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Hinter dem Regenbogen

Von: Ingrid Brodnig

QUEERBEET
Für Schwule und Lesben ist nicht jeden Tag Tuntenball. Damit das Selbstverständnis leichter und der Alltag bunter wird, gibt es Vereine wie die Rosalila PantherInnen. Über die hürdenreiche Normalität und jene Orte, wo Gleich und Gleich sich gern gesellen.

Dass er auf jemanden wartet, ist ihm anzusehen – er wirkt ein bisschen überdreht. Langsam sollte sein Blind Date auftauchen, erzählt der rausgeputzte Schwule schließlich der Barkeeperin. Für die lesbische Barkeeperin bestimmt nichts Ungewöhnliches, immerhin bietet das Grazer Kellerlokal „Stargayte“ eigens Treff- und Tanzfläche für Lesben und Schwule – und ist dabei nicht der einzige Ort, der für die Fans des eigenen Geschlechts da ist. „In Graz gibt es so fünf, sechs homosexuelle Lokale, die eher zum Fortgehen ausgerichtet sind“, erklärt Patrick Antal. Dem klassischen Klischee vom Homosexuellen entspricht der 18-jährige nicht. Aber mit Stereotypen ist das sowieso eine Sache, meint auch der Maturant: „In einigen Fällen trifft das sehr gut zu – nur sind das vielleicht zwanzig Prozent der schwulen Bevölkerung von Graz.“ Bei den Mädels ist das kaum anders, meint Verena F. : „Es gibt alle Arten von Lesben.“ Dass Verena auf Mädels und Patrick auf Burschen steht, damit gehen die beiden locker um. „Mir ist relativ egal, wenn mich Leute dumm ansehen“, meint etwa Patrick. Aber nicht jeder tut sich da so leicht. Während es auf der Regenbogenparade laut, bunt und schrill tönt und Lesben und Schwule dort wissen, „wir sind viele, wir sind stark“, ist man im Alltag oft vorsichtiger – es könnte ja jemand Anstoß nehmen. „Wenn du allein oder zu zweit bist, dann bist du nicht mehr viele und nicht mehr stark“, meint etwa ein vorsichtigeres Mitglied der Community.

Feurige Panther
Der Verein „Rosalila PantherInnen“ leistet für die Bewusstseinsbildung von Lesben und Schwulen in der Steiermark wichtige Arbeit – wer unsicher ist oder Fragen hat, kann sich hier informieren, Gleichgesinnte treffen und diskutieren. Drei Broschüren haben die PantherInnen auch herausgebracht – für ihre vorletzte Broschüre wurden sie von der EU als eines der zwölf besten Jugendprojekte ausgezeichnet. „Wir li(e)ben“ heißt das Heftchen, an dem auch Verena und Patrick mitgearbeitet haben. Warum die beiden sich da engagieren? „Aufklärungsarbeitet gehört geleistet“, ist sich Patrick sicher – denn: „Viele wissen jemand ist schwul und reduzieren ihn darauf, dass er mit Männern schläft.“ Aber es soll den Betroffenen auch Mut machen, schließlich ist das Outing eine Hürde. Oder - wie es die lesbische Komikerin Judy Carter auf den Punkt brachte: „Es ist weit einfacher, schwarz als schwul zu sein. Wenn du schwarz bist, musst du es zumindest nicht deinen Eltern erzählen.“
Vor dem Moment hatte auch Verena Angst. Aber wovor genau? „Vor der Reaktion einfach, weil ich mir selber noch nicht ganz klar war, ob das normal ist. Ich habe einfach Angst davor gehabt, dass der Papa und die Mama sich Sorgen machen oder mich rausschmeißen“, erzählt die 22-Jährige. Und was geschah? „Die Mama hat gesagt, sie hat das eh schon lange geahnt. Und der Papa meinte, wenn er Enkelkinder will, wendet er sich an meinen Bruder.“
Mit dem Kinderkriegen ist das so eine Sache: Unser Staat erlaubt heterosexuellen Paaren, Kinder zu adoptieren oder sich künstlich befruchten zu lassen – gleichgeschlechtlichen Paaren gestattet er weder künstliche Befruchtung noch Adoption. Beschäftigt einen das? „Ich denk viel drüber nach mit meiner Freundin.“ Mit Lisa ist Verena seit zwei Jahren zusammen. „Wegen der rechtlichen Situation bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als es auf die biologische Art zu machen. Weil irgendwann möchte ich schon Kinder haben und meine Freundin auch.“ Dass lesbische oder schwule Pärchen Kinder haben wollen, ist in den Augen der Studentin für viele „ein rotes Tuch“: Wenn dann Vorfälle wie im Priesterseminar in St. Pölten bekannt werden, wird Homosexualität oft mit Pädophilie verwechselt.
Heiße Themen für die Gruppe „Homosexuelle und Glaube“ (HuG), die auch zu den Rosalila PantherInnen gehört. Ungefähr zwei Mal im Monat trifft sich HuG –  meist kommen Schwule zwischen dreißig und vierzig. Im Sommer unternehmen die Männer miteinander Fahrradtouren, im Winter basteln sie Adventkränze – „mit Federn, die vom Tuntenball übrig geblieben sind“, erklärt ein Besucher fröhlich. „Der Tuntenball ist das Highlight des Jahres im Schwulen-Kalender“, meint Patrick­. Er selbst hätte auch gern etwas wie die HuG – aber eben für sein Alter: „Ich finde, es gehört eine Jugendgruppe her.“ Jedoch weist er darauf hin, dass es vielleicht zu wenig Aktive dafür in Graz gibt. Im Vergleich zu Wien ist die Grazer Szene natürlich kleiner. Überlegt man allerdings, dass Studien von 5-10% Homosexuellen in der Bevölkerung ausgehen, besteht da eventuell noch ein Wachstumspotenzial.

