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Fachleute im Zuhören

Von: Markus Mogg

RUFBEREITSCHAFT
Die Grazer Telefonseelsorge widmet sich rund um die Uhr vorbehaltlos Menschen, die Hilfe im Gespräch suchen.

Oft kommt man nicht einmal mehr aus dem Mantel heraus, weil das Telefon schon Sturm läutet“, erzählt Frau Ruth über ihren typischen Dienstbeginn. „An anderen Tagen hingegen ist es dann wieder die meiste Zeit ruhig. Aber durchschnittlich sitzt man vier Fünftel der Zeit am Telefon.“ Seit 14 Jahren ist sie als ehrenamtliche Mitarbeiterin bei der Grazer Telefonseelsorge engagiert, Ruth ist eigentlich nicht ihr richtiger Name. Um Anonymität auch auf Seiten der Ehrenamtlichen zu wahren und so einen beiderseitigen Schutz zu garantieren, sind Code­namen bei der Telefonseelsorge gang und gäbe. Selbst untereinander kennt man sich nur unter diesen Namen, was bei Nichteingeweihten oft für Verwirrung sorgen kann.

Seit 30 Jahren gibt die Telefonseelsorge Anruferinnen und Anrufern die Möglichkeit, anonym und direkt über ihre Sorgen und Nöte sprechen zu können. Gegründet wurde die Hotline von der Seelsorger-Legende Martin Gutl und dem Laientheologen Fritz Weritsch, seit 1997 ist die Nummer 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche gebührenfrei zu erreichen.

„Der englische Begriff ‚to listen’ beschreibt unsere Arbeit am besten. Wir hören vornehmlich zu und begleiten die Leute zwanzig bis dreißig Minuten lang.“ Gerhard Baldauf ist der Leiter der Telefonseelsorge, bisweilen sitzt er auch selbst am Telefon: „Wenn ein Ehrenamtlicher ausfällt, müssen wir Hauptamtliche einspringen.“ Ziel ist es, die Anrufer zu bestärken und zu versuchen Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Auch gilt es, das Umfeld zu aktivieren und gegebenenfalls jene Beratungsstellen zu nennen, die helfen können. Getragen wird die Arbeit am Telefon von drei Angestellten und siebzig Ehrenamtlichen wie Frau Ruth, die rund um die Uhr in fünf Schichten anwesend sind. Denn für die Telefonseelsorge ist Erreichbarkeit das oberste Gebot. Das Selbstverständnis der Mitarbeitenden als Zuhörer entspricht auch den Wünschen der Anrufer.

„Sie brauchen mir nix sagen, bitte hören’s mir nur zu!“ Sowohl für Herrn Baldauf als auch für Frau Ruth ist das ein oft gehörter Satz. Einige Anrufer beginnen ihr Gespräch mit einer Sachfrage wie „Glauben sie, dass die Krankenkasse das zahlen würde?“, ehe sie zum Kern ihres Anrufs kommen. Zentrales Merkmal der Telefonseelsorge ist, dass kein hierarchisches Gefälle wie zwischen Arzt und Patienten besteht. Der Anrufer kann sich dem Zuhörer am anderen Ende der Leitung auf gleicher Basis anvertrauen. Andererseits werden die Mitarbeiterinnen oft nach ihrem Alter oder Beruf gefragt: „Viele ältere Leute können sich schwer vorstellen, dass Jüngere ihre Sorgen verstehen würden.“, erzählt Frau Ruth, „dann wieder suchen Anrufer das Gespräch mit einem gläubigen Menschen.“

Religiöse Toleranz wird bei der Telefonseelsorge groß geschrieben: Getragen wird sie vom Rat der Ökumenischen Kirchen, unter den Anrufenden sind ebenso Muslime wie Atheisten. Die Motivation für die Zuhörer bleibt dabei immer die gleiche: „Es ist immer wieder befriedigend, wenn man nach einem Gespräch das Gefühl hat, dass die Leute wieder aufatmen können.“

10.800 Gespräche wurden im Jahr 2004 von der Telefonseelsorge entgegengenommen, ungefähr zwei Drittel der Anrufe kommen von Frauen. Ein Unterschied zwischen den Geschlechtern ist feststellbar: „Männer, die anrufen, sind oft direkter und fordernder, weil sie anscheinend glauben, dass sie über den Menschen am anderen Ende der Leitung verfügen könnten.“ Bei den Problemen, die zur Sprache kommen, spielen Einsamkeit und Isolation oft eine große Rolle, ebenso Liebeskummer und Schwierigkeiten bei der Partnersuche. Bei jüngeren Gesprächspartnern finden sich auch Fragen zur Sexualität, die auf ein steigendes Aufklärungsdefizit hinweisen. „Einmal hat mir ein junges Mädchen unter Tränen erzählt, dass sie schwanger wäre, weil sie ihren Freund geküsst hatte“ berichtet Frau Ruth. „So was erwartet man nicht in dieser aufgeklärten Zeit.“

