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„Im Gemeindebau ist halt doch Leben“

Von: Florin Mittermayr

BLOCK-DIAGRAMM
Der Muchitsch-Block an der Triester-Straße ist in Graz wohl das markanteste Gebäude aus der goldenen Ära des sozialen Wohnbaus. Der Gemeindebau im Jahr 2005 in einer Nahaufnahme.

Auf dem Tisch der kleinen Wohnung stehen zwei Tassen Kaffee: „Des is‘ nix der Alvorada – des is der Merido vom Mondo.“ Auch wenn der Gastgeber nicht ganz so wählerisch einkaufen kann – der Unterschied liegt im Detail. Romana Wieltschnig, diplomierte Sozialarbeiterin der Stadt Graz, beschwichtigt sofort: „Herr Thaber – der Kaffee ist ausgezeichnet!“
Im Muchitsch-Block an der Triesterstraße lebt Peter Thaber schon seit über zwanzig Jahren. Doch im frisch-renovierten Teil des riesigen Gemeindebaus ist der Endvierziger erst seit kurzem zuhause. Für Sorgen und Nöte nach dem Umzug hat die für das Sprengel zuständige Romana Wiel­tschnig stets ein offenes Ohr.
Errichtet wurde der wohl markanteste Gemeindebau der Stadt gegen Ende der Zwanziger Jahre – vom ersten sozialdemokratischen Bürgermeister der Stadt, Vinzenz Muchitsch. Damals war das rote Prestigeprojekt ein Fortschritt sonders Gleichen: Nach Wiener Vorbild im Stile eines Vierkanthofes errichtet, boten die Bauten erstmals ein humanes Zuhause für unzählige Menschen der unteren Einkommensschichten. Ein Fließwasseranschluss in jeder Wohnung war damals beileibe nicht der allgemeine Standard, der kühle, abgeschirmte Innenhof bietet auch heute noch Lebensqualität. „Von der Gemeinde eine Wohnung zu bekommen war immer auch ein Grund stolz zu sein.“ Frau Wieltschnig weiß um die Geschichte ihres Arbeitsgebietes: „Und auch heute ist das bei weitem noch keine Selbstverständlichkeit.“

„Klo am Gang, und ein kleiner Untertischboiler...“

Herr Thaber hat das am eigenen Leib erfahren: Aufgewachsen ist er im Lager Nord in der Kapellenstraße, einer Baracken-Siedlung an Stelle des heutigen Urnenfriedhofs. Als die geschliffen wurde, kam er mit seiner Mutter in ein Ausweichquartier in Mariatrost. Von der Bewerbung bis zum Einzug in die Gemeindewohnung im Muchitsch-Block war es für die beiden ein weiter Weg: „Wir mussten immer wieder ansuchen, fast fünf Jahre hat meine Mutter gewartet, bis sie die Punkte zusammen hatte.“ Auch heute noch entscheidet ein Punktesystem über die Vergabe der Gemeindewohnungen, die aktuelle Wohnsituation und das vorhandene Einkommen spielen dabei die tragende Rolle. Bewerben dürfen sich nur EU-Bürger und Konventionsflüchtlinge, wer nicht in Graz wohnt oder arbeitet bleibt ausgeschlossen.
Für Peter Thaber und seine Mutter hat es letztendlich geklappt: Ein luxuriöses Eigenheim war das neue Zuhause aber nicht. Der Gastgeber deutet aus dem Fenster: „Dort drüben in dem grauen, unrenovierten Teil: Fünfundvierzig Quadratmeter, etwa gleich groß wie hier, aber nix drinnen. Klo am Gang, und ein kleiner Untertischboiler als einziger Warmwasseranschluss.“ Zu den bescheidenen Wohnverhältnissen kam für Peter Thaber noch ein Schicksalsschlag: Seine Mutter erkrankte, sich um sie zu kümmern, wurde in den nächsten Jahre seine Hauptaufgabe. Als sie 1995 stirbt, stehen die Chancen am Berufsmarkt für den Vierzigjährigen alles andere als gut. Von der staatlichen Unterstützung lässt sich seither nur ein bescheidenes Dasein finanzieren. Und die neue, renovierte Wohnung mit Bad, WC und Fernwärme ist empfindlich teurer: „Ich wollte einfach ein wenig Wohnkomfort, hier ist es viel besser.“ Weg vom Muchitsch-Block wollte er aber nie: „Im Gemeindebau ist halt doch Leben.“
Wer hier in eine komplettsanierte 45m2- Wohnung ziehen will, muss mit etwa 250 Euro Miete rechnen. Ohne Strom und Fernwärme. Kein unwesentlicher Posten, wie Romana Wieltschnig betont: „Das ist für einige Mieter nicht so einfach: Mit den alten Festbrennstoff-Öfen konnte man auch billiges Holz verheizen oder alte Brikettvorräte aufbrauchen. Das war leichter zu finanzieren.“

