Zur Startseite MEGAPHON

Freitag in Sarajewo

Von: Florin Mittermayr

DRAMA
Ein niederösterreichischer Germanistiklektor entdeckt in Sarajevo das Drama eines niederösterreichischen Autors über den Krieg in Bosnien. Und beschließt, es in deutscher Sprache mit seiner bosnischen Theatergruppe vor Ort aufzuführen. Nicht Inhalt, sondern wahre Geschichte eines Theaterstücks, zu sehen am 21. Mai im Grazer Stockwerk.

Die Länder des Balkans haben sich auf eine verbindliche Definition, wo die Grenzen dieses ominösen Balkans nun lägen, geeinigt. Balkan fängt immer an der Südgrenze des eigenen Landes an. Nur die Griechen siedeln ihn im Norden an, an der mazedonisch-bulgarischen Grenze.“ Die Balkan-Definition von Dramatiker Richard Schuberth lässt sich auch in Österreich oder Deutschland leicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Dass der Regisseur und Autor weiß, wovon er spricht, zeigt allein schon sein Werdegang: Während seines Studiums der Ethnologie hat sich der Niederösterreicher vor allem für die Ursachen und Auswirkungen des Nationalismus interessiert, heute ist er Leiter des Wiener Musik-Festivals „Balkan-Fever“. Am anschaulichsten wird Richard Schuberts Kenntnis der Untiefen des menschlichen Zusammenlebens aber dort, wo sie sich auch am besten anschauen lässt: Auf der Bühne, in einem seiner Theaterstücke. Zum Beispiel am 21.Mai im Grazer Stockwerk. Wenn die bosnische Schauspielertruppe Ars Vivendi sein Drama „Freitags in Sarajewo“ zum ersten Mal in die Steiermark bringt. Was weit weniger spektakulär klingt, als es eigentlich ist. Denn die Aufführungsgeschichte der Kriegsgroteske klingt, als wäre sie selbst einer jugoslawischen Filmsatire entnommen: „Konzipiert habe ich ‚Freitag in Sarajewo‘ als Lesestück. Erschienen ist es erst einige Zeit nach seiner Entstehung, im kleinen Kärntner Drava-Verlag. Es als klassisches Drama ins Theater zu bringen, hat in Österreich nicht funktioniert.“ Eine mit zu lange Aufführungsdauer wurde dem Autor ebenso attestiert, wie eine zu große Anzahl der Charaktere. Eine Auffassung, die außerhalb der Landesgrenzen nicht unbedingt geteilt wurde. Im Frühling 2003 erreichte Richard Schuberth ein E-Mail von einem gewissen Oskar Tersšaus dem bosnischen Tuzla: „Der hat mich auch nicht gefragt ob er mein Stück aufführen darf, sondern ob er es für sein Ensemble adaptieren könnte. Dass er es auf die Bühne bringt, war längst beschlossene Sache.“ Ein niederösterreichischer Germanistiklektor findet in einer Buchhandlung in Sarajevo das Drama eines niederösterreichischen Autors über den Krieg in Bosnien, das in einem Kärntner slowenischen Verlag erschienen ist, und beschließt, es mit seiner bosnischen Theatergruppe, bestehend aus seinen Studentinnen, in deutscher Sprache in Tuzla aufzuführen. „Nachdem ich ein wenig darüber nachgedacht hatte, wurde mir klar: Es hätte mir nichts besseres passieren können.“ Nicht nur weil das Stück jetzt dort angekommen war, wo es eigentlich hin gehörte. Sondern auch weil wohl niemand sonst den Inhalt so auf die Bühne bringen könnte wie das Ensemble Ars Vivendi: Fast alle Schauspieler waren während des Kriegs nach Deutschland geflüchtet, und kennen sowohl das westliche Bild des Balkankriegs wie die wahre Situation vor Ort. Dass aufgrund der Zusammensetzung einige Männerrollen kurzerhand von Frauen besetzt wurden empfindet Richard Schuberth heute ebenso als Glücksfall: „Ein ironischer Effekt, der sich letztlich als Himmelsgeschenk erweisen sollte.“
Worum geht es in „Freitag in Sarajewo“? Eine US-Starintellektuelle, will im belagerten Sarajevo „Warten auf Godot“ inszenieren. Ein französischer Eingreifphilosoph, erschießt aus Versehen den bosnischen Hauptdarsteller , und muss gemeinsam mit einem deutschen Kulturschützer die Hauptrollen übernehmen. Bald tun sich blutige Fronten auf und es droht ein Bürgerkrieg en miniature.
Davon, dass die gesamte Inszenierung perfekt funktioniert, hat sich Richard Schuberth in Bosnien selbst überzeugt: „Ein großartiges Erlebnis. Das Publikum hat sich glänzend unterhalten und an den richtigen Stellen gelacht. Das sind Menschen, die am eigenen Leib erfahren haben, was Krieg bedeutet.“ Bei den Lesungen in Österreich sei das nicht immer so gewesen.
Was keineswegs so bleiben muss...    

    Zum Seitenanfang   Zur Druckansicht   HOME  |  IMPRESSUM  
e-dvertising - Werbung, Webdesign, CMS, Fullservice
(Partner/Förderer)
(Anzeigen)