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Schmusekarpfen

Von: Joanna Noemi Pusch

GOLD-FISCHE
Während anderen Karpfen die Risikozeit Weihnachten bevorsteht, dürfen sie beruhigt weiterschwimmen: Die Ausnahmeerscheinung ‚Koi’ in einer Nahaufnahme.

Streicheln darf sie jeder, aber füttern darf sie nur ich“, lautet die oberste Karpfenregel von Herrn Neukam. Bisweilen machen Karpfen unter dem Christbaum auch lebendig eine gute Figur. So zum Beispiel im Hotel Novapark in Graz, wo seit Jänner 2003 etwa 250 Kois ein Zuhause gefunden haben: Hotelier Neukam bereicherte die Bar des Hauses um eine 15000-Liter umfassende bunte Unterwasserwelt: „Ihre wunderschöne Farbenpracht und das ruhige Schwimmverhalten erzeugen eine richtige Märchenstimmung. Es ist wie Fernsehen ohne Strom.“ Über den Bildschirm gleiten rote, gelbe, orange, weiße und schwarze, aber auch blaue, metallisch glänzende, silbern- und goldfarbene Kois.

In Österreich ist der Karpfen im Aquarium noch die große Ausnahmeerscheinung: Erst vor 120 Jahren erblickte der erste Koi als bunter Zufall das Licht eines japanischen Karpfenteichs. Mit der Zeit gelang die Vermehrung der ungewöhnlichen Farbmutation dieser Tiere, die sich in Japan schnell zu einem Kult-Objekt entwickelten. Für sie wird weder an Leidenschaft noch an – zum Teil immensen – Kosten gespart. Wer sich einmal für einen Koi entscheidet, geht damit eine langfristige Beziehung ein: Bei aufmerksamer Pflege können die Karpfen siebzig bis hundert Jahre alt werden. Nicht selten werden Kois in Japan als vollwertiges Familienmitglied gesehen, bei jeglichem Krankheitssymptom zum Tierarzt gebracht, sorgfältig gesundgepflegt und von Generation zu Generation weitervererbt. Dass dieses Erbe auch Statussymbol und eine beträchtliche Geldanlage sein kann, ist dabei kein Widerspruch: Längst ist es üblich Koi-Karpfen per Flugzeug auf internationale Ausstellungen zu fliegen, wo für die schönsten und seltensten Tiere bis zu 250.000 Euro gezahlt wird. Das mit dem Wert des Fisches auch das gesellschaftliche Ansehen des Besitzers steigt, versteht sich von selbst.

Fernsehen ohne Strom
„Schauen Sie, der Gast beobachtet, und beobachtet, und beobachtet…“ Helmut Neukam deutet auf den Herrn am Tisch nebenan. Die Idee für sein Aquarium brachte der Hotelier von seinen vielen Geschäftsreisen mit. Nachdem ihm unterwegs oft eine ruhige Ecke zur Entspannung fehlte, sorgte er dafür, dass seine Gäste in Graz richtig abschalten können: „Viele kommen einfach auf einen Kaffee und sagen, dass sie dabei stundenlang zuschauen können. Andere bringen ihre schwierigsten Geschäftspartner hierher: Hier gelingen sogar die härtesten Verhandlungen.“ Dabei sind Koi-Karpfen echte Haustiere: Sie sind so zahm, dass sie sich aus der Hand füttern und streicheln lassen. Sie erkennen ihre Besitzer wieder und schwimmen ihnen regelrecht hinterher. Manchmal kommen sie auch auf alberne Ideen und amüsieren ihre Züchter mit Tricks: „ Zum Beispiel nuckeln sie einem an den Fingern. Das ist dann bei den großen Fischen etwas unangenehm.“

Doch auch wenn der eine oder andere Koi schon mal das Rekordgewicht von 45 Kilo, also das durchschnittliche Gewicht einer Japanerin, oder die beeindruckende Höchstlänge von 153 Zentimeter erreicht – bei Koi-Kennern zählen ganz andere Werte: Über 130 Farbvarianten dieser Karpfen gibt es, die einzelnen Farbkombinationen tragen jeweils eigene Bezeichnungen. So heißt ein weißer Koi mit einem roten Punkt auf dem Kopf ‚Tencho‘. Weil diese Zeichnung an die Japanische Flagge erinnert, ist er besonders begehrt. Da die Tiere mit einem unfertigen Muster geboren werden, das sich erst nach etwa zwölf Jahren verfestigt, bleibt es für den Halter so lange spannend. Die Entstehung der Zeichnung ist immerhin purer Zufall, selbst erfahrene Züchter können dabei kaum etwas planen. Und die sind mittlerweile auch in der Steiermark zu finden: Die größte Fischzucht Österreichs liegt nur eine halbe Autostunde von Graz entfernt in einem idyllischen Tal am Beginn der steirischen Weinstrasse.

