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Always the Jackson

Von: Florin Mittermayr

JAKOMINIPLATZ
Umsteigeknoten, Nacht-Trafik, Blunzen-Standl, Jugendtreffpunkt, Nahversorgung, Stammpublikum: Ein Platz ist ein Platz ist ein Platz. Ein Rundgang über den urbansten öffentlichen Raum der Stadt.

Zwischen zehn und zwölf Uhr vormittags, wenn sich Frühstücks- und Mittagspublikum begegnen, dann trifft man hier die interessantesten Menschen der Stadt.“ Wohl kaum jemand kennt das Stammpublikum beim Café Sorger am Jakominiplatz so genau wie Walter Felber: Schließlich portraitiert der letzte Gasthauszeichner des Landes dort täglich zwei Stunden seine Tischnachbarn. Ein guter Teil der Stammklientel hat das sieb­zigste Lebensjahr schon überschritten, geballte Lebensroutine verbindet sich an den Kaffeehaustischen mit jugendlicher Frische: „Zum Beispiel der Herr Winkler, in seinem Freundeskreis auch spitzbübisch ‚Rossknecht‘ genannt – der hat früher beim Zirkus gearbeitet, mit verbundenen Füßen ist der auf einen 8 Meter 50 hohen Baumstamm geklettert. Als Dompteur hab ich ihn auf Fotos gesehen. Mit 75 war die Zirkuslaufbahn zu Ende, und der Herr Winkler hat sich gedacht: ‚Jetzt zum arbeiten aufhören, ist auch nix,‘ und sich in weiterer Folge als Rossbetreuer bei einem Grazer Kutscher verdingt. Siebzehn Jahre lang. Mit 92 ist er dann in den Ruhestand getreten.“

Im hohen Alter so fit zu sein ist ein Glück, das nicht jedem zu Teil wird: Dass der Spaniel der älteren Hut-Trägerin gegenüber Probleme mit den Augen hat, ist nicht zu übersehen: Um dennoch in die gemütliche Ecke zu finden, nutzt er die Fußleiste der Bar als Blindenleitsystem – sehr zur Verwunderung der Buffetgäste. Für Walter Felber kein ungewohntes Bild:„Es ist unglaublich, was hier alles los ist. Beim Sorger sitzt das historische Gewissen der Stadt, das hier ist absolut einzigartig.“ Und neben den Stammgästen in der gemütlichen Ecke sitzen auch viele junge Menschen aus der direkten Umgebung, nicht wenige sind mit ihrer Familie als Gastarbeiter hierher gekommen. Die zwei Damen von der Bedienung sind  Kurdinnen, auch Menschen aus Kroatien oder dem Kongo haben beim Sorger schon gearbeitet. Und nirgends ist das Zusammenkommen der Generationen oder der verschiedenen Nationalitäten so reibungslos wie hier: „Es ist immer lustig und funktioniert tadellos.“

Sich gegenseitig in Nobelesse zu üben, hat am Jakominiplatz lange Tradition. Genau gegenüber, am Kopfende des Platzes, stand früher das erste Haus der Stadt: Im Steirerhof nächtigte Königin Elisabeth von England, im alten Gästebuch finden sich Gedichte von Paula Grogger. Und zum hoteleigenen Kaffeehaus sagten die Grazer „Sacher“. Heute ist vom Ruhm der vergangenen Tage nichts mehr zu spüren: Der Steirerhof ist ein handelsübliches Einkaufszentrum mittlerer Größe, einzig ein ‚Café im Steirerhof‘ gibt es noch. Mit dem Standort Jakominiplatz ist Max, der charismatische kroatische Chef des Lokals nicht restlos glücklich: „Das ist irgendwie schlecht organisiert: Statt in der Sonne spazieren zu gehen, hüpfst du ums Überleben. Die Station sollte unterirdisch sein, und oben der Platz für die Leute.“ Dass der ausladende Gehsteig vor dem Einkaufszentrum nicht selten von Wohnungslosen oder der Platzjugend zum Biertrinken genutzt wird, gefällt Max auch nicht unbedingt: „Angst habe ich noch nie gehabt, aber angenehm ist es auch nicht immer.“ Wenn es so ohne weiteres möglich wäre, stünde seine schicke Caféteria woanders.

