Zur Startseite MEGAPHON

Küss die Hände!

Von: n.n.

Michael Frank über den österreichischen "Charme"

Worauf sind wir stolz? Auf Städte, die andere gebaut, auf Skulpturen, die andere gehauen, Bilder, die andere gemalt, auf Schlachten, die andere gewonnen haben? Man könnte ja stolz sein auf Höflichkeit, Toleranz, Friedfertigkeit, sofern man höflich, tolerant und friedfertig ist. Adeln solche Eigenschaften ganze Nationen? Und auf den eigenen Charme muss man stolz sein, zumindest als Österreicher. Leute, die für den guten Leumund Austrias auswärts zuständig sind, haben ihre Überzeugungen: Österreicher sind so charmant, dass dieses nationale Merkmal ins Weltkulturerbe gehört.
Im Prinzip ginge das. Die für Kulturangelegenheiten zuständige Weltorganisation UNESCO hat eine Konvention konzipiert, die tatsächlich immaterielle Werte als einen besonderen Schatz der ganzen Menschheit hervorheben soll. Gedacht ist sie für Völker, Gesellschaften und Nationen, die keinen Mozart, keine Grazer Altstadt, nichts sonst in Stein Gemeißeltes oder ins Gewand der Hochkultur Gehülltes vorweisen können, die das in Zivilisationsfragen so arrogante Abendland für bemerkenswert hält. Diese Konvention, der Österreich übrigens gar nicht beigetreten ist, soll immaterielles Kulturgut wie Mythen, Medizin, Bräuche und Riten und die Linguatur, also die mündliche Überlieferung von Geschichte, Philosophie und Erzählweise jener ehren und schützen, deren Zivilisation sich überwiegend geistig, luftig, im menschlichen Umgang äußert, eben nicht in Stein gemeißelt.
Und doch, vielleicht ist österreichischer Charme dennoch schützenswert. Denn was verbirgt sich dahinter: Ein Schriftsteller sagt, er äußere sich in skurriler Bösartigkeit. Ein Schauspieler sagt: „Falsch sind die Leute überall auf der Welt, aber in Österreich sind sie angenehm falsch.“ Wir lernen, es darf alles Lüge sein, es muss nur ein lindes Lüfterl dabei wehen.
Niemand vermag derart „charmant“ die Klassenzugehörigkeit eines Gastes zu erfragen, wie die Wiener Ober. Damals, als es noch einen feinen und einen proletarischen Teil in manchem Gasthaus gab, fragten die: „Möchtens Ihnen verköstigen, oder wünschen der Herr zu speisen?“ Oder jene Polizisten, die einen alten Mann mit dem Martinshorn ihres Streifenwagens erschrecken, um ihm dann eine dicke Strafe aufzubrummen, weil er neben dem Zebrastreifen über die Straße hastet. Oder jener Autofahrer, der hinter einem fremdländischen Fahrzeug auf dem Wiener Gürtel scharf bremsen muss, aus dem Wagen springt, beim Vordermann die Tür aufreißt, dem Fahrer ins Gesicht spuckt und brüllt: „Oasch Piefke!“ Der Charme der österreichischen Gastgeber verpackt auch schon mal weniger willkommene Gäste befremdlicher Hauptfarbe so lange mit Klebeband, bis ihnen die Luft ausgeht, endgültig.
Nein, so sind die Österreicher nicht, nicht alle. Die laden sich lieber Damen mit erklecklichen Oberweiten zum Opernball, in deren Ausschnitt dann das Fernsehen den halben Abend verbringt. Das sei der Höhepunkt des Charmes, hören wir von jenen, die den guten Leumund Österreichs in der Welt fördern.
Ich gestehe frei, ich hatte mir eine hübsche Glosse vorgenommen, luftig, locker, ätzend ironisch. Ist nicht gelungen. Aus Bestürzung. Denn österreichische Kommerzdimpfel haben eine überaus kluge Idee, die von der Weltgemeinschaft kaum wahrgenommenen Wunder anderer Zivilisationen als der abendländischen ins angemessene Licht zu rücken, mit krachender Humorlosigkeit der Lächerlichkeit preisgeben, noch bevor sie überhaupt hat greifen können.

Michael Frank
Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“ in Österreich

    Zum Seitenanfang   Zur Druckansicht   HOME  |  IMPRESSUM  
e-dvertising - Werbung, Webdesign, CMS, Fullservice
(Partner/Förderer)
(Anzeigen)