STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2005/April/Aktion T4/
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Aktion T4

Von: Christian Maier

NS-EUTHANASIE
Während der NS-Zeit kam es in der Grazer Psychiatrie zur Deportation und Ermordung behinderter und psychisch kranker Menschen. Die Täter machten nach dem Krieg Karriere, die Opfer wurden vergessen. Nun soll ein Denkmal den Leidtragenden ihre Geschichte zurückgeben.

„Trübe Ahnungen“ nennt sich ein 1928 entstandenes Bild der Grazer Malerin Ida Maly. Zu sehen ist darauf ein Clown, der mit traurigem Blick vor einem Armenhaus steht. Ein Bild, mit dem Ida Maly wohl ihr eigenes Seelenleben abbildete – ist 1928 doch jenes Jahr, in dem die begabte, junge Künstlerin in den „Feldhof“ kommt. Die Diagnose: Schizophrenie. Ungeachtet ihrer Erkrankung beschließt Ida Maly das Malen nicht aufzugeben. In der Folge entstehen viele aussagekräftige Bilder, in denen sie sowohl ihre eigene Situation als auch die politischen Gegebenheiten erschreckend präzise auf den Punkt bringt. Deutlich wird dabei, dass die junge Mutter den Aufstieg der Nationalsozialisten als Bedrohung erlebt. Oft beschriftet die zunehmend pessimistischer werdende Künstlerin ihre Bilder mit abstrakten Texten: „So wie ihr uns jetzt als Kinder, als Minderwertige, geistig Tote erklärt habt, so werdet ihr als Tiere und Pflanzen ausgegeben werden“ ist etwa auf einem ihrem Kunstwerke zu lesen. Eines ihrer letzten Bilder beschäftigt sich auch mit den Zwangssterilisationen, wie sie in Österreich ab dem 1.Jänner 1940 vorgenommen wurden. Für viele Patienten waren diese Eingriffe die letzte Möglichkeit der Anstalt zu entkommen. Für Ida Maly nicht: Sie wurde im Februar 1941 ins eigens zur Masseneuthanasie adaptierte Schloss Hartheim in Oberösterreich gebracht, wo man sie im Rahmen der „Aktion T4“ in der Gaskammer ermordete.

Gaskammer auf ärztliche Empfehlung
„Die Aktion T4 – benannt nach der zuständigen Adresse in der Berliner Tiergartenstrasse 4 – war die zentral organisierte Vernichtungsaktion gegen Behinderte und psychisch Kranke. “ Die Historikern Birgit Poier hat in ihrer Diplomarbeit versucht, vielen der namenlosen Opfer eine Identität zu geben. Dass sie als diplomierte Krankenschwester in der Landesnervenklinik Sigmund Freud (LSF) – dem einstigen „Feldhof“– arbeitet, war nicht zuletzt ausschlaggebend für ihre Arbeit. Beschäftigt hat sie dabei auch, dass es rassenhygienische Überlegungen bereits lange vor der NS-Zeit gab: „Den Grundstein legte Charles Darwin, der die Natur als Ergebnis eines Evolutionsprozesses betrachtete in dessen Konkurrenzkampf nur die „Besten“ überleben würden.“ Eine These, die nicht nur viele Anhänger fand, sondern auch Raum für menschenverachtende Gesellschaftstheorien ließ: Wie etwa die Programmschrift des renommierten Juristen Binding und des angesehenen Psychiaters Hoche über die „Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens.“ Zu deren Anhängern gehörte auch Ernst Sorger, der Landesobmann der sogenannten „Erbbiologischen Bestandsaufnahme“, und vermutlich auch Oskar Begusch, der damaligen Direktor des Feldhofs. Beide wurden im August 1940 nach Berlin bestellt, wo man sie mit ihren Aufgaben vertraut machte: Die Ärzte sollten fortan anhand von Meldebögen über Leben und Tod der Patienten entscheiden. Anschließend wurden ihre Entscheidungen zur Grundlage für den Abtransport der Patienten nach Hartheim. Dabei wurden bis zu 300 Patienten innerhalb weniger Tage begutachtet. Birgit Poier ist überzeugt: „Es ging bei der „Aktion T4“ wohl weniger um rassenhygienische Überlegungen. Ziel war es eher, die damals als „unnütze Esser“ bezeichneten Patienten loszuwerden.“
Ohnehin war das Leben von kranken, alten und behinderten Menschen in jener Zeit wenig wert. Volksschüler mussten berechnen, wie viel Geld diese Menschen dem Staat kosteten und was man sich anderwertig um diese Summe leisten konnte. Im Volksmund sprach man von sogenannten „Ballastexistenzen“ und viele sahen in ihrer Tötung einen barmherzigen Akt, wie das Beispiel einer geistlichen Schwester zeigt: „Wir haben die armen Hascherl halt in den Himmel geschickt.“ Eine Meinung, mit der sie keineswegs alleine dastand. Mit dem Krieg nach Außen begann auch der Krieg nach Innen: In einem auf den 1. September 1939 rückdatierten Geheimerlass beauftragte Adolf Hitler zwei hohe NS-Schergen, linientreue Ärzte mit der Befugnis zur „Gewährung des Gnadentodes“ auszustatten. Eine Formulierung, die unterstellt, dass es der Wunsch der Opfer gewesen sei, sich ermorden zu lassen.

