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Fleckerlteppich der Erinnerung

Von: Ingrid Brodnig

ZEITREISE
Was tat sich in Graz die letzten zehn Jahre? Das Geburtstagskind Megaphon begab sich auf Spurensuche und entdeckte mit Michael Ostrowski einen Berg an Erinnerungen – zwischen Alltagsg‘schichten und Ausnahmezuständen.

„Bist du – a junger Bua.“
Michael Ostrowski staunt, als er sein jüngeres Ich vom Cover des Megaphon blicken sieht. Der Schauspieler aus dem Theater im Bahnhof ist nicht als einziger gealtert – die Zeit hat auch das Megaphon und sein Rundherum, die Stadt Graz, geprägt. Als Geburtstagskind ist es an der Zeit, eine Erkundungstour zu unternehmen – eine kleine Reise durch die Zeit, bei der Passanten, Betroffene und Nacktschnecken-Sternchen Michael Ostrowski einen Fleckerlteppich an Erinnerung weben, startend am Karmeliterplatz.

„Nur Parkplatz war a net schön“
Für Michael Redik ist es der Lieblingsplatz. „Da ist ein Platz geschaffen worden“,  erklärt der Leiter des Stadtplanungsamtes. Ohne Konkurrenz ist das Make-Over des Platzes aber nicht. Die Stadt formte einige ihrer urbanen Freiräume neu – von Lend bis Jakomini. Wurde der öffentliche Raum etwa wichtiger? „Ich glaube, dass der Bürger den öffentlichen Raum mehr schätzt, aber dass es immer schwieriger wird den öffentlichen Raum aufgrund der Interessen von Einzelnen zu erhalten“, sagt der Stadtplanungschef. Michael Ostrowski sieht das ähnlich: „Die Plätze haben wieder ihre Berechtigung zurückbekommen.“
Aber wie kommt der neue Karmeliterplatz an? Ein Passant sieht sich um. „Na ja. Nur Parkplatz war a net schön.“ Ein verlassenes Zelt macht sich breit, ein Auto parkt daneben. „Manche städtebauliche Maßnahme führt leider wieder zum Gegenteil“, überlegt Ostrowski. Die grüne Klubobfrau klagte im Juni im Megaphon: „Das ist völlig daneben. Vorher wird den Leuten eine Fußgängerzone versprochen, und nachher heißt es dann: ‚Nein, das passt doch nicht.“ Zur Gänze wurde der Verkehr nämlich nicht beruhigt: Taxis, Busse und Wägen mit Sondergenehmigung dürfen drüber – sowie Landeshauptfrau Waltraud Klasnic. Sie steigt aus dem Wagen und bewegt sich zur ÖVP-Zentrale. Und wir uns in die Burggasse 15 – wo einst das Kommod-Haus stand.

Einstürzende Altbauten
Viele Lieblingslokale sterben – manche allerdings eines unnatürlichen Todes. So etwa Kommod und Triangel, die beiden Lokale der Burggasse 15. Der denkmalgeschützte Desolatbau war auch für Michael Ostrowski ein Fixpunkt im Nachtleben: „Das Triangel war das Stammlokal von der Salzamts-WG. Da haben die Gründer vom Theater im Bahnhof alle gewohnt.“ Es war ein Kellerlokal, das Zuflucht bot, wenn nichts mehr Unterkunft versprach. Ein Ort, „wo was möglich war“. Was er damit meint? „Da hat man narrische Sachen machen können.“ Oder Theater-im-Bahnhof-Mitgliedern zuschauen, wie sie narrische Sachen machen. Und das Kommod? Beliebt und Kult, oder wie Ostrowski sagt: „Da waren die Brav-Alternativen, ein hoher Pädak-Anteil.“
Doch all die Liebe nützte nichts, ebensowenig eine Demonstration: Der Abriss kam. Und der Grund? Vielleicht sollte man eher von Rechtfertigungen sprechen. Der einstige Besitzer Bernhard Lanz ließ das Haus nach und nach zerfallen und verkaufte es schließlich an die Wegraz, die den Abriss einleitete. Das Kaufangebot der Mieter wurde von der Immobiliengesellschaft zuvor abgelehnt. Sie blickt lieber nach vorne: Immerhin gewann Stararchitektin Zaha Hadid die Ausschreibung für den Neubau. Ob es schon bald zur Umsetzung kommt? „Bei uns wurde noch nichts eingereicht“, weiß Redik.

GreiSSler mit alles
Ein paar Gassen weiter, in der Schlögelgasse lächelt Herr Taskin hinterm Tresen – türkischer Nahversorger seit gut drei Jahren und keine Seltenheit im Stadtbild mehr. „Vor vier, fünf Jahren gab es fünf oder zehn türkische Geschäfte in Graz. Jetzt kann man schon mit dreißig rechnen“, weiß Mustafa Taskin. Warum sie beim Türken gern einkauft, erklärte uns eine ältere Dame schon vor drei Jahren: „Da kann ich mit dem Verkäufer handeln. Wenn das Gemüse schon ein paar ‚Matzen‘ hat, gibt´s einen Rabatt, und ich muss auch nicht gleich so riesige Mengen nehmen.“ Herr Taskin hat reichlich reifere Kundschaft – nur nicht am Sonntag. Ein älterer Herr zuckt die Achseln: „Warum sollt‘ ich da einkaufen?“ Alles ändert sich wohl auch nicht.

Klang der StraSSe
„Ein sommerlicher Spaziergang durch die Grazer Innenstadt ist begleitet von Musik. Egal, ob man sie hören will oder nicht.“ Das Megaphon-Zitat stimmt in der Herrengasse noch immer. Und hinter dem Klang steckt meist ein Roma in einem alten Anzug und einem aufgeklappten Geigenkasten. Vielen erscheint es würdevoller, mit Musik Moneten zu machen als zu betteln. Auch wenn nicht jeder Herr der Töne wird, Ostrowski gefällt es: „Vielleicht wird das der Austropop des neuen Jahrtausends, weil der alte Austropop war auch a bisserl schiach.“
Für die Klanginseln am Trottoir interessierte sich der Grazer Musiker Wernfried Lackner schon vor fünf Jahren. Er nahm einige musikalische Happen samt Hintergrundgeräuschen auf. Die CD „st.mk grazerstraßenmusik“ stieß auf Anklang: Ein Leser, der sich als Herbert von Karajan ausgab, wollte den Musikanten Zoltan O. gleich für ein Gastspiel in Japan verpflichten: „Im Ernst: Noch nie hat jemand so gut so falsch gespielt. Der Mann ist eine Naturgewalt vom Format Paganinis! Kaufen, anhören, genießen!“

Stahlnoppen und Lederhosen
Auch am Hauptplatz dröhnt Volksmusik, allerdings heimische – schließlich wird „aufgesteirert“. Die zahlreichen Veranstaltungen, die mittlerweile vor dem Rathaus stattfinden, sieht nicht jeder als Gewinn. „Das sollte kein Rummelplatz sein. Es muss net jedes Pimperl-Event da stattfinden“, so ein Pensionist.
Viel Lärm gab es hier aber auch schon ohne Musik – besonders, als Bürgermeister Nagl „Projekt Lorbeer“ startete, die  Begrünungsaktion der besonderen Art: Bis zum neuen Landessicherheitsgesetz beschützten aneinandergekette Lorbeerbüsche das Hauptplatz-Denkmal vor Unfug und Punks – und jedem anderen, der sich hinsetzen wollte. Aber passt der Begriff „Punk“ überhaupt? „Ich würde auch nicht alle Betroffenen als Punks bezeichnen. