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Der Weg ins Freie

Von: Florin Mittermayr

SCHWELLENANGST
Nur wenige Häftlinge finden nach einem längeren Gefängnisaufenthalt zurück ins Leben. Über Hürden und Fallstricke auf dem Weg von drinnen nach draußen.

24 Jahre sind eine lange Zeit. 1981 hat Gerhard Plotho seinen Dienst als Justizwachebeamter in der Karlau angetreten, heute ist er Oberst und stellvertretender Leiter der Haftanstalt. Bei einem Verlängerten in der Gefängniskantine steht er geduldig Rede und Antwort. Altbekannt sind ihm mittlerweile nicht nur seine Kollegen, sondern auch etliche seiner 612 Insassen: „Offizielle Statistiken über die Rückfälligkeit von Strafgefangenen bekommt man schon länger nicht mehr zu Gesicht – die sind zu deprimierend. Was unsere eigene Anstalt betrifft, wissen wir: Sechzig Prozent kommen wieder.“ An drei Fingern abzählen lassen sich die Ursachen dafür nicht. Unwiderlegbares Fakt ist: Je länger der Gefängnisaufenthalt, umso aussichtsloser die Resozialisierung – dass in der Karlau nur Strafen von über 18 Monaten abgesessen werden, ist mit ein Grund für die bedrückende Statistik. An Oberst Plothos Motivation hat das in den vergangenen 24 Dienstjahren nichts geändert: „Zufrieden bin ich, wenn einer raus geht und nicht wieder kommt. Dann habe ich meine Arbeit gut gemacht.“
Einer der doch wiedergekommen ist, ist der 51-Jährige Herr Xaver*.  Im nüchternen Zimmer des leitenden Sozialarbeiters wartet er schon auf den Besuch. Seit 2003 ist er hier, der Grund dafür kommt ihm nicht leicht über die Lippen: „Ein Sexualdelikt. Nachdem meine Mutter gestorben ist, habe ich mich mit Alkohol betäubt – und die Kontrolle verloren.“ Für ihn hat das schwere Konsequenzen: Nicht im normalen Strafvollzug sondern im Maßnahmenvollzug musste er seine Strafe antreten. Für seine Freilassung ist nicht die Verbüßung seiner dreijährigen Haftstrafe  entscheidend, sondern der mutmaßliche Erfolg der verordneten therapeutischen Maßnahmen – was unter Umständen auch lebenslänglich bedeuten kann.

„Nicht wenige Haft­insassen haben in ihrem Leben noch nie einen Euro gesehen.“

Herr Xaver blickt dennoch hoffnungsvoll in die Zukunft. Gruppentherapie und Alkoholentzug samt Suchttherapie hat er erfolgreich hinter sich gebracht. Für seine gute Führung und sein besonnenes Auftreten ist er in der Anstalt bekannt, mit seinen drei Kindern hat er wieder Kontakt. Und er bemüht sich um eine medikamentöse Behandlung, die ihm den Alkoholkonsum körperlich unmöglich macht. „Wichtig ist, zu begreifen, warum man im Gefängnis sitzt. Was ich getan habe war nicht in Ordnung, die Strafe habe ich verdient. Das mit der Maßnahme ist halt hart.“ Den entscheidenden gerichtlichen Anhörungstermin hat Herr Xaver Anfang März. Derzeit befindet er sich in der Entlassungshaft, wie die vorbereitende Phase auf den Weg in die Freiheit genannt wird.
Und die ersten Schritte nach draußen hat  er schon hinter sich. Vier Sozialausgänge durfte Herr Xaver bislang machen, jeder einzelne war – wie fast alles im Gefängnis – mit großem bürokratischem Aufwand verbunden und bedurfte der Zustimmung des Ministeriums. Die er – trotz der Fürsprache seitens der Psychologen und der Justizanstalt – nur zum Teil bekam: Alleine darf Herr Xaver noch nicht einmal für ein paar Stunden in die Freiheit. Bei seinen Ausflügen wird er von dem Mann begleitet, dem er sehr viele seiner kleinen Erfolge zu verdanken hat: Berndt Stoisser ist Leiter des sozialen Dienstes in der Karlau. Und Herrn Xavers zuständiger Sozialbetreuer: „Den Menschen hier zu helfen ist zu allererst Beziehungsarbeit: Gleich zu Beginn versuchen wir uns mit dem Betroffenen anzusehen, wie der Weg zurück ins Leben funktionieren kann. Was zweckmäßig ist, und was durchführbar.“ Auch den kleinen Fortschritten das richtige Gewicht beizumessen, hat Bernd Stoisser im Laufe seiner Tätigkeit gelernt. Und er ist sich auch darüber im Klaren, wie schwierig die größeren sind: „Bei den meisten Freigängen steht in ein paar Stunden unheimlich viel auf dem Spiel. Da geht es um die Wohnung, Termine bei verschiedenen Ämtern, die Familie, das Geld auf der Bank – nicht wenige Haftinsassen haben in ihrem Leben noch nie einen Euro gesehen. Allein, sich rechtzeitig um einen Ausgangsschein mit Foto zu bemühen, kann schon eine schwierige Hürde sein. Das alles gemeinsam zu planen ist unheimlich wichtig.“
Herr Xaver zeigt sich mit seinem letzten Ausgang zufrieden: „Ich habe sehr viel erledigen können, von dem was ich da draußen wieder brauchen werde. Und die Nachbarschaft fragt schon, wann ich wieder komme.“ Für ihn dabei am wichtigsten: ein Gerichtstermin. Diesmal allerdings nicht als Angeklagter, sondern als Kläger: Für die Dauer seiner Haft hatte Herr Xaver sein Haus untervermietet, eingezahlt wurden die vereinbarten Beträge allerdings nicht – was für den Haftinsassen ohne nennenswerte Verdienstmöglichkeit rasch zur Existenzbedrohung wurde. Dass das Recht auch auf seiner Seite stehen kann, durfte er nun erleben. Ob er im nächsten Frühjahr wirklich wieder auf eigenen Beinen durch die Welt gehen darf, ist derzeit noch völlig offen. Am nötigen Einsatz mangelt es ihm definitiv nicht: „Ich möchte diese eine Chance, wenn ich sie bekomme, unbedingt ausnützen. Damit ich mein Leben wieder leben kann.“

