Zur Startseite MEGAPHON

Gegen die Wand

Von: Christian Maier

GRAFFITI
Seit mittlerweile 25 Jahren sammelt der Wiener Volkskundler Thomas Northoff Standpunkte aus der Dose. Zwischen Hamburg und ­Portugal, Nordirland und Griechenland hat er 45.000 Fotografien der spontanen Botschaften und Kunstwerke zusammengetragen. Seine ­Meinung: „Was Graffiti betrifft, ist Graz eine gute Stadt.“

„Frust, Beschiss, Abzocke. Und das alles um nur 55 Euro.“ Eine Botschaft an der Wand des Swingerclubs in der Hermann-Bahr-Gasse. Was sich dabei im Inneren des Clubs abgespielt hat, ist nicht mehr eruierbar, gefallen dürfte es dem Urheber dieses Graffito aber kaum haben. Wohl aus Wut darüber hinterließ er diesen Text.

„Es gibt viele Gründe, warum Menschen Graffiti malen“, sagt Thomas Northoff. Der Literat und Volkskundler versucht seit mittlerweile 25 Jahren den Motiven der Sprayer auf den Grund zu gehen. Gesehen hat er dabei fast schon alles: Lustiges, Ernstes, Dummes und Gescheites; die ganze Palette angefangen von Freundschaftsbeschwörungen junger Mädchen, über dadaistische Sinnlosigkeiten, bis hin zu reifen literarischen Zitaten.

Der Großteil der Graffiti beschäftigt sich aber seit jeher mit sozialkritischen Themen: „Gerade politische Gruppen, die keine Plattform haben, versuchen sich auf diese Weise eine Stimme zu verschaffen“, erzählt Thomas. Nicht selten mit Erfolg. So erinnert er sich noch an die Anfänge der Ökobewegung, wo zunächst nur auf den Wänden stand, was später allgemeingültiger gesellschaftlicher Konsens wurde: „Früher hat es geheißen: ,Die schreiben saubere Umwelt und machen selbst alles dreckig!‘ Heute sind viele der damaligen Forderungen, ähnlich jenen der Frauenbewegung, längst in die Tat umgesetzt und stehen nicht mehr zur Diskussion.“

Graffiti: Spiegel der ­Gesellschaft?
Graffiti geben dabei meist die Wünsche von Minderheiten wieder und können so Auskunft über bevorstehende Tendenzen geben. Ein Hauptgrund, weswegen Thomas auch Anfang der achtziger Jahre begann, diese zu dokumentieren: „Mir ist aufgefallen, dass rechte Schmierereien in Wien extrem zunahmen. Daraufhin fing ich an sie zu fotografieren.“ Da Thomas aber nicht nur ausländerfeindliche Sprüche interessierten, sondern alles, was ihm vor die Kamera kam, verfügt er heute, 25 Jahre später, über eine Sammlung von rund 45.000 Bildern, die er europaweit zusammengetragen hat. International gesehen sind Zürich und Berlin seine Lieblingsstädte, für österreichische Verhältnisse gefällt ihm aber auch Graz sehr.

Verfügt Graz doch über eine angemessene Anzahl hochwertiger Graffiti, die durchaus zum Nachdenken anregen: „Sie haben uns in Beton geboren, und heute beklagen sie, dass wir Betonkinder Stein an den Händen haben“, kann man beispielweise an einer Wand in der Engelgasse lesen. Und in der Nähe des Jugendlokals Sub heißt es: „Wenn das Gute nicht kämpft, kann das Böse nicht siegen.“ Alles Sprüche, die Thomas gefallen: „Von einem guten Graffito kann man dann sprechen, wenn mit wenigen Worten ein deutliches Bild gezeichnet wird. Etwas das Staunen macht und einen Stolperstein gegen den Alltagstrott darstellt.“ Wichtig sind ihm aber auch Raum und Platzierung. Als Negativbeispiel führt er hierbei die überdimensionalen Botschaften unter der Murpromenade an. „Um das lesen zu können, müßte man schon in die Mur rausschwimmen.“

Auch mit der deutschen Rechtschreibung kämpfen noch viele Sprayer. So wird schon einmal der Wunsch „Fig mich“ formuliert oder festgestellt, dass „Jenny Läuse und Niesen“ (Nissen) hat. Ein Fehler anderer Art ist dem Urheber des Graffito „Für jeden Spaß zu haben: 122“ unterlaufen. Unter 122 ist nämlich die Feuerwehr und nicht die Polizei zu erreichen. Mit dem Wirken der Exekutivbeamten beschäftigen sich überhaupt viele Graffiti in Graz, während kommunale Themen kaum eine Rolle spielen. Es findet sich zwar ein Graffito, das die „Feinstaubmafia“ anklagt und in einem anderen wird Bürgermeister Nagl angehalten über Menschenrechte nachzudenken. Hauptsächlich werden aber allgemeinere Anliegen wie „Legalize it“ oder „Rettet die Wale“ gefordert.