„Der Respekt vor dem Hausmeister ist nicht mehr so wie früher.“

Dass es für Herrn Thaber überhaupt die Gelegenheit zum Umzug gab, liegt am Sanierungsplan des Muchitsch-Blocks: Ab­schnittweise wird nach und nach ein Seitentrakt nach dem anderen hergerichtet. Den vom Umbau betroffenen Mietern soll nach Möglichkeit anstelle eines vorübergehenden Ausweichquartiers gleich eine fertige Wohnung zur Verfügung gestellt werden – ein paar Stiegen weiter in einem fertigrenovierten Trakt. Ein Unterfangen, das seine Zeit braucht: So wird vor 2006 mit der Sanierung von Herrn Thabers ehemaliger Bleibe nicht begonnen werden.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Innenhofs scheint überhaupt noch alles beim alten. Nicht zuletzt auch deshalb, weil es dort noch eine Hausbesorgerin gibt. Früher hatten nicht weniger als sieben ihrer Kolleginnen ein Auge auf den riesigen Gemeindebau, heute sind es gerade noch zwei – der Großteil der Stiegen wird von einer Putzfirma betreut. Doch die Dame, die sich um die Stiegen an der Ostseite kümmert, wohnt noch im Haus. Und ist für Romana Wieltschnig eine wichtige Ansprechperson: Sie weiß um die Sorgen und Nöte der Mieter – wenn die Kommunikation funktioniert, lassen sich Probleme oft schon im Vorfeld verhindern. Namentlich genannt werden will die Hüterin der Stiegenhäuser und Schlüsselringe zwar nicht, zu einem kurzen Interview ist sie aber bereit: „Wie meine Arbeit aussieht? Hauptsächlich kümmere ich mich um die Reinigung – die meisten Mieter lassen sich sowieso nicht viel sagen. Der Respekt vor dem Hausmeister ist nicht mehr so wie früher. Na, ja – außer bei ein paar Herren vom alten Schlag...“
Wer seinen Haustorschlüssel vergessen hat, dem sperrt die aufmerksame Dame die Türe auf. Auch ein Teil ihrer vertraglich festgesetzten Pflichten, für den sie sogar einen kleinen Geldbetrag verlangen dürfte – die so genannte Sperrgebühr: „Das tue ich aber nie, nicht einmal bei einer Amtshandlung.“ Die Hausparteien kennt sie genau: „Familien mit Kindern, schon einige sozial schwache Leute. Manche, die das ausgezeichnet machen. Alleinstehende ältere Menschen, ein paar davon mit wirklich großen Problemen. Es ist bunt gemischt: Natürlich auch viele, die hier aufgewachsen sind, einer ist heute Diplom-Ingenieur und lebt immer noch gerne hier.“

„Es gibt durchaus auch Klienten aus dem gutbürgerlichen Bereich.“

Besser kennt die Menschen im Muchitsch-Block wohl nur Romana Wieltschnig selbst. Zurück in ihrem Büro, im Integrierten Sozial- und Gesundheitssprengel in der Betlehemgasse, gibt die Sozialhelferin einen kleinen Überblick über ihre Tätigkeit: „Teilweise geht es da wirklich um Geld. Dazu kommt die Sachhilfe, also wenn Möbel fehlen oder der Kühlschrank eingeht. Bei Behinderungen unterstützen und begleiten wir. Und da sind sehr viele Leute, die einfach nur reden wollen, weil sonst niemand da ist, der zuhört.“ Nicht alle ihrer Schützlinge sind in armen Verhältnissen aufgewachsen: „Es gibt durchaus auch Klienten aus dem gutbürgerlichen Bereich, die seit Jahrzehnten in der Siedlung sind und heute mit dem Alter kämpfen.“ Dass es mit eingebürgerten Ausländern oder Konventionsflüchtlingen Probleme gibt, hat sie im Muchitsch-Block noch nie gehört. Eine Öffnung der Gemeindewohnungen für Nicht-EU-Bürger ist für sie kein Tabu-Thema: „Wenn wer fünf Jahre in Österreich gemeldet ist, einen Beschäftigungsnachweis und ein Einkommen hat, könnte ich mir das schon vorstellen.“
Im Gegensatz zu einer Gesellschaft ohne soziales Wohnen: „Wohnung, Gewand und Essen – das sind konkret die drei Grundbedürfnisse, ohne die der Mensch nicht kann. Das muss – gerade für die sozial Schwachen – erfüllt werden. Die Wohnung ist von den dreien das teuerste: Hier hat die Gesellschaft und die Politik sehr wohl Verantwortung. Nicht nur in Graz oder der Steiermark – sondern überhaupt!“ Mangelnde Sachkompetenz ist Romana Wieltschnig wohl nur schwerlich vorzuwerfen...

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