STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2005/Oktober/Endstation Sehnsucht?/
drucken drucken 

Endstation Sehnsucht?

Von: Joanna Pusch, Florin Mittermayr

FOLTERNARBEN
An die 300 Opfer von Folter und Gewalt leben in der Steiermark. Die Flüchtlingsinitiative Zebra und die Landesnervenklinik Sigmund Freud helfen beim langen und schwierigen Weg zurück in den Alltag. Ein neues Konzept soll es für die Betroffenen nun ein wenig einfacher machen.

Wenn die Mutter nach zehn Jahren ihre Kinder wieder im Pyjama ins Bett schickt, statt mit dem Gewand – wenn die permanente Fluchtbereitschaft aufhört: Dann merken wir, dass wir helfen konnten.“ Seit 1996 arbeitet die Psychotherapeutin Ingrid Egger bei der Flüchtlings-Initiative Zebra. Der Schwerpunkt ihrer Tätigkeit: Professionelle Hilfe für Menschen, die Gewalt und Folter miterleben mussten. „Zur Folter gehört nicht nur die Gewaltanwendung aus politischen Gründen, sondern jede Form der Gewalt von Menschen an Menschen – nicht zuletzt auch die psychische.“

Folteropfer sind also auch jene Menschen, die zu Zeugen von Kriegsverbrechen wurden. So wie jene Bosnierin, von der Ingrid Egger eingangs erzählt: Soldaten hatten ihr einst ihr Kind aus den Armen gerissen und dem Säugling vor den Augen der Mutter das Messer an die Kehle gesetzt. Nur das Schlimmste von vielen Erlebnissen, die sie bis heute nicht vergessen kann. Und kein Einzelfall: Jeder fünfte Asylwerber hat Erfahrungen mit Folter und Gewalt. Allein in der Steiermark sind das an die 300 Betroffenen. Wie diesen Menschen zu helfen ist? „Das Wichtigste ist den Leuten zu vermitteln, dass nicht sie verrückt sind, sondern das, was ihnen passiert ist.“ Ein mühsamer Weg aus vielen kleinen Schritten: Als die junge Bosnierin mit ihren Kindern nach Österreich kam, war sie eine bettlägrige Frau, die Schmerzen ihres am Krieg gestorbenen Mannes spürte sie am eigenen Körper. Heute hat sie es geschafft, selbstständig zu leben, ihre Kinder machen eine Berufsausbildung. Ein Erfolg, der größer kaum sein könnte – auch wenn der Schmerz und viele Beschwerden bleiben: „Man kann kein Unrecht wieder gut machen. Aber man kann versuchen den Leuten wieder ein Stück Mut zur Lebendigkeit zu geben. Und ihnen helfen, im Leben auch noch andere Bezugspunkte zu schaffen als die Bedrohung durch die erlebten Schrecklichkeiten.“

Dass das unendlich viel mit Vertrauen zu tun hat, versteht sich von selbst. Und mindestens ebenso viel mit Engagement: Heute arbeiten bei Zebra fünf Psychotherapeuten, zwei Körpertherapeuten und noch einmal so viele Dolmetscher: Nicht nur als Übersetzer, sondern vor allem als Ansprechpersonen aus dem vertrauten Kulturkreis – wofür sie eigens gecoacht wurden. Darüber hinaus sind quer durch das Land noch zwei Kinder-Psychotherapeuten unterwegs: Nicht alle Folteropfer haben eine Anlaufstelle in ihrer Nähe, manche sind nicht einmal in der Lage, das Haus zu verlassen.

Station am Weg ins Leben
Abhilfe soll ein neues Projekt für Folterüberlebende in der Steiermark schaffen: Bislang blieb den Betroffenen der Zugang zu den Psychosozialen Zentren in den Regionen verwehrt, jetzt soll das anders werden. Ingrid Egger: „Flüchtlinge und Folteropfer sind Teil unserer Gesellschaft, öffentliche Einrichtungen haben auch für sie zur Verfügung zu stehen.“ Dass das ohne zusätzliche finanzielle Mittel nicht machbar ist, liegt auf der Hand: Schon bisher waren die offenen Anlaufstellen für Menschen mit psychischen Problemen am Rande ihrer Ressourcen. Förderungen vom Land Steiermark und der Europäischen Komission für Menschenrechte machen das neue Netzwerk erst möglich. Mit dabei ist neben dem Verein Zebra und den Zentren in den Regionen auch noch die Landesnervenklinik Sigmund Freud.