Auch mit Anrufen psychisch kranker Menschen haben die Mitarbeiterinnen zu tun. Gerhard Baldauf zeigt sich umsichtig: „Hier fragen wir immer nach, ob die genannte Krankheit tatsächlich durch einen Arzt festgestellt wurde. Selbstdiagnosen führen oft in eine Sackgasse.“

Ein steigender Trend sind Anrufe von Arbeitlosen, oft haben gerade ältere Männer mit diesem Los große Probleme. Ob die gesellschaftliche Stimmung bei der Telefonseelsorge als erstes wahrgenommen wird? Gerhard Baldauf: „Auch wenn die Telefonseelsorge kein Echolot der Zeit ist, nehmen wir über unsere Tätigkeit wahr, dass zur Zeit eine große Verunsicherung herrscht und der Grad der Verängstigung zunimmt.“

Obwohl mit Herbstbeginn die Zahl der Anrufe steigt, ist nicht die Zeit vor Weihnachten die Hauptsaison bei der Telefonseelsorge: „Die meisten Anrufe erhalten wir im Sommer, wenn die Beratungszentren und Fachleute auf Urlaub sind.“ Frau Ruth fügt hinzu, dass besonders der Muttertag ein sehr intensiver Termin sein kann: „Wie viele Mütter da traurig sind, weil sich die Kinder nicht melden. Nachdem ich selbst Mutter bin, geht das schon unter die Haut.“ Die Weihnachtszeit bringt hingegen einen angenehmen Nebeneffekt mit sich: „Gerade zu Weihnachten erhalten wir viele Anrufe, bei denen sich die Leute bei uns bedanken.“ Positives Feedback, das die Freiwilligen in ihrer Arbeit bestätigt und motiviert. Nicht immer ist der Telefondienst eine leichte Aufgabe: „Nach manchen Gesprächen brauch ich selber oft eine Pause, weil meine Konzentration nachlässt und es etwas zu viel wird. Man muss hin und wieder abschalten können, um mit manchen Dingen fertig zu werden.“ Wodurch sich die Telefonseelsorge vom täglichen Leben wohl kaum unterscheidet. Auch dort gibt es nicht immer auf alle Probleme eine einfache Antwort. Frau Ruth hat dennoch einen Lösungsansatz anzubieten: „Ganz ehrlich? Ich hab selber schon drei oder vier Mal bei der Telefonseelsorge angerufen. Und zu meiner Kollegin gesagt: ‚Pass auf, hast du Zeit? Ich möchte mit dir ein Problem besprechen.‘ Das hat sich bewährt.“

Weihnacht für Einsame:

• Pfarre Graz-St. Lukas
Eggenberger Gürtel 76,   0316/71 48 49
16.00 - 22.00 Uhr, anschließend Christmette (Mitfahrgelegenheit)

• Pfarre Graz-St. Peter
Gruber-Mohr-Weg 9,  0316/47 10 72, 16.00 - 22.00 Uhr, anschließend Christmette (Mitfahrgelegenheit)

• Martinskeller/Heilandskirche
Kaiser-Josef-Platz 9,   0316/82 75 28
ab 19.30 Uhr, 23.00 Uhr Christmette

Caritas-Sozialdienste
und Herbergen:


Für Frauen:
• Caritas. Haus Elisabeth
(täglich ab 16.00 - 24.00 Uhr Mittag)
8010 Graz, Grabenstraße 43,
0316/67 29 72

Für Männer:
• Caritas. Arche 38
(rund um die Uhr)
8020 Graz, Eggenberger Gürtel 38,  
0316/71 25 09

Für Jugendliche:
• Caritas. Schlupfhaus
(Notschlafstelle für Jugendliche ab 18.00 - 9.00 Uhr) 8020 Graz, Mühlgangweg 1,   0316/48 29 59

• Mittagstisch/Wärmestube
(täglich von 9.00 - 14.00 u. 15.00 - 17.00Uhr) Caritas. Marienstüberl
8020 Graz, Keplerstraße 82,  
0316/80 15-302  


Leserkommentar:

Zuhören lernen Peter F. Jedlicko   14.12.05,08:16

Fürr Menschen, die selbst "Fachleute im Zuhören" werden wollen, gibt es schon seit vielen Jahren das Konzept "Co-Counseln" - und Menschen, die sich in einem Co-Counsel Netzwerk als ZuhörerInnen für die Sorgen anderer zur Verfügung stellen. In Österreich will das Coaching Team Wien ein solches Netzwerk aufbauen ( das es in Deutschland schon gibt ). > siehe www.coaching.eu.tf .

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