Wer also in der Schule kein Spanisch hatte, kann trotzdem Spanisch studieren. Aufgrund der Beliebtheit der romanischen Sprachen belegen aber auch zahlreiche Studierende aus anderen Studienrichtungen die Kurse als Freifächer – das erschien dem Dekan zu teuer. Die vermeintliche Lösung des Problems: Die Grund- und Intensivkurse sollten (zusätzlich zu den Studiengebühren) kostenpflichtig werden. Wer den ersten Abschnitt abschließt, bekäme das Geld zurückerstattet. Andrea, die im dritten Semester Italienisch/Spanisch-Lehramt studiert, hätte so etwas aber abgeschreckt: „Mir wäre das nicht egal gewesen, wenn ich zusätzlich noch etwas zahlen hätte müssen. Denn als ich anfing, konnte ich ja noch kein Spanisch. Da habe ich mir auch nicht sicher sein können, ob die Sprache das Richtige für mich ist. Ich finde die Studiengebühren sind hoch genug - vermutlich hätte ich dann etwas anderes gewählt.“ Auch die Hochschülerschaft  protestierte gegen den Vorschlag, aber auch aus einem weiteren Grund: „Das wäre ein Dammbruch gewesen – dann hätte jede Studienrichtung anfangen können, von ihren Studierenden zusätzlich Geld zu verlangen“, so der Vorsitzende der Grazer ÖH, Philipp Funovits.
Er schlug ein Gegenmodell vor: Ein elektronisches Filtersystem. Dieses wird nun den Testbetrieb aufnehmen, sodass nur noch Studierende der Romanistik die Grund- und Intensivkurse am Institut belegen können. Alle anderen (auch jene, die später an der Romanistik zweitinskribierten) werden zum ausgegliederten Fremdsprachen-Institut „Treffpunkt Sprachen“ verwiesen - ob sie dort zusätzlich für die Sprachkurse zahlen müssen, war bis zum Redaktionsschluss noch nicht bekannt.
Nullsummenspiel
Ist die Lage in Graz tatsächlich so schlimm? „Sagen wir so“, setzt der ÖH-Vorsitzende Funovits an, „die Leute, die an der Uni Graz studieren, haben es im Vergleich zu anderen Universitäten nicht so schlecht getroffen. Aber ich würde niemandem wünschen, bei uns zum Beispiel Pädagogik zu studieren.“ Am Institut hängte neulich ein Schild: Die Studierenden mögen bitte keine Zeugnisse zum Abschluss des ersten Abschnitts einreichen - das Personal zur fristgerechten Bearbeitung fehlt.
Die Psychologie und die Pädagogik sind zwei jener Studienrichtungen, in denen die Mangelerscheinungen regelrechte Hürden für die Studierenden schaffen. Eigentlich könnte man ja meinen, Studieren alleine sei schwierig genug - ähnliche Probleme gibt es aber fast überall: Kurse sind Minuten nach dem Start der Anmeldung voll – bis sie das nächste Mal angeboten werden, vergehen Semester. Die Studiengebühren muss trotzdem jeder zahlen: Bei der finanziellen Situation der Universitäten könnte ihr Betrieb ohne die Studiengebühren nicht mehr aufrecht erhalten werden. Denn was die Studiengebühren einbringen, hat der Bund vor deren Einführung weggekürzt.

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