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Radikal Radfahren

Von: Ingrid Brodnig

FAHRRADFREAKS
Junge athletische Menschen, die rasant mit Rad und Rucksack durch die Stadt sprinten – so strahlend ist das Image von Fahrradkurieren. Der Job hingegen ist weniger romantisch. Und hat dennoch seine Anhänger.

Früher hat Ulli gekellnert. Dafür bekam sie sechs Euro die Stunde. Als Fahrradbotin verdient die 22-jährige etwas mehr – vor allem aber macht ihr die Arbeit Spaß. „Man betätigt sich körperlich, bekommt dafür bezahlt – und die Arbeitsatmosphäre stimmt“, erklärt die Medizin- und Sportstudentin, die in ihrer Freizeit Triathlon trainiert. Als sie letzten März bei „Veloblitz“ anfing, hatte sie keine Schwierigkeiten mit der Kondition - „eher mit der Orientierung“.

Wie viel man als Fahrradkurier verdient, hängt im Grunde von zwei Faktoren ab: Wie schnell man fährt und wie schnell man findet. Trotz Stadtplan ist letzteres nicht immer so einfach: „Auf den Häusern steht oft nicht die Hausnummer oder man muss in den Innenhof.“ Anfänger brauchen oft doppelt so lang wie erfahrene Boten – da nach erfüllten Aufträgen bezahlt wird, verdienen sie dann nur die Hälfte.

18 Minuten zum Flughafen
Ein guter Bote bekommt etwa zehn Euro pro Stunde, an schwächeren Tagen acht. Das hängt von den erfüllten Wegen ab und wie weit diese außerhalb liegen. Manchmal geht es bis zur Lassnitzhöhe oder zum Thalerhof. Wie lange Ulli zum Flughafen braucht? Da ist sie im ersten Moment überfragt: „Das sind so Sachen, auf die achte ich gar nicht – da fahre ich einfach, weil es mir Spaß macht.“ Genauer weiß es der Dispatcher. 18 Minuten. Er sitzt in der Zentrale, verteilt die Aufträge und hilft den Boten, sollten sie etwas nicht finden. Kommuniziert wird per Funk oder Handy.
Für Unternehmen oder Privatpersonen sind Fahrradbotendienste in vielen Fällen sinnvoll, da sie schneller und günstiger sind als andere Zusteller. Rund 60 Prozent von dem, was der Kunde für den Auftrag  zahlt, gehen an die Boten selbst. Hauptkonkurrent ist heute das Internet. In Druckereien etwa, wohin früher der Bote fuhr, steht heute das Modem. Heute werden in den großen, oft grellen Rucksäcken meist Laborproben, Blut, Dokumente oder Büroutensilien transportiert - aber auch Blumen und Ausgefalleneres. So kam es schon vor, dass ein Kurier als Auftrag ein Ständchen singen sollte, erzählt Martin (23) von „Rad auf Draht“. Darf man Aufträge auch ablehnen? „Natürlich – aber in solchen Fällen spricht die Trinkgeldmoral der Kunden sehr dagegen“, meint Martin.

Traumjob oder McJob?
Jakob (24), der früher Fahrradbote war, schildert: „Für das, was man verdient, waren mir die Arbeitsbedingungen zu anstrengend.“ Er ist zwar sportlich, aber kein Profisportler. „Abends taten mir die Füße schon ordentlich weh“, erinnert er sich an die Schichten von vier bis fünf Stunden. Hinzu kommt, dass Fahrradboten meist als neue Selbständige oder Kleinstunternehmer gemeldet sind. Somit besitzen sie keine Ansprüche auf Leistungen wie bezahlten Urlaub oder Weihnachtsgeld und müssen ihre Versicherungen entweder selbst zahlen oder ohne Versicherung auskommen. Auch Ulli fährt unversichert. „Wenn etwas passieren würde, wäre es natürlich blöd“, weiß sie. Schwere Verletzungen sind zwar eine Seltenheit – kleine Unfälle hingegen nicht. Wenn es eisig ist, sind Stürze vorprogammiert.
Fahrradbote zu sein, bedeutet, bei jedem Wetter zu fahren. „Das ist ein beinharter Job – im Winter vier Stunden am Rad zu sitzen“, weiß Holger Zach, Chef vom Botendienst „Blitzblau“. Seines Erachtens sind die Bedingungen nicht so, wie es die Fahrer für ihre Anstrengungen verdient hätten. Trotzdem sprechen viele Boten über ihren Job mit Begeisterung. Wie das zusammenpasst? „Die Einstellung ist eine andere als in anderen Jobs. Sie machen das, weil ihnen das Radfahren taugt. Einen gewissen Idealismus muss man schon haben“, meint Zach.

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