STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2005/Dezember/Gummi, Kraut und Rüben/
drucken drucken 

Gummi, Kraut und Rüben

Von: Ingrid Brodnig

STRASSENPRACHT
Vom Plattenladen bis zu Beate Uhse: Die Annenstraße hat in 145 Läden das bunteste Sortiment und die vielschichtigste Kundschaft von Graz – und trotzdem ein Identitätsproblem. Aber: Muss das so bleiben?

Zwei Euro, wieviel Cent?“ Die ältere Dame blickt den orientalischen Kaufmann fragend an. „Zwei Euro, 73 Cent.“ Sie sucht in ihrer Tasche: „Warten Sie, zwei Cent habe ich. Zwei Euro, 72 Cent.“ Mit ihrem Einkaufssackerl spaziert die Dame davon, Behnous Lounis schaut ihr nach. Weil sich ein Kunde um einen Cent verhört, bricht er noch lange keinen Streit vom Zaun. Seinen Laden kennt fast jeder Grazer – zumindest vom Vorbeifahren: Ifri ist jenes Geschäft, das am unteren Anfang der Annenstraße das Trottoir mit Früchten schmückt, es ist ein Paradebeispiel für den Greißler aus dem Morgenland. Und trotz der zahlreichen Kunden, die für die Gewürze oder das kandierte Obst in den kleinen Laden kommen, hat Herr Lounis so seine Sorgen. „Früher war mehr los“, sagt er. Und erzählt von seinen Beobachtungen und davon, was ihm andere erzählten: „Vor 13 Jahren war die Annenstraße wie eine Einkaufshauptstraße.“

Mythos Annenstrasse
In der Annenstraße dominiert die Melancholie, zumindest wenn man die Alteingesessenen befragt. „Ich kenn die Annenstraße noch ganz anders“, erklärt Annemarie Halbedl. Die Direktorin des Hotels Drei Raben arbeitet seit vierzig Jahren in der Straße. Wie es früher war? „Es war viel sauberer und es waren gute Geschäfte zu machen.“
Eine „Prachtstraße“ war sie in den Augen vieler Anrainer. War sie das wirklich? „Nun ja, ‚Pracht‘ ist ein dehnbarer Begriff“, meint der geschichtskundige Soziologe Karl-Albert Kubinzky. Die Annenstraße wurde 1864 als solche eröffnet – als Nabelschnur zwischen Graz und Eggenberg. Der Verkehr spielte schon damals eine Rolle, später brachte der Bahnhof dann die Pendler in die Straße: „Zur Zeit, als mehr Leute auf der Straße waren, bis in die Fünfziger- und Sechzigerjahre, war sie eine klassische Einkaufsstraße: Nicht gerade von der höchsten Qualität, aber enorm frequentiert.“
Davon erzählt auch Heinz Siegl, Inhaber des Fachgeschäftes Gummi-Neger. „Früher war es so, dass die Annenstraße die Straße war, durch die alle in der Stadt gegangen sind.“ Die Motorisierung habe das allerdings verändert: „Jetzt gibt es mehr Durchzugsverkehr.“ Am Tag fahren 10.000 Autos über die Annenstraße, 9.000 davon nur hindurch. Aber nicht nur der Verkehr formte das Bild der Straße. „Wenn man es genau nimmt, ist die Annenstraße eine multikulturelle Straße geworden.“ Herr Siegl mag seine Straße. „Hier haben sie ein Angebot, wie Sie es in keiner anderen Straße in Graz finden.“ Sein Laden ist der beste Beweis – von Gummischläuchen, Füllmaterial bis hin zu Wärmeflaschen: „So wie‘s mich gibt, gibt‘s, glaub ich, überhaupt nichts mehr.“ Der Gummi-Neger ist seit 1926 in der Straße. Heute finden sich rund um ihn 144 weitere Geschäfte: Vom Inder mit dem wohl größten Angebot an Bollywoodfilmen bis zum Wirtshaus Postl, wo es noch frühmorgens ein Schnitzerl gibt.

Frischer Wind?
Die Annenstraße ist ein Mischmasch. Und dazu gibt es geteilte Meinungen. „Ich mag die Atmosphäre“, meint Ilona Lederwasch, die in der Nähe wohnt. Der gleichen Meinung wie die 27-jährige ist aber nicht jeder. „Die Annenstraße war einmal eine schöne Straße“, entrüstet sich eine ältere Anrainerin. Herr Siegl, der stets bereit ist, seine Straße zu verteidigen, hat selbst Vorschläge, was man besser machen könnte: „Breitere Gehsteige, ein bisserl Grün, teilweise Überdachung.“ Nur Träumereien? Vielleicht in den nächsten Jahren schon Realität: Schließlich hat der Gemeinderat im Dezember beschlossen, dass ab 2006 die Detailplanungen zur Annenstraße-neu beginnen (siehe Kasten). Ziel sind freundlichere Rahmenbedingungen – Initiator Joseph Schnedlitz vom Handelsmarketing Graz will, dass alle Betroffenen an einem Strang ziehen. „Das Erfolgsrezept heißt Bewusstseinsbildung“, ist er überzeugt.
Aber wie realistisch ist das? In der Annenstraße gibt es sehr unterschiedliche Vorstellungen, wie die Annenstraße aussehen sollte. Und sehr viel Negatives wird dabei auf die ausländischen Geschäfte projiziert. „Denen sollte man sagen, wie man in Österreich seine Auslage gestaltet“, meint eine Kauffrau, die ihren Namen nicht genannt haben möchte. Sie deutet in Richtung Bahnhof – dorthin, wo die chinesischen Allround-Billigläden zahlreicher werden, die von Reisekoffer bis Nudeln alles anbieten. „Das ist Kraut und Rüben“, meint auch Hoteldirektorin Halbedl.
Die Frage ist aber auch, ob es nicht gerade eben Kraut und Rüben sind, die die Annenstraße zu etwas Besonderem machen – oder anders gesagt: Vom Modelleisenbahngeschäft bis zum afrikanischen Hip-Hop-Shop, die Annenstraße wird kaum eine zweite Herrengasse werden – noch würde das Sinn machen. Immerhin treffen in der Annenstraße Grieß und Lend aufeinander, die Bezirke mit dem höchsten Ausländeranteil. Doch nicht jeder will in einer multikulturellen Straße leben. „Ich bin überzeugt, dass manche damit nicht umgehen können und deswegen ausgezogen sind und noch ausziehen werden“, sagt Joseph Schnedlitz. Andere haben die neue Identität der Straße aber angenommen. „Das ist der Zug der Zeit“, sagt etwa Herr Siegl, „ich muss für meinen Laden einfach schauen, dass ich auch dieser neuen Kundschaft gerecht werde.“
Die Anzeichen für eine Flucht nach vorn stehen in der Annenstraße dabei durchaus gut – ein paar neue Cafés haben eröffnet, der Bollywood-Inder schloss eine Marktlücke und im Annenhof, dem Haus gleich neben dem UCI, wohnen lauter junge Filmschaffende. Ob die Annenstraße langsam zur Prachtstraße wird? Nun ja, die Frage sollte wohl eher lauten: Wer braucht schon Pracht?“

Weiterführende Informationen unter:

MEGAPHON, Auschlössl
Friedrichgasse 36, 8010 Graz
Tel: 0316/8015 650
Fax: 0316/81 23 99
megaphon@caritas-graz.at
www.megaphon.at/de/strassenmagazin/archiv/megaphon_2005/dezember/64/