Die Station PS 24 am Grazer LSF kennt viele der Schützlinge von Ingrid Egger genau. Hier erholen sich von akuten Lebensänderungskrisen betroffene, psychisch traumatisierte und schwer depressive Menschen. Aktuell befinden sich dort 24 Patienten. Aus den Lautsprechern tönt Hintergrundmusik, in der Sitzecke wird gelesen, auf den Tischen liegt Malzeug. Eine überschaubare und geregelte Welt, Krankenhausroutine könnte man meinen. Den unbegreiflichen Patientenschicksalen, die sich hinter der Fassade dieses Stationsalltags verbergen, ist jedoch nur mit Routine nicht beizukommen.

„Hier auf der Station lässt sich die politische Situation gut nachvollziehen“ erklärt Stationsleiterin Wiltrud Hackinger. „Hier sind Flüchtlinge aus dem tschetschenischen Raum, Patienten aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus Bosnien und dem Kosovo und manchmal auch Schubhäftlinge.“ Der Umgang mit Patienten aus fremden Kulturen, die oft keine Deutschkenntnisse mitbringen, erfordert ein hohes Maß an interkultureller Kompetenz. Klinikleiter Rainer Danzinger kennt die Problematik: „Vorurteile gibt es auch unter Ärzten“. Das LSF hilft bei der Reflexion darüber, wie Wiltrud Hackinger ergänzt: „Wir beschäftigen uns mit diesen Vorurteilen und wollen ein Umdenken erreichen.“ Zusammen mit dem Verein Zebra hat sie den ‚Arbeitskreis zur interkulturellen Öffnung der LSF‘ ins Leben gerufen.

Gemeinsam Wider die Einsamkeit
„Choroscho?“ fragt Doktor Hackinger eine Patientin, die sich gerade ein Eis geholt hat. Ein Wort in der einer vertrauten Sprache und eine freundliche Geste. Für die Frau aus Tschetschenien bedeuten sie ein kleines Stück Geborgenheit: Diejenigen, die alleine geflüchtet sind, leiden zusätzlich unter der Trennung von der Familie und oft unter völliger Einsamkeit. Besucher mit der gleichen Herkunft sollen den fehlenden sozialen Kontakt ausgleichen – im Rahmen des neuen Projektes wurden diese vom Verein Zebra speziell ausgebildet. „Es kommt wer a bisserl plaudern,“ umschreibt Professor Danzinger den Besuchsdienst. „Potentiell ist es jedoch viel mehr: Es funktioniert einfach besser, wenn sie mit anderen Menschen sprechen, die in der gleichen Sprache und in der gleichen Umgebung sozialisiert wurden, als mit einer Psychiaterin, die am Ruckerlberg aufgewachsen ist und Deutsch spricht.“ Die Besucher unterstützen damit nicht nur die Anpassung an die neue Umgebung, sondern auch den Fortschritt der Behandlung.

Für Wiltrud Hackinger, die bereits seit über 13 Jahren die Station leitet, ist dieses Angebot besonders wichtig. Denn aus der schwerpunktmäßigen Betreuung der Flüchtlinge soll innerhalb des Krankenhauses kein Ghetto entstehen. Im Gegenteil: „Bereits hier soll der erste Schritt zur Integration getan werden.“
Neben der bestmöglichen Zusammenarbeit bleibt nicht zuletzt das geschlossene und effektive Auftreten für das gemeinsame Anliegen unbedingtes Ziel des neuen Netzwerkes. Das persönliche Engagement von Ingrid Egger, der Psychotherapeutin vom Verein Zebra, gibt die Richtung vor: „Man hat hier mit sehr starken Menschen zu tun, die Unglaubliches erlebt haben. Die bereit waren, für eine Idee ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Menschenrechts-Verletzungen ausschließlich im Therapie-Zimmer zu privatisieren ist zu wenig: Als Ansprechpartner ist man hier definitiv dazu aufgerufen auch politisch darauf aufmerksam zu machen.“

Weiterführende Informationen unter:

MEGAPHON, Auschlössl
Friedrichgasse 36, 8010 Graz
Tel: 0316/8015 650
Fax: 0316/81 23 99
megaphon@caritas-graz.at
www.megaphon.at/de/strassenmagazin/archiv/megaphon_2005/oktober/70/