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Alles ist Lüge

Von: Florin Mittermayr, Ingrid Brodnig

INTERVIEW
Kaum ist Josef Hader endlich zurück, muss er schon wieder weg – wie schon der Titel seines neuen Programms suggeriert. In der letzten Dreiviertelstunde vor seinem zweiten Graz-Auftritt ist sich dennoch ein Melange mit dem Megaphon ausgegangen. Zwischen Kostüm und Maske flirtete der Meister der Verstellung mit der ungeschminkten Wahrheit. Im Espresso Elisabeth Zanger sprach er über den Luxus der Lüge, die mozartesken Züge seines neuen Programms, die Nutzlosigkeit der Pause, und seine Bereitschaft – bis auf arge Sachen – alles zu machen.

Erste Frage: Wie wichtig ist dir die Lüge?

Lügen war für mich immer Überlebenshilfe. Also ich hab von Kindheit an gelogen, meistens um Ausreden zu finden für persönliches Versagen und auch um Konflikte zu vermeiden. Das hab ich beibehalten bis zum heutigen Tag.
Manchmal lüg ich aber auch luxusmäßig: Das heißt, ich lüg wen an – einfach so, weil ich mir denk ‚Das klingt jetzt besser oder das verrät nicht so viel über mich.‘

Auch in Interviews?

In Interviews? Natürlich, grad da. Grad in Interviews ist wichtig, dass man nicht zu viel von sich verrät und trotzdem interessant bleibt.

Wenn man dir zuschaut, hat man aber auch das Gefühl, dass dir das Lügen  großes Vergnügen bereitet...

Alles, was auf der Bühne passiert, ist Lüge. Alles, was in der Kunst passiert, ist der Versuch über möglichst viel Lügen zu einer Wahrheit vorzudringen. Wenn ich der Meinung bin, ich hätte mich wärmer anziehen sollen – und ich geh auf die Bühne und sag: ‚Ich hätte mich wärmer anziehen sollen.‘ Dann ist diese wahre Behauptung schon wieder eine Lüge, weil sie ja vor Hunderten fremden Menschen gesagt wird. Und man verfolgt damit schon wieder ganz eine andere Absicht. Insofern ist die Lüge quasi das Entscheidende überhaupt in meinem ganzen Beruf.

Das neue Programm ‚Hader muss weg‘ ist – dürfen wir das sagen – ein One-Man-Roadmovie. (nickt) Hat das Geld für die Filmproduktion gefehlt?

Nein – der Wunsch war einfach, mich möglichst vom letzten Programm zu unterscheiden. Und die erste Idee war, dass ich auf die Straße geh und nimmer zurück kann auf die Bühne. Die nächste Idee war, dass die Hauptfigur möglicherweise gar nicht der Kabarettist sein muss. Und dann hab ich mir gedacht, eigentlich ist für so sieben verschiedene Personen, die was erleben in der Nacht – noch dazu auf der Straße –, das Schönste eigentlich eine Filmdramaturgie.

Jetzt sind die sieben Charaktere alles recht hilflose Armutschkerl der trendigen jungen Sorte...

Ja – so ‚Bissi-Persönlichkeiten‘. Ich würd dazu sagen, so ‚Bissi-Typen‘ – aber meine Bissi-Typen sind schätzungsweise so Mitte dreißig. Das sind die zwei Hauptfiguren – und das sind sicher die zwei Figuren, die bei mir im Programm sitzen würden.

Was hoffst du, wie diese Besucher dann reagieren?

Also so Typen wie die lachen nicht über sich selber – aber es gibt Leut‘, die bei mir im Publikum sitzen, die dann fähig sind ein bisserl über so Teile von sich zu lachen. Über Künstler lachen, über Homosexuelle lachen, über Pfarrer lachen, über Kardinäle lachen, über Industrielle lachen – über Politiker lachen: Das ist immer ein Lachen über eine Minderheit und das ist so ziemlich das Bequemste für einen Kabarettzuschauer. Und jetzt versuch ich immer, dass die Leut‘ über was lachen, was nah bei ihnen selber ist.

Auffallend ist, dass dein Stück in zwei Teile geteilt ist. Zuerst bist du hinter der Bühne und erzählst deinem Tontechniker aus der großen weiten Welt. Da sagst du praktisch das, was du später spielst?