Zu den Menschen, die auf dem ‚Jako‘ ihre halbe Jugend verbracht haben, gehören auch Simone* und Gabi*. Heute sind beide zwanzig Jahre alt, beide auf dem Sprung ins Arbeitsleben und Besitzer einer kleine Wohnung. „Wie wir hierher gekommen sind?“ Simone muss lachen: „Weiß ich noch genau: Ich war dreizehn, hab mich irgendwo dazu gestellt und ein Bier getrunken.“ Wiedergekommen sind die beiden in den nächsten Jahren fast täglich, manchmal auch über Nacht geblieben.  Der Reiz daran? „Dass du einfach akzeptiert wurdest, wie du bist. Irgendeinen Freund findest du immer hier.“ In ihren Wünschen unterscheiden sich Simone und Gabi nicht von anderen Jugendlichen: „Eine Familie haben, ein normales und geregeltes Leben führen können. Mit Arbeit, Geld, Familie und Auto. Und kein Stress mehr mit der Polizei!“

Dass es am Jakominiplatz viele verkrachte Existenzen gibt, ist kein Geheimnis. Nicht alle, aber viele Jugendliche kämpfen mit den Zuständen in der eigenen Familie – vom Missbrauch bis zur absoluten Gleichgültigkeit. Dass innerhalb der Gruppe manchmal die Fetzen fliegen, lässt sich nur schwer vermeiden. Um ihre Sicherheit müssen die zigtausenden Passanten pro Tag deshalb aber nicht fürchten, wie Wolfgang Glatz von der Anlaufstelle Jugendstreetwork versichert: „Vom Gefahrenaspekt unterscheidet sich der Jakominiplatz nicht von anderen Plätzen. Verbale Fehlgriffe und Störungen gibt es immer wieder, bei der Masse an Menschen ist das aber weitgehend normal. Suchtprobleme gibt es vor allem mit dem Alkohol, körperliche Gewalt gegen Außenstehende erleben wir so gut wie nie.“ Dass viele Medien den Jakominiplatz wegen einer Messerstecherei letzten Herbst wieder einmal zum lebensgefährlichen Un-Ort stilisierten, spricht nicht für deren Seriosität: Ausgangspunkt des Konflikts war ein Lokal in der Mondscheingasse, die Flucht des Verbrechensopfers auf den Jakominiplatz ist wohl kaum als Beweis für dessen Gefahrenpotential geeignet.

„Das ist eher ein subjektives Gefühl der Unsicherheit“ bestätigt auch Oberst Werner Kundigraber von der Grazer Polizei. Als Abteilungskommandant für sämtliche Dienstellen am linken Murufer befasst er sich seit zehn Jahren mit dem Jakominiplatz und kennt die ortsspezifischen Probleme genau: „Neben der Jugend- und Arbeitslosenproblematik ist das vor allem die überdurchschnittliche Anzahl der gemeldeten Taschendiebstähle. Was aber sicher auch mit dem Verkehrsknotenpunkt zusammen hängt: Hier steigen die Leute aus und bemerken, dass etwas fehlt.“

Alle 40 Sekunden fährt während der Spitzenzeit am Jakominiplatz eine Tramway ab, in den Abend- und Nachtstunden sind es empfindlich weniger. Dass dann trotzdem jeder seinen Anschluss erwischt, ist das Aufgabengebiet von Herrn Eisner, seines Zeichens Revisor bei den Grazer Verkehrsbetrieben. „Alle zehn Minuten muss ich hinaus, um die wartenden Züge und Busse abzufertigen.“ Von 15 Uhr bis Mitternacht dauert sein Dienst, zu eintönig wird es ihm nie: „Ich gehe immer gern in die Arbeit, nur die Zeiten, wo ich noch selbst gefahren bin, gehen mir ein wenig ab.“ Zu wenig los ist im Rondeau auch in den Abendstunden zweifelsohne nicht: Die Fahrer drücken sich praktisch die Klinke in die Hand, dazu kommen noch die Kunden, die auch um diese Zeit mit ihren Anliegen und Beschwerden hier vorstellig werden.

Ein Umstand, den Frau Sabine vom Würstelstand der Fleischerei Stacherl so gut wie gar nicht kennt – obwohl sie erst seit Dezember am Jakominiplatz arbeitet: Denn erstens genießen die Blunzen und Breinwürste in ihrer Obhut einen Ruf, der weit über den Platz hinaus geht. Und zweitens strahlt die junge Dame eine Herzlichkeit aus, der sich nur schwer ein Kunde entziehen kann: „Der Platz hier? Ist sowieso ideal. Man sieht sehr viel – ab und zu ist das sehr amüsant.“ Bemerkenswert ist nicht zuletzt das Schild, das hinter ihrem Rücken in der Würstelbude hängt: „Jedem Kunden wird nur eine Flasche Bier pro Tag ausgeschenkt.“ Was es damit auf sich hat? „Hier soll einfach jeder herkommen können, die Stammkunden genauso wie die Jugendlichen vom Platz. Eine Flasche Bier kriegt jeder, und wenn man die Leute dann kennt, geht es ja. Dann sage ich ‚Jetzt reicht‘s‘, und es gibt auch keine Probleme. Wenn man die Dinge mit etwas Maß und Ziel angeht, dann lässt es sich hier sehr gut aushalten.“

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