STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2005/Juli/Flying Scotsmen/
drucken drucken 

Flying Scotsmen

Von: Florin Mittermayr

HOMELESS-WORLDCUP
32 Fußballteams matchen ab 20. Juli in Edinburgh um den Titel bei der Obdachlosen-WM, erwartet werden mehr als 50.000 Zuschauer. Die charismatische österreichische Equipe zeigt sich wild entschlossen.

Das wird die größte WM, die es je gab.“ Mitinitiator Harald Schmied zeigt sich schon im Vorfeld des Homeless-Worldcup 2005 in Edinburgh mehr als angetan: „Allein die Location ist ein Wahnsinn. Mitten im Zentrum der Stadt, direkt unter dem Castle of Edinburgh.“ Wie groß die Fußballbegeisterung in Schottland ist, wird im Ausland gerne unterschätzt: Denn auch wenn das offizielle Nationalteam seit Jahrzehnten unter chronischer Erfolglosigkeit leidet, bleibt „The beautiful Game“ der Nationalsport Nummer eins. Und das allgemeine Fußballinteresse erschöpft sich keineswegs mit dem Glasgower Derby Celtic versus Rangers: Als das schottische Team beim letzten Homeless-World-Cup in Göteborg das Halbfinale erreichte, war das der Tageszeitung ‚The Scotsman‘ immerhin die Titelseite wert. An Zuschauermangel dürfte die WM in Edinburgh also keineswegs leiden: „20.000 Besucher fieberten bei der ersten Obdachlosen-WM in Graz mit, doppelt so viele waren es im Jahr darauf. Heuer erwarten wir noch einmal empfindlich mehr.“ Alleine schon, weil das heiße Pflaster unter der Burg mehr Platz bietet als die Spielstätten zuvor, geht Harald Schmied von einem neuen Besucherrekord aus. Doch nicht nur die Zahl der Zuschauer übersteigt das bisher Gewesene, mit 32 Mannschaften und 250 Spielern ist auch das Teilnehmerfeld so dicht wie nie zuvor.

Sonnenbrand am Unterschenkel
Auf die Österreichische Equipe wartet also keine leichte Aufgabe – die Erfolge der Vergangenheit zu wiederholen, wird alles andere als einfach. Denn anders als in den Jahren zuvor fährt heuer nicht das Siegerteam der Österreich-Qualifikation zur WM, sondern eine Auswahl der besten Spieler des Sichtungsturniers. Als Konsequenz der immensen behördlichen Hürden im Vorjahr wurden dieses Mal nur Spieler mit gültigen Reisedokumenten in die Mannschaft geholt. Weshalb die ganz großen Rastellis heuer vielleicht ein klein wenig abgehen könnten – und am Zusammenspiel der Equipe noch ein wenig gefeilt werden muss. Am Siegeswillen und Engagement der Protagonisten ändert das aber nichts.

Das Aufbauprogramm des Trainerduos Gilbert Prilasnig und Klaus Fuchs trägt der Situation Rechnung: Sowohl beim Österreichischen Streetsoccercup in Seiersberg als auch beim Liebenauer Rasen-Soccer-Turnier werden vor dem Check In nach Edinburgh noch Turniererfahrungen gesammelt. Und trainiert wird ein bis zwei Mal pro Woche am Streetsoccerplatz beim Wiener Wasserpark. Mit dem bisherigen Verlauf der Vorbereitungen zeigt sich Gilbert Prilasnig vollauf zufrieden: „Die Begeisterung des Teams spricht für sich – einige haben sogar einen Sonnenbrand am Unterschenkel. Was für Fortschritte du in kürzester Zeit machen kannst, ist enorm spannend.“
Der einzige, der im Vorjahr außer dem Trainerduo noch dabei war, ist Torhüterlegende Mandi – mit dem Team Afghan wurde er in Schweden Vizeweltmeister. Als er nach Trainingsschluss bei einem großen Mineralwasser seinen Kollegen davon erzählt, wird es am Tisch der Sportkantine schlagartig mucksmäuschenstill: „Ein unbeschreibliches Gefühl. Die Bundeshymne spielt und du stehst im Finale vor tausenden Leuten. Ein persischer Besitzer eines Modegeschäfts hat uns nachher in die Disco eingeladen. Der hat nur gesagt: ‚Kommt’s heut Nacht, es ist alles bezahlt.‘ Und der Trainer hat uns jeden Tag zwei Stunden massiert.“ Jedem seiner sieben Kollegen ist anzusehen, wie groß die Sehnsucht ist, auch einmal unter den Gewinnern zu sein. Denn mit den Untiefen des täglichen Lebens haben alle bei weitem mehr Erfahrung als mit den Streckenabschnitten auf der Siegerstraße. Zum Beispiel Rudi: Der Mittelfeldmotor hat bis vor kurzem im Männerwohnheim in der Gänsbachergasse gelebt, heute ist er in einem betreuten Wohnprojekt: „Früher hatten wir in Floridsdorf eine super Wohnung. Meine Mutter war Krankenschwester, als sie selbst schwer krank wurde, hab ich sie gepflegt – bis sie gestorben ist. Meine Schulden und Probleme sind über die Jahre nicht weniger geworden, schließlich bin ich auf der Straße gelandet.“ Oder Hans, der einst als Saisonier über den Sommer in Graz gearbeitet hat, und sein ganzes Geld der Freundin nach Wien schickte: „Wie ich zurückgekommen bin, war die Wohnung zugesperrt. Meine Freundin hat keinen Groschen Miete bezahlt und ist auch nie wieder aufgetaucht.“ Kurze Zeit später war Hans im Männerwohnheim in der Meldemannstraße zuhause. Unterkriegen lässt er sich aber nicht: „Jetzt fang ich halt wieder von vorn an.“

