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In einer kleinen Welt

Von: Ingrid Brodnig

Was machen ein Gnom, ein Ritter und ein Dieb am Wochenende? Sie erleben ein Abenteuer. Über die Faszination Rollenspiel.

Es war einmal in einer kleinen Stadt, da traf sich eine Gruppe Abenteuerlustiger. Sie saßen zusammen, um gemeinsam auf eine Reise aufzubrechen:  Auf eine Reise im Kopf, in eine Welt, die sie selbst zu gestalten trachteten.

Die Gruppe gibt es immer noch: die „Grinsenden Greifen“. Sie sind – neben der Grazer Spieleplattform – einer der größeren heimischen Vereine, die sich dem Rollenspiel verschrieben haben. Da trifft der Fernfahrer die Studentin und beide haben nur eines im Kopf: Das Abenteuer – vom Liverollenspiel im Freien bis zur Pen-and-Paper-Runde im Vereinslokal. Letztere finden bei den Grinsenden Greifen besonders häufig statt: Im Grunde fängt alles damit an, dass man für seine Figur eine (angebotene) Spezies wählt und ihre Eigenschaften am Charakterbogen einträgt.

„Im Prinzip sind die Werte eine schwache Simulation der Wirklichkeit“, erklärt Martin Rudigier (31) von den Greifen. Er spielt seit sieben Jahren Systeme wie „Star Wars“ oder „Dungeons and Dragons“. Die Systeme, die auf Fantasy- oder Science-Fiction-Universen basieren, geben ein Grundgerüst vor – sie bauen somit jene kleine Welt auf, in der das Spiel stattfindet. Der Verlauf ist dann aber relativ frei.

„Der typische Anfang ist so: Man sitzt im Gasthaus und jeder beschreibt seine Figur.“ Auf den Spielverlauf passt der Spielleiter auf. „Der hat eine Geschichte im Kopf“, meint Martin. Vieles ist aber Improvisation – oder gar Stehgreiftheater. Da wird mit verstellter Stimme gesprochen, gelispelt, gestikuliert und gemeinsam eine Geschichte gewoben. Jeder Spieler trägt sein Stück zur Handlung bei, indem er schildert, was sein Charakter macht – zum Beispiel: „Ich nehme meinen Bogen und schieße auf das Tier.“ In der Regel wird dann gewürfelt. Je nachdem wie geschickt der Charakter im Bogenschießen und wie glücklich der Spieler im Würfeln ist, fällt der Angriff aus. „Manche sind da recht abergläubisch“, erzählt Spielerkollege Alexander Dieregger, „dann heißt es: ‚Finger weg von meinen Würfeln!‘“

Und der Reiz daran? „Es geht darum, in eine Rolle zu schlüpfen. Manche mögen lustige Rollen, manche düstere“, erklärt Martin. Trägt der Rollenspieler also zur Realität noch zusätzlich eine eigene Welt mit sich? Martin relativiert das. Wenn er etwa in der Arbeit ist, beschäftigt er sich nicht mit dem Spiel – aber: „Wenn ich rollenspiele, bin ich in einer anderen Welt.“ Dementsprechend zeitintensiv sind auch die Runden, die häufig wöchentlich stattfinden:„Wenn ich nicht weiß, dass ich vier Stunden frei hab, dann fang ich nicht an.“ Stößt man bei einem derartigen Hobby auf Unverständnis? „Es hängt davon ab, wie man es erklärt“, meint Martin. Aber manche schütteln schon den Kopf. „Viele können sich auch nicht vorstellen, dass man etwas spielt, wo keiner gewinnt.“ Immerhin ist man Gefährte, statt Gegner.

Anders die Tabletop-Spiele, die bei den Greifen auch stattfinden. „Tabletop ist ein Kampf zweier Gegner. Man reagiert so wie es der hiesige Heeresführer tun würde.“ Die Hobby-Heeresführer bemalen ihre Plastik-Krieger selbst – den Kampf in Miniatur nehmen sie dabei durchaus ernst. „Es geht darum, wer der bessere Stratege ist“, erklärt Alex. Ob er sein Hobby schräg findet? „Ich mein, was ist schräg?“, fragt er. Er findet „Golf-GTI-Tuner“ seltsamer. Alex geht es um das Gedankenspiel: „Bei Pen-and-Paper bleiben die Möglichkeiten fast unbeschränkt. Die Grenzen sind nur dort, wo die Phantasie endet.“ Und vielleicht sind die Welten somit gar nicht so klein.

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