Hungersterben in der Psychiatrie
Doch nicht alle wollten dieser Logik folgen. Unter ihnen auch der Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen, der in einer Predigt die Praxis der Euthanasie geißelte. Und damit nicht zuletzt darauf hinwies, dass die Tötung behinderter Menschen auch nach damals geltendem Recht als Mord anzusehen war. Ein Faktum, das die Reichsführung im August 1941 zum offiziellen Stopp der „Aktion T4“ veranlasste. Zu einem Zeitpunkt, als in Hartheim bereits über 18.000 Menschen umgekommen waren. 1200 davon allein aus dem Feldhof, wo auch nach 1941 das Sterben nicht endete: „Durch chronische Unterversorgung stieg die Todesrate massiv an. Man spricht hier vom sogenannten Hungersterben in der Psychiatrie,“ wie Birgit Poier erklärt. Auch 360 Kinder fanden den Tod, zum Teil durch Maßnahmen, die direkt im „Feldhof“ gesetzt wurden: Wie etwa durch die Überdosierung von Beruhigungsmittel und anderer Medikamente. Hauptverantwortlich dafür dürfte besagter Dr. Sorger gewesen sein, der nach dem Tod Oskar Begusch‘s zum Direktor der Anstalt aufstieg. Gegen ihn wurde nach Kriegsende ein Verfahren wegen Tötung dreizehn behinderter Kinder eingeleitet. Der Arzt entzog sich der Anklage durch Selbstmord. In seinem Nachruf in der Grazer Tagespost vom 15.August 1945 wurde er als beispielgebender menschenfreundlicher Arzt gepriesen, der Armen und Arbeitslosen in selbstloserweise seine Hilfe zuteil werden ließ.

Anstoss wider Das Vergessen
Andere wie der ehemalige Vorsitzende der Kinderfachabteilung Dr. Peter Korp blieben in Amt und Würden: Obwohl auch er eine wesentliche Rolle in der NS-Euthanasie gespielt haben dürfte, wurde ihm nach Kriegsende die Leitung des „Feldhofs“ übertragen. Seine damalige Assistentin Dr. Josefine Hermann bekam den Posten als Leiterin der Heilpädagogischen Abteilung der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Möglich wurden diese Karrieresprünge, weil es für die Vorkommnisse am „Feldhof“ zu keiner Zeit zu Verurteilungen kam. Wie man die Täter vergaß, beschloss man auch die Opfer zu vergessen. Noch in einer 1974 erschienen Festschrift, anlässlich des hundertjährigen Bestehens des „Feldhof“ wurden sie praktisch totgeschwiegen.
Erst nach Ernennung Dr. Rainer Danzingers zum Direktor der LSF war man bereit sich der eigenen Vergangenheit zu stellen. Für Oktober ist nun auf seine Initiative hin ein landschaftsarchitektonisches Denkmal in der LSF geplant. Was vom Büro des Gesundheitslandesrat Erlitz bestätigt wird. Entworfen hat es der deutsche Architekt Janos B. Koppandy. Unterstützt wird dieser Vorschlag von Altbürgermeister Stingl: „Nur wer die Geschichte kennt ist für die Zukunft gerüstet.“ Ein Grund, weswegen Rainer Danzinger sich auch für ein Denkmal auf der Uni stark macht. Studierten doch viele überzeugte Rassenhygieniker in Graz. Auch die heutige Situation sieht er keineswegs unproblematisch: „Ich sehe die Gefahr einer Zwei-Klassen Psychiatrie. Immer wieder wird davon gesprochen, dass die Psychiatrie zu teuer sei und man die rehabilitierbaren Patienten von den chronischen Fällen trennen soll. Ich hingegen würde mir wünschen, dass man diese Menschen nicht isoliert, sondern sich verstärkt bemüht sie zu integrieren. Damit die Gesellschaft erkennt, welchen Beitrag psychisch besondere Menschen zur menschlichen Vielfalt leisten können.“

Buch zum Thema: W. Freidl, W. Sauer; NS-Wissenschaft als Vernichtungsinstrument.
Facultas-Verlag 2004, ISBN 385076656x

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