Torsperre trotz Herzinfarkt  
Die Fußball-WM in Edinburgh ist dabei mehr als nur ein erster Schritt: „Eine Große Ehre für mich, da dabei zu sein. Ich werde mein Bestmögliches versuchen und freue mich schon sehr auf Schottland.“ Ähnlich sieht es auch Rudi, der in seiner Jugend beim Wiener Sport-Club die Fußballschuhe schnürte: „Das ist ein Wahnsinns-Gefühl. Das Training ist hart, aber so lange es mein Körper noch aushält, werde ich Fußball spielen. Und wenn die Kollegialität weiter so passt...“ Torhüter Mandi, der sich auch durch zwei überstandene Herzinfarkte nicht vom Kicken abhalten lässt, kennt bereits den persönlichen Turnierverlauf: „Mehr als fünf Tore krieg ich nicht!“ Damit die Bäume nicht in den Himmel wachsen, muss Gilbert Prilasnig im Vorfeld ab und zu ein bisschen auf die Bremse steigen: „Ein Platz unter den letzten acht wäre eine hervorragende Leistung.“

Dass dennoch jeder in der Mannschaft heißen Herzens vom Weltmeister­titel träumt, versteht sich von selbst – allein die Konkurrenz könnte größer kaum sein: Neben den klassischen Turnierfavoriten wie Brasilien, Italien oder England werden auch die Schotten vor eigenem Publikum nichts zu verschenken haben. Die Spanische Equipe hat im Vorfeld Trainingseinheiten bei Real Madrid eingeschoben – gemeinsam mit Ronaldo und Beckham. Und die Holländer haben sich mit Trainer Steve Cromwell einen ehemaligen Profi-Kicker von Sparta Rotterdam geholt, der nach einer schweren Verletzung selbst in die Wohnungslosigkeit abgerutscht war. Zu den großen Namen kommen etliche Geheimfavoriten und so manches unbeschriebene Blatt: So ist in Edinburgh ebenso erstmalig eine chinesische Mannschaft aus Hong Kong am Start wie Teams aus Australien und Burundi. In dessen näherer Umgebung hat es im übrigen noch ein Vollprofi auf den WM-Pokal abgesehen: Für Österreich hat Sigi Milchberger den Homeless-Worldcup schon gewonnen. Heute betreut er in Kenia das Fußballprojekt „Child Agenda“ zugunsten der Straßenkinder von Nairobi. Dass er mit seinen Schützlingen in Schottland dabei ist, versteht sich von selbst. Und auch über seine Turnierziele lässt er niemanden im Unklaren: „Heuer hole ich mir meinen Pokal zurück!“

Weiterführende Informationen unter:

MEGAPHON, Auschlössl
Friedrichgasse 36, 8010 Graz
Tel: 0316/8015 650
Fax: 0316/81 23 99
megaphon@caritas-graz.at
www.megaphon.at/de/strassenmagazin/archiv/megaphon_2005/juli/99/