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Warten auf die Tramway

Von: Florin Mittermayr

STRASSENBAHNSTAU
Die letzte nennenswerte Erweiterung des Grazer Tramway-Netzes war im Jahr 1926 – nun wird gleich an drei neuen Strecken gebaut. Grund genug für eine Bestandsaufnahme: Was ist, was kommt und wo es bei der Tram hapert.

Für die fünfzehn Kilometer von meinem Zuhause in Fernitz bis zur Schule in Graz hab ich jeden Tag zwei Mal 45 Minuten gebraucht.“ Heute lebt Martin Blum in Wien. Beim Verkehrsclub Österreich ist er für die Verkehrspolitik zuständig. Besonders am Herzen liegen ihm die Interessen der schwächeren Verkehrsteilnehmer, also etwa jene der älteren Menschen, der Fußgänger und Radfahrer. Die Situation der Grazer Umlandgemeinden hat sich seit seinen Schultagen kaum geändert: „85 Prozent aller Einpendler kommen mit dem PKW. Hier besteht wirklich dringender Handlungsbedarf.“ Ideen gibt es genug, von der vielzitierten S-Bahn bis zur Regionalstraßenbahn, die außerhalb der Innenstadt bestehende Bundesbahngleise mitbenutzen soll. Das Um und Auf ist für Martin Blum eine Verdichtung der Intervalle: „Wer weiß, dass er nicht mehr nach Hause kommt, wenn er nach der Arbeit in der Stadt noch etwas vor hat, nimmt morgens gleich das Auto.“

Aber nicht nur in den Umlandgemeinden hapert es: In den späteren Abendstunden sind auch die städtischen Öffis nur wenig attraktiv. Halbstundentakte machen die Entscheidung zwischen Fußmarsch oder Trambenutzung mangels Zeitersparnis oft nur mehr zur Frage des Kalorienverbrauchs. Und bei der Attraktivierung des Schienennetzes wurde trotz Feinstaub, Verkehrskollaps und jahrzehntelanger Diskussionen konsequent alles verschlafen. So stauen sich alle sechs Linien täglich mühsam durch die Herrengasse, insbesondere am rechten Murufer wurde im Autowahn der Sechziger Jahre stillgelegt, was nur ging.

Eine Problematik, die den Mitgliedern der Grazer Passagierlobby ‚Fahrgast‘ nur allzu vertraut ist: Seit zwanzig Jahren trifft sich an der Alten Technik jeden Montag ein gutes Dutzend junger Männer um in aller Leidenschaft Probleme zu diskutieren und Lösungen auszuarbeiten. Schriftführer Stefan Walter: „Der Draht zur Stadt ist gut. Verbesserungsvorschläge finden durchaus ein offenes Ohr – manche werden auch umgesetzt.“

Als junger Techniker hat der zuständige städtische Verkehrsplaner im Büro von Stadtrat Gerhard Rüsch den Verein Fahrgast mitbegründet. Heute wandern über Martin Bauers Schreibtisch praktisch alle Projekte im städtischen öffentlichen Verkehr – vom Betriebskonzept bis zum Sonntagsfahrplan. Aus seiner Feder stammt auch der zweistufige Ausbauplan des Grazer Tramwaynetzes, dessen erste Phase seit dem Sommer in die Realität umgesetzt wird: Bereits im nächsten Winter wird der Fünfer bis zum neuen Nahverkehrsknoten Puntigam verlängert – wer mit der Bahn aus dem Süden in die Stadt kommt, findet dort hinkünftig eine direkte Verbindung in die Innenstadt. Ab dem Frühjahr 2007 fährt die Linie 4 bis zum Sternäckerweg, hier entsteht ein Umsteigeknoten mit der steirischen Ostbahn. Und Mitte 2008 wird der erste Sechser das Peterstal erreichen – Schlusspunkt einer schier endlosen politischen Debatte. Die einschneidendsten Probleme werden allerdings erst mit der zweiten Ausbaustufe in Angriff genommen: „Absolute Priorität hat die Entlastungsstrecke für das Nadelöhr in der Herrengasse und die Erschließung des Grazer Südwestens.“ Und auch die Anbindung der Uni steht bei dem Verkehrsplaner ganz oben auf der Liste.

Dass der eingeschlagene Weg weiterbeschritten werden soll, ist bereits beschlossene Sache. Was letzten Endes auf welche Weise umgesetzt wird, liegt aber dennoch in den Händen der Politiker: Jeder einzelne Bauauftrag braucht im Rathaus eine Mehrheit. Martin Bauer zeigt sich jedenfalls optimistisch: „Die notwendigen Mehrheiten in der Stadt sind gegeben. Und der neue Landeshauptmann hat sich ja schon vor der Wahl zur S-Bahn bekannt.“


Leserkommentar:

Tram - Hoffnungsschimmer? j.huber-grabenwarter@kleinezeitung.atJosef Huber-Grabenwarter   28.11.05,09:55

Ich habe schon so viel über Trampläne gelesen - ich bin schon skeptisch geworden, obwohl es jetzt doch Hoffnungsschimmer gibt. Zur Herrengasse: ich habe es schon oft geschafft, zwischen 17 und 18 Uhr gefahrlos auf dem Gleis vom Jakominiplatz zum Hauptplatz zu gehen. Da gibt es keinen Fahrplan, da gibt's nur die Planlosigkeit.
Was ich absolut nicht verstehe: die Linien 4 und 5 fahren (zum Großteil auf der gleichen Strecke) lange Abschnitte, ohne mit dem Autoverkehr in Berührung zu kommen: warum gibt es trotzdem so oft Abweichungen vom Fahrplan?
Wartehäuschen: die Anfragen bei GVB und Fa. Ankünder sind sinnlos, wenn man wissen möchte, weshalb die Fahrpläne auf der dunkelsten Stelle des Häuschens - möglichst weit weg von der Leuchtreklame - angebracht sind. Die Fa. Ankünder beleuchtet nachts schon so viele blödsinnige Plakate, aber das schafft sie nicht.
Bahnhof: wie lange wurde schon von einer Anbindung des Hauptbahnhofs geredet? Es ist schon, dass in Don Bosco und in Puntigam umgestiegen werden kann, weshalb wird aber das Nadelöhr Eggenberger Gürtel/Hauptbahnhof nicht erweitert? Die Straßenbahnen müssen die Annenstraße hinauffahren, werden beim Überqueren des Eggenberger Gürtels vom Autoverkehr aufgehalten und fahren dann z. T. wieder nach Eggenberg hinunter. Ich habe schon oft von Lösungen reden gehört, dabei bleibt es aber meistens.

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