STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2005/September/Acht Jahre Hauptplatz/
drucken drucken 

Acht Jahre Hauptplatz

Von: Julian Ausserhofer

STANDHALTEN
Seit acht Jahren steht der Kolporteur Peter Aghahowa jeden Tag mit dem Megaphon am Grazer Hauptplatz. Im Sommer und im Winter, bei Sonne, Regen oder Schnee. Seine Tage unterscheiden sich kaum, sein Engagement hat sich seit dem ersten Tag gar nicht verändert.

Vier Hefte in vier Stunden. Es ist ein gewöhnlicher Vormittag für Peter Aghahowa. „Not good, but also not bad“, resümiert er. Der Afrikaner ist der dienstälteste Kolporteur beim Megaphon. Zwischen 9.00 und 13.00 Uhr hat er heute vier Euro verdient. Wahrlich keine große Summe, Peter ist dennoch zufrieden. Während der Mittagspause fährt er mit dem Fahrrad nach Hause, um etwas zu essen. Der 42-Jährige lässt die Tasche mit den Heften im Hauseingang neben seinem Standplatz offen zurück. Angst, dass etwas wegkommen könnte, hat Peter nicht: Bisher wurde ihm noch kein einziges Heft gestohlen.

„Das Megaphon hat sich nicht nur als Sozialprojekt, sondern auch als Stadtzeitung etabliert.“ Laura Bono ist mit der Entwicklung ihrer Idee zufrieden. Die Gründerin des Megaphon hat das Heft bis zum Jahr 1998 begleitet – als Vorbild dienten ihr in der Startphase internationale Straßenmagazine wie das „Big Issue“ in Großbritannien. Ein Zivildiener, einige ehrenamtliche Mitarbeiter und sie produzierten nach dem Sommer 1995 die erste Ausgabe des Megaphon. Mit einer Auflage von 3.000 Stück nicht wirklich eine Nullnummer.
Was das Straßenmagazin bis heute von den anderen unterscheidet, ist nicht zuletzt die Herkunft der Kolporteure. „Das Konzept war nie so angelegt, dass ausschließlich AfrikanerInnen das Megaphon verkaufen“, erläutert Laura Bono. „Von Anfang an war es schwierig bis unmöglich, auch Verkäufer anderer Herkunft zu finden.“ Worin die Ursache dafür liegt, kann auch sie nur vermuten: „Bei ÖsterreicherInnen sind es zumeist Probleme persönlicher Natur, die in die Obdachlosigkeit treiben. Bei vielen AfrikanerInnen, die in Österreich leben, hat die Armut eine strukturelle Ursache.“

Für Peter ist es inzwischen Nachmittag, das Bild bleibt ähnlich wie in den Stunden zuvor. Einige Passanten ignorieren ihn, nicht wenige schauen weg, andere schütteln den Kopf. Wenige blicken ihn an oder lehnen dankend ab, und kaum einer kauft eine Ausgabe. Der Job ist für Peter dennoch selten monoton, sein Enthusiasmus scheint ungebrochen. Keine Spur von Müdigkeit in seinen Bewegungen. Kein Zeichen der Ausgelaugtheit in seinem Blick. Bei jedem Passanten versucht er erneut sein Glück. „Everyday it’s the same“, merkt er an, auf Deutsch erzählt er weiter: „Seit acht Jahren verkaufe ich das Megaphon. Jeden Tag, jedes Jahr, egal ob Sommer oder Winter.“ Diverse Anfeindungen und Rassismen der Passanten kämen zwar gelegentlich noch vor, seien aber nicht mehr so zahlreich wie in den vergangenen Jahren.

Eine Pensionistin berührt Peter an der Schulter. Er dreht sich um, sie drückt ihm zwei Euro in die Hand. „Ich gebe ihm immer etwas, wenn ich in der Stadt bin. Er ist mir so sympathisch und ich unterstütze ihn gern“, erzählt sie. Peter freut sich und dankt. Jeden Monat kauft sie eine Ausgabe, manchmal sogar mehrere. Eine Verkäuferin geht vorbei. Peter grüßt, sie winkt zurück. Die Mitarbeiter der Geschäfte rund um den Hauptplatz kennt Peter ausnahmslos. Und alle kennen ihn. Ob er bereits eine Institution in Graz sei? „They are all my friends“, sagt er und lacht.

Weiterführende Informationen unter:

MEGAPHON, Auschlössl
Friedrichgasse 36, 8010 Graz
Tel: 0316/8015 650
Fax: 0316/81 23 99
megaphon@caritas-graz.at
www.megaphon.at/de/strassenmagazin/archiv/megaphon_2005/september/73/