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Eine Welt voller Widersprüche

Von: Leo Kühberger

WELT-ANSCHAUUNG
Beim fünften World-Social-Forum im brasilianischen Porto Alegre bemühten sich 200.000 Teilnehmer um ein gemeinsames Ziel: Eine Welt ohne Ausbeutung, Krieg und Imperialismus. Ein Szenario mit vielen Gegensätzen in einer Stadt  mit vielen sozialen Nöten.

Angenehmes Schuhwerk ist auf alle Fälle von Nöten, wenn man auch nur einen kleinen Teil der rund 2.500 Vorträge, Diskussionen und Workshops am 5. World Social Forum (WSF) besuchen möchte: Das Gelände in Porto Alegre, wo das Treffen vom 26. bis 31. Jänner 2005 stattfand, ist unüberschaubar, und die Teilnehmer­Innen sind gut und gern eine Stunde unterwegs um von Themenbereich A – Autonomes Denken – bis zu Themenbereich J  – Würde und Menschenrechte –  zu gelangen. Begleitet nicht nur von der brennend heißen Sonne, sondern auch von einem Sprachengewirr aus Portugiesisch, Spanisch, aber auch Wolof oder Thai. Übertönt werden diese vielen Stimmen nur noch durch die Soundkulisse: Samba, Hip-Hop und Punk dröhnt von den zahlreichen Bühnen oder wird auf der Straße selbst gemacht. Porto Alegre wurde in diesen Tagen von einer Atmosphäre erfüllt, die sich nur schwer beschreiben lässt: Schon bei der Eröffnungsdemonstration, an der 200.000 Menschen aus 135 Ländern teilgenommen haben, blieben die EuropäerInnen staunend und beeindruckt zurück.

Welt, in der viele Welten Platz finden
„Eine andere Welt ist möglich!“ - so lautet nach wie vor das Motto. Wie unterschiedlich diese Welt in den Köpfen und im Alltag der Menschen sein kann, zeigen nicht zuletzt diese Tage. Es mag wohl den Konsens geben, dass diese andere Welt, eine Welt ohne Armut, Hunger, Unterdrück­ung, Rassismus und Krieg ist. Doch die Wege dorthin sind vielfältig, und die versammelte Menge spricht beileibe nicht mit einer Stimme. So sorgen religiöse Gruppierungen aus den USA, die pazifistische Positionen und Aktionsformen vorschlagen, bei einigen VertreterInnen der Mapuche, Indigenas aus Chile, die seit Jahren brutaler Repression seitens des Staates und der Großgrundbesitzer ausgesetzt sind, bestenfalls für Unverständnis. Die AnhängerInnen des brasilianischen Präsidenten Luiz Inacio „Lula“ da Silva wiederum, durch ihre „100% Lula“ T-Shirts leicht zu erkennen, sind massiver Kritik ausgesetzt, denn gerade Lula war für viele ein Hoffnungsträger einer anderen Politik in Lateinamerika, und nicht wenige wenden sich nun enttäuscht von ihm ab, da er ihrer Meinung nach doch nur die Vorgaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank erfüllt. Viele wollen und können auch nicht verstehen, dass er am einen Tag das WSF und am nächsten das World Economic Forum (WEF) in Davos besucht, wo doch das Treffen in Porto Alegre als Gegenveranstaltung zur Zusammenkunft der selbsternannten „Global Leaders“ in der Schweiz ins Leben gerufen wurde.
Aber diese Vielfalt der Meinungen und Ideen, diese Vielzahl an unterschiedlichen Lebensentwürfen, wird auch als die eigentliche Stärke der Bewegungen betrachtet, und das WSF in Porto Alegre kann in der Folge der Ort sein, wo möglichst viele zusammenkommen können, um andere Realitäten und andere Formen des Widerstands kennen zu lernen. Und wo die Möglichkeit besteht unkompliziert in direkten Kontakt zu treten und eine Vielzahl von Netzwerken entstehen zu lassen.

Trostlose Welt des Alltags
Aber auch vor Ort zeigen sich die Widersprüche, und die beginnen bei der Anreise. Einerseits trifft man Menschen, die einige Tage in zig Bussen zugebracht haben um beispielsweise aus Kolumbien hierher zu kommen, andrerseits gibt es nicht wenige die für ein paar Tage einfliegen, in klimatisierten 100 Dollar – Hotels nächtigen, ihren Redebeitrag abliefern und wieder ihr Flugzeug gen Norden nehmen, ohne die Armut in der Stadt allzu sehr wahr zu nehmen. Am Gelände selbst verschwimmen die Unterschiede, denn bei den Tausenden Menschen, die im Interkontinentalen Jugendcamp eine Woche unter freiem Himmel oder im Zelt nächtigen, ist es oft nicht einfach zu erkennen, wer davon auf Dauer ohne Obdach ist. Hier in dieser Gegenwelt sieht man die Armut vor allem an den vielen Kindern, die Mülltonen nach Aludosen absuchen, um einen Kilo Alu für umgerechnet 15 Cent zu verkaufen.
Das Problem der Armut und Obdachlosigkeit im Süden Brasiliens sieht noch eindringlicher, wer diese Gegenwelt des Forums verlässt: Dazu muss man gar nicht in eine der Favelas rund um Porto Alegre gehen. Es reicht schon, sich ein paar Schritte in die Innenstadt zu bewegen. In diesem Jahr, so hört man, ist es besonders schlimm: Durch die Trockenheit in Teilen von Rio Grande do Sul sind viele Familien gezwungen gewesen in die Stadt zu kommen, auf der Suche nach Gelegenheitsjobs – oder einfach nur Lebensmitteln. Nicht wenige leben vom Müll, den das World Social Forum, und da vor allem die TeilnehmerInnen aus dem Norden, hinterlassen hat. Viele verdienen sich ihren Unterhalt in diesen Tagen auch damit, dass sie die AktivistInnen mit Essen, allerlei revolutionären Souvenirs und Wasser versorgen. „Agua, bem gelada! – Wasser, gut gekühlt!“ dürfte dabei den meisten im Ohr geblieben sein.

Welten von Morgen
Für absehbare Zeit war es das letzte Mal, dass das WSF in Porto Alegre stattgefunden hat. Im kommenden Jahr soll es dezentral, an verschiedenen Orten und Kontinenten zugleich stattfinden, um diesen eindrucksvollen Prozess auch in andere Teile der Welt zu tragen. Beschlossene Sache ist es auch, dass im Jahr 2007 das Forum wieder an einem Ort stattfindet, dieses Mal am afrikanischen Kontinent. Bleibt abzuwarten, in welche Richtung sich die Welt bis dahin weitergedreht hat: Das Motto des World Social Forums wird sich aber wohl nicht ändern. Eine Welt, in der viele Welten Platz finden, ist nämlich nicht nur möglich, sondern dringend notwendig: Denn die Welt, in der wir heute leben, erinnert zu sehr an den Mann, der aus dem zehnten Stockwerk eines Hochhauses springt, und sich bei jedem Stockwerk sagt: „Bis hierher ging’s noch gut!“ Entscheidend ist aber nicht der Sprung, sondern viel mehr die Landung...


Leo Kühberger war in Porto Alegre vor Ort, ist Sozial-Aktivist der ersten Stunde und Historiker aus Graz. Renato Kress lebt in Rio de Janeiro. Er schreibt und fotografiert unter anderem fuer www.consciencia.net. Mit seinen Fotos aus Porto Alegre versucht er die Armut und Obdachlosigkeit neben und abseits des Forums, sichtbar zu machen.  

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