Schule ohne Schwule
Was fehlt, ist die Aufklärung an den Schulen. „Über Homosexualität hörte man nie etwas. Man hatte keine Ahnung, dass es eh normal ist“, erinnert sich Verena. Viel hat sich seither scheinbar nicht verändert: Erst Ende Februar bemängelte die Aktion Kritischer SchülerInnen (AKS) Steiermark, dass Homosexualität im Unterricht nicht behandelt wird. „Das Thema geht prinzipiell unter“, meint AKS-Landesvorsitzende Kati Ecker-Eckhofen, „Im Sexualkunde-Unterricht ebenso, wie man im Geschichte-Unterricht nicht hört, dass Alexander der Große schwul war.“ Es gibt aber auch positive Beispiele: Erst kürzlich besuchte Heinz Schubert eine Schule in Gleisdorf. Der Vorsitzende der Rosalila PantherInnen diskutierte mit den Jugendlichen die Gleichstellung von Homosexuellen.
Obwohl Schwule und Lesben mit der Gleichberechtigung ein gemeinsames  Anliegen haben, hält sich der Kontakt zwischen durchschnittlichen Lesben und durchschnittlichen Schwulen oft in Grenzen.  In Lokalen wie dem Stargayte oder dem Bang sind die Männer auch meist ziemlich unter sich – ein deklariertes Lesben-Lokal gibt es in Graz nicht. Die Frauen versuchen mit Ladie‘s Nights entgegenzusteuern. Dort sind alle, nur Männer bekommen selten Zutritt. Warum? „Es kommen nicht nur schwule Männer, da kommen auch Hetero-Männer“, erzählt Verena. Und die wollen mitunter etwas beweisen: „Ich will nicht auf ein Frauenfest gehen und von einem Mann angemacht werden.“ Dieses Problem haben Schwule weniger – dafür haben sie aber auch spezifische Sorgen. „Ich glaube, dass Männer mit Homosexualität, zumindest mit dem Offen-Zeigen, mehr Probleme haben“, meint Patrick.
Dass sich in Graz trotzdem etwas getan hat, zeigt am Besten der Tuntenball. Vor 15 Jahren startete er mit 100 Leuten – „wir waren gezwungen, immer größere Räumlichkeiten zu suchen“, erinnert sich Heinz Schubert an den Werdegang. Heute füllt der Tuntenball mit rund 2300 Besuchern den Grazer Congress. Wichtiger ist aber vermutlich, dass es auch mittlerweile eine größere Szene und mehr Angebot gibt – immerhin genügt nicht eine bunte freche frohe Nacht, ein bunter frecher froher Alltag sollte es sein.

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