Ja, das kann man schon so sehen. Ich hab überhaupt keine Lust gehabt, Kabarett zu spielen. Ich wollt eigentlich schauen, wie geht das Publikum damit um, wenn ich fünf bis zehn Minuten Kabarett spiel, und dann die Bühne verlasse. Da hab ich den Dialog zu Schreiben angefangen. Und dieses Schimpfen, das da vorkommt – einmal wirklich seinem Unmut freien Lauf zu lassen – das hat mir auf einmal total Spaß gemacht. Dann ist man irgendwie inspiriert davon, in welche Richtung das Geschehen gehen wird. Das Ganze hat ja fast eine Struktur wie eine Mozart-Oper, das hab ich mir beim Schreiben auch schon dauernd gedacht. Und wie es dann fertig war, hab ich gesehen: Der Anfang, das ist jetzt die Ouvertüre dazu. (lacht)
Und der Mozart kommt ja auch im Stück vor. Überhaupt kein Mensch würde denken, dass es da einen Zusammenhang gibt.

Wie schaut Josef Hader aus, wenn er selber im Publikum sitzt?

Vorwiegend sitzt er im Kino, manchmal im Theater. Im Kabarett steht er ganz hinten an der Bar. Das darf er dort. Er geht in der Pause nicht hinaus, er hasst Pausen total. Weil er überhaupt nicht weiß, was er in der Zeit tun soll. Er will nicht darüber reden, bevor es fertig ist. Er will nichts trinken. Er will eigentlich, dass keine Pause ist. Und würde, wenn ihm was gefallen hat, nie zur Garderobe gehen, ohne als Allerletzter geklatscht zu haben.

Kannst du dir vorstellen, Journalist zu sein?

Ja, klar.

Warum bist du es nicht geworden?

Ich hab da ein bisserl reingeschnuppert – und das Gefühl gehabt, bevor man was Interessantes machen kann, muss man einige Jahre so dahin ruacheln. Und wird auch teilweise gebrochen. Man steht zu stark unter dem Einfluss von irgendwelchen Vorgesetzten, die bestimmte Sachen dann vielleicht nicht goutieren. Ich hab mir dann gedacht, man ist viel unabhängiger als Lehrer. Dann war irgendwie das Kabarett da als Möglichkeit, die ich mir vorher nicht zugetraut hätte. Aber ich könnte mir nach wie vor vorstellen, Journalist zu sein – sehr gern für Außenpolitik. Also es täte mich mehr interessieren wie Innenpolitik oder Kultur.

Warum gerade Außenpolitik?

Weil es kaum ein Informationsbedürfnis gibt, das so wichtig ist und das gleichzeitig so wenig erfüllt wird, wie, dass man weiß, was in der ganzen Welt vorgeht. Und wie das genau einzuschätzen ist.
Und bei der Kultur hab ich das Gefühl, dass man letztendlich entweder ein Schoßhunderl wird, oder so ein arroganter Wichtigtuer – und zwar automatisch. Wenn du ein paar Jahre lang jeden Tag oder ein paar Mal in der Woche irgendwo hingehst und dein Urteil abgibst am nächsten Tag, dann kannst dich nicht davor schützen, dass dich das charakterlich irgendwie verändert. Das hätte mich auch nicht interessiert, das ist mir zu viel Kultur. Das halt ich nicht aus. (blickt auf die Uhr)

Kann man der Engstirnigkeit auch als Kabarettist ein bisschen entgegenwirken?

Grundsätzlich kannst du im Kabarett relativ schwer was vermitteln. Aber du kannst für bestimmte Sachen sensibilisieren: Ich probier zum Beispiel, dafür zu sensibilisieren, dass gerade der Osten Europas ziemlich brutal kolonisiert wird. Und man könnte das auch – zum Beispiel als Außenpolitikredakteur –  zu seinem Spezialgebiet machen. Wenn man das Glück hat, in einer Zeitung zu sein, wo das geht, analytisch schreiben. Das wär sicher auch möglich.

Und wogegen wehrst du dich, wenn es dir selbst widerfährt?

Eigentlich wehre ich mich gegen fast gar nichts. Das ist das große Unglück in meinem Leben, dass ich viel zu sehr Dinge mit mir passieren lasse. Und es dauert dann immer einige Zeit, bis ich dann einen Baum aufstelle. Da geht es um alles Mögliche: Was Leute halt wollen von mir. Von mir wollen immer ziemlich viele Leute was. Und ich mach fast alles – bis auf arge Sachen mach ich fast alles. Ich mein damit, der Auftritt dort, der Auftritt da. Kannst mir des, kannst mir da – und so.

(blickt auf die Uhr und steht auf) Tut mir Leid – ich muss!

Eine Frage noch: Stimmt es, dass du als Jugendlicher Bulimie gehabt hast?

Ja, genau. Sehr gut! Ja, das stimmt. (lacht) Schreib: Aber ich möchte eigentlich nicht reden darüber. (Hader muss weg)

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