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Gepflegtes zuhause

Von: Agnes Fogt

LEBENSRÄUME
Seit über zwei Jahren lebt Karin im Eggenberger Wohnhaus für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Im Mittelpunkt steht dabei der ganz normale Weg durch den Alltag.

Ich habe die Grippe - wer hätte ein Problem damit, das zu sagen? Oder zum Arzt zu gehen? Wohl kaum jemand. Wer krank ist, braucht Hilfe. Krankheiten und Wehwehchen sind nichts, dessen man sich schämen müsste, sie werden im Kaffeehaus, im Bus und beim Verwandtenbesuch diskutiert. Bei psychischen Problemen sieht die Sache oft anders aus. Die Angst, als verrückt und nicht normal zu gelten, hält Betroffene davon ab, fachmännische Hilfe einzuholen. Sie ziehen sich zurück, meiden soziale Kontakte. Damit niemand Verdacht schöpft, bleiben sie allein mit ihrer Krankheit. Wie es physische Krankheiten gibt, die ohne entsprechende Behandlung schlimmer werden, so gibt es auch psychische. Der Betroffene ist gefangen in einem Teufelskreis: Er oder sie traut sich nicht hinaus und in der Einsamkeit wachsen die Probleme, ohne dass es jemand bemerkt.
Die eigene Wohnung ist unser Privatraum, dorthin können wir uns zurückziehen. Bei Menschen mit psychischen Erkrankungen ist das oft ein Rückzug in die Einsamkeit. Statt zu wohnen verkriechen sich viele Betroffene zwischen ihren vier Wänden. Andere verlieren auf Grund ihrer Erkrankung die Fähigkeit, zu arbeiten, sich um sich selbst zu kümmern und in Folge die Wohnung. Oder der Verlust der Wohnung zieht ein psychisches Problem nach sich.

Karin
Karin ist eine der 14 Bewohner des Wohnhauses im Bezirk Eggenberg. Mit einer Frau und zwei Männern teilt sich die 37-jährige Grazerin eine WG: „Von den Leuten, die hier wohnen habe ich ein paar schon vorher gekannt. Das ist ein bisschen wie daheim, wie eine Familie. Am 16. April 2003 bin ich im Wohnhaus eingezogen, einen Tag vor meinem Geburtstag. Das war das schönste Geschenk“, – das Haus ist voll ausgelastet und die Nachfrage groß. Karin hat mehrere Aufenthalte in Nervenkliniken hinter sich. Als vor 15 Jahren ihre erste feste Beziehung in die Brüche ging, äußerte sie die Absicht, sich umzubringen. Ihr Cousin rief daraufhin die Polizei und Karin wurde in die Landesnervenklinik Sigmund Freud (LSF) gebracht. Wie ernst es ihr mit dem Selbstmord war? „Nicht sehr ernst. Ich war verzweifelt und wollte sagen, wie schlecht es mir geht. Ich habe mir gedacht, dann lässt sich mein Freund vielleicht erweichen und kommt zurück. Ich liebe das Leben sehr. Auch wenn man nicht gut ausschaut und nicht gescheit ist - es ist das einzige, was wir haben.“
Karin hört Stimmen - konkret die Stimme ihres ersten Jugendschwarms. Er war Mitglied des Maturaball-Komitees und Karin sah ihn das erste Mal, als das Komitee in die Klasse kam, um sich vorzustellen. Nach der Schule verlor sie ihn aus den Augen. Als Jahre später die Beziehung zu ihrem Freund endete, sprach die Stimme häufiger. Karin war sich sicher, es mit ihrem Jugendschwarm zu tun zu haben, der über ein spezielles Mikrophon in ihren Kopf sprechen konnte und sie mit Hilfe eines Computers beobachtete. Was die Stimme ihr erzählte, machte ihr Angst: Der Jugendschwarm in ihrem Kopf behauptete, sie habe Schuld an seinem Unfall und daran, dass er jetzt im Bett liegen müsse. Die Stimme redete ihr ein, sie würde in der Nacht aufstehen, durch die Zimmer der LSF wandern und andere Patienten würgen. Die Stimme redete ihr ein, die Röntgenuntersuchungen würden nur durchgeführt, damit sie an Krebs erkrankt. Auch Morddrohungen hörte Karin in ihrem Kopf. Dass im Wohnhaus rund um die Uhr mindestens ein Sozialarbeiter anwesend ist, beruhigt Karin: „Ich sage ihnen immer, sie sollen ein bisschen auf mich aufpassen und Bescheid geben, wenn ihnen etwas Ungewöhnliches im Haus auffällt. Ich brauche Betreuung. Ich kann nicht zur Nachbarin soundso gehen und sagen: „Ich habe Angst, dass ich in der Nacht geröntgt werde‘.“

Jeder zahlt seine Miete
Das Wohnhaus bietet Hilfe zur Selbsthilfe. Normalisierung und Selbständigkeit werden groß geschrieben. Das fängt schon bei der Lage des Hauses an: Es steht mitten in einem Wohnviertel, an der Peripherie der Stadt. „Wir halten es nicht für gut, wenn ein Verein alle Lebensbereiche betreut“, erklärt Heribert Sitter, Geschäftsführer der Wohnplattform Steiermark. „Bevor man große Heime baut, sollte man versuchen, den Leuten die Einsamkeit zu nehmen und Kontakte herzustellen. Wohnen ist so zentral, weil es oft keine andere Beschäftigung gibt. Viele sitzen ihr Leben lang in der Wohnung. Wenn man von betreutem Wohnen redet, geht es immer ums Leben. Die Wohnung ist ein wichtiger Eckpfeiler.“
Die Wohnplattform bietet keine Tageswerkstätten oder Therapien im Haus an, denn die Betroffenen sollen lernen, dass man das Haus verlassen muss, um Einkaufen, zum Arzt, zur Arbeit oder Kaffee trinken zu gehen. Jeder hat sein eigenes Zimmer, seinen Postkasten und zahlt seine Miete. Und auf den regelmäßigen Haus- und WG-Besprechungen hat jeder sein Mitspracherecht. „Der Mensch ist sonst rundum ‚gefangen‘: Wenn er die Betreuung verliert, verliert er alles“, so Sitter. Karin sieht das genauso: „Selbständig sein ist gut, dann verlernt man den Umgang mit Geld und das Kochen nicht.“
Einige Jahre möchte Karin noch im Wohnhaus bleiben, aber irgendwann will sie wieder ganz selbständig sein. Karin hat die Matura und hat schon einige Versuche unternommen, beruflich Fuß zu fassen. Geklappt hat es leider nie. Wieder in der Altenpflege zu arbeiten oder Fachtheologie zu studieren, das ist Karins neues Ziel. Was sie sich wünschen würde? „Dass ich bereits eine Berufsausbildung habe und aufs Land ziehen kann. Auch eine Beziehung möchte ich später einmal wieder haben“..

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