Dabei geizt man auch nicht mit Symbolen: mit historischen Zeichen wie etwa O5, einstmals die Initialen der Österreichischen Widerstandsbewegung. Die Ziffer 5 repräsentiert dabei den fünften Buchstaben des Alphabets, zusammengezogen ergibt sich aus beidem der erste Buchstabe des damals verbotenen Wortes ,Österreich.‘

Dazu gesellen sich politische Symbole jüngeren Datums wie die Zeichen für Frieden, Anarchie, und dem der Tierbefreier. Besonders häufig ist in Graz die Zahl 1984 anzutreffen. Aufmerksame Betrachter können sie auf Telefonzellen oder einer gezeichneten Überwachungskamera unweit des Jakominiplatz finden. Sie dient dabei wohl als Mahnung vor den Gefahren einer total überwachten Gesellschaft. Überhaupt geht der Trend in jüngster Zeit stark in Richtung neue Technologien. Viele Jugendliche sind heute dazu übergegangen ihre Botschaften mit Internetadressen zu versehen um ihr Zielpublikum näher zu informieren.

Einzel- und Serientäter
Manchmal stößt Thomas Northoff bei seiner Arbeit auch auf Werke ihm bereits bekannter Personen. Ein Déjà-vu der eher unangenehmen Art hatte er dabei neulich in Graz: Eine Telefonzelle, unweit der Megaphonredaktion, vollgeschrieben mit Reizworten wie: „Caritas Drogendepot“, „Kill Drogen Nigga“, „Asylverbrecher“... Neben den rassistischen Kritzeleien mit Filzstift gezeichnete Totenköpfe. Optisch wie inhaltlich ganz ähnliche Botschaften kennt der Graffiti-Forscher aus St. Pölten, Wr. Neustadt und Wien: „Hier handelt es sich wohl um die Werke eines Wiederholungstäters, der ganz Österreich bereist.“ Warum Menschen ihre Aggressionen an die Wand einer Telefonzelle bannen, versucht Thomas Northoff mit Hilfe einer Studie zu erklären: „Man hat festgestellt, dass Sprayen durchaus eine Ventilfunktion besitzt. Seine zerstörerischen Gedanken an der Wand zu sehen kann zu Entspannungen führen.“ Nachsatz: „Das Grundproblem wird auf diese Art und Weise natürlich nicht gelöst.“

Alles in allem also durchaus unterschiedliche Gründe, warum Menschen dem Reiz erliegen, Botschaften an Wänden zu hinterlassen. „Zu Wahlzeiten kommen sogar Senioren raus und beginnen Plakate umzugestalten,“ erzählt Thomas Northoff aus eigener Erfahrung. Er erinnert hierbei nur an die vielen ,Klestil = Ehebrecher‘-Hinweise, die bei der vorletzten Bundespräsidentenwahl zu lesen waren. Doch während diese meist spontan entstanden sind, steckt hinter anderen Graffiti eine Menge Arbeit.

Einer, der davon erzählen kann, ist der 20-jährige Künstler hinter dem Schriftzug ,Cylom‘: „Größere Graffiti brauchen schon mal ein bis zwei Stunden,“ sagt er. Und verweist darauf, dass Sprayen immer mit einem gewissen Nervenkitzel verbunden ist. „Der gehört für mich einfach dazu, der macht das Ganze spannend.“ Erwischt ist er selbst noch nie worden. Warum er sich aber trotzdem immer wieder diesem Risiko aussetzt, erklärt er so: „Was mich fasziniert, ist die Vielfalt, mit der man Buchstaben und Grafiken variieren kann. Mir gefällt, wenn vormals scheußliche Wände neu gestaltet werden.“ Nur Städte wie Berlin, wo praktisch an jeder Ecke Graffiti zu finden sind, reizen ihn nicht: „Das ist mir dann schon zu viel. Graffiti sollten etwas Außergewöhnliches bleiben.“  

    Zum Seitenanfang   Zur Druckansicht   HOME  |  IMPRESSUM  
e-dvertising - Werbung, Webdesign, CMS, Fullservice
(Partner/Förderer)
(Anzeigen)