„Alleine aufstehen, Essen besorgen, der Umgang mit einer Bankomatkarte – all das muss erst wieder gelernt werden.“

Sollte es klappen, steht Herr Xaver nicht am Ziel seiner Bemühungen, sondern erst am wirklichen Beginn der Herausforderung. Denn auch der Weg zurück in den Alltag ist mit rechtlichen Auflagen verknüpft und keineswegs mit Rosen gepflastert. Ulrike Plaschka ist Leiterin der Hilfsorganisation Neustart in Graz und mit der Problematik vertraut. Wo Herrn Stoissers Aufgabenbereich endet, setzt das Engagement der dortigen Bewährungshilfe und Haftentlassenenberatung ein. Und auch hier steht erst einmal die Planung im Vordergrund: „Am Wichtigsten ist, sich zunächst einmal anzuschauen: Was brauchen wir, damit wir das schaffen? Und, sollte einmal etwas nicht klappen, nachzusehen: Was war das? Was hat nicht funktioniert?“ Um in der schwierigsten Zeit unmittelbar nach der Haft niemanden allein zu lassen beginnt die Betreuung noch im Gefängnis, sich um Unterkunft  und Auskommen zu kümmern. „Der Umstieg vom strikt geregelten Haftalltag in die Selbstständigkeit fällt niemandem leicht. Alleine aufstehen, Essen besorgen, der Umgang mit einer Bankomatkarte – all das muss erst wieder gelernt werden.“ Und ist beileibe nicht die einzige Anforderung an die Entlassenen: Einer überstandenen Sucht auch in Freiheit die Stirn zu bieten und den Kontakt zum falschen Freundeskreis bewusst nicht wieder aufzunehmen, ist fast immer eine harte Prüfung für den Betroffenen. Von der Problematik einen geregelten Job zu finden, ganz zu schweigen. Einer der es geschafft hat, berichtet bei Neustart von seinen Erfahrungen: „Ich bin zirka dreißig Firmen abgerannt. Dreißig haben abgesagt, die einunddreißigste hat zugesagt. Schwierigkeiten hat man immer, heutzutage ist es am Besten von Anfang an alles zu sagen: Vorstrafen habe ich, Schulden habe ich, und deshalb Lohnexekutionen.“  Nicht von ungefähr heißt das aktuelle Neustart-Betreuungskonzept ‚Schritt für Schritt‘: Gemeinsam mit den Initiativen ‚BAN‘ und ‚ISOP‘ werden Begleitung, geschützte Arbeitsstelle und Bildung erstmals planbar aufeinander abgestimmt. Ein überaus sinnvoller Ansatz, der aber  nur einen kleinen Teil der Betroffenen auffangen kann.
Wie viele Hürden und Fallstricke wzischen wirklich Haftanstalt und geregeltem Alltag liegen, entzieht sich den meisten Menschen mit unversperrtem Tagesablauf. Zur freundlicheren Gestaltung der obenstehenden Statistik wären aber genau diese am dringendsten von Nöten. Sozialbetreuer Berndt Stoisser: „Was so wichtig wäre: Verständnis für die Arbeit und Verständnis für die Betroffenen. Gibt es Probleme, schieben die Menschen die Verantwortung gerne ab. Der ‚Häfen‘ soll dann alles richten.‘ Dabei sind wir so sehr von der Gesellschaft da draußen abhängig.“

* Name von der Redaktion geändert

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