Steirische Karpfenstrasse
Auf dem Gut Waldschach werden in 95 Teichen 16 verschiedene Fischsorten gezüchtet. Seinen ersten Koi bekam der Schlossherr und Fischereimeister Paul Menzel noch während seiner Lehrzeit, als Lohn für ein in Deutschland absolviertes Praktikum. Auch er konnte sich dem Zauber ihrer Farbenpracht und Anmut nicht entziehen. Vor dreizehn Jahren importierte er erste Exemplare aus Japan. Nun wachsen jährlich etwa 6.000 Kois in Waldschach heran. Eine persönliche Beziehung zu jedem einzelnen Fisch ist bei diesen Mengen natürlich nicht mehr möglich. Trotzdem hat auch Herr Menzel eine besondere Freude daran, seine Buntkarpfen persönlich zu füttern und ihnen beim Wachsen zuzusehen: „Wenn ich es mir aussuchen kann, dann gehe ich am liebsten Fische füttern“ sagt er. Seine Teichbesuche sind abenteuerliche Fahrten, die ihn über schmale Schotterwege und Wallanlagen zwischen den Seen führen. Ein wachsames Auge muss Herr Menzel dabei auch auf Kormorane und andere Fisch-Schädlinge richten: „Den einen oder den anderen Luftschuss abzufeuern ist manchmal notwendig, wenn sich zu viele aus meinem Teich bedienen“. Lieber ist ihm allerdings, wenn die Vögel durch Spaziergänger vertreiben werden – dann kann der Fischereimeister sein Gewehr im Geländewagen lassen.

Zurück im Büro von Schloss Waldschach werden die Steierer-Kois an Zoofachgeschäfte, Baumärkte und an den Großhandel in ganz Europa verschickt. Andere Kunden, wie Herr Neukam kommen auch direkt nach Waldschach einkaufen. „Sie bekommen ein Netz und eine Wanne und können sich ihre Kois selbst aussuchen. Danach werden die Fische gemessen, und in eine der vier Klassen eingeordnet. So wird ihr Preis ermittelt.“ Je nach Klasse (B, A, A Extra und A Extra Plus) kostet ein acht bis zwölf Zentimeter langer junger Koi zwischen 2,50 und fünf Euro. Für ältere Exemplare, die rund sechzig Zentimeter messen, müssen 260,- bis 500,- Euro ausgelegt werden. Höchstpreise für besondere Raritäten verrät Herr Menzel nur auf Anfrage. Unabhängig von der Preisklasse, hat der Käufer vor den Halteranlagen erst einmal die Qual der Wahl: Dass dabei mehrere Stunden wie im Flug vergehen, ist vor dem Ausflug nach Waldschach einzuplanen.

Auch vor dem Aquarium im Hotel Novapark vergeht die Zeit schnell: „Sie werden süchtig“, warnt Herr Neukam, wenn ein Gast länger in seinen Fisch-Fernseher schaut. Um ihn selbst ist es schon längst geschehen. Deshalb kommt bei ihm auch zu Weihnachten kein Karpfen auf den Tisch, sondern höchstens in ein mit belebtem Wasser gefülltes Wohlfühlaquarium. Und auch wenn er über alle Koi-Ideale Bescheid weiß: Die ruhige Atmosphäre und ein aufgelockertes Bild ist ihm viel wichtiger als die absolute Vollkommenheit seiner Fische. Ob Helmut Neukam auch einen Lieblingskarpfen hat? Mit Blick auf das Aquarium fällt dem Hotelier die Antwort nicht schwer: „Ich hab sie alle gleich lieb.“


Koi-Club
Die erste deutsche Koi-Ausstellung fand im Juni 1994 statt. Bereits ein Jahr später gründeten begeisterte Koi-Fans den „1. Koi-Club Austria“ in Am­stetten. Der Club widmet sich der Verbreitung des exotischen Hobbys in Österreich, sowie dem regen Erfahrungsaustausch zwischen allen Koi-Begeisterten. In den monatlichen Treffen geht es um die gegenseitige Beratung in Sachen Koihaltung und Teichbau. Insbesonders neue Klubmitglieder können sich dabei von den erfahrenen Koihaltern und Experten Hilfe holen. Der Mitgliedsbeitrag für ein Jahr beträgt 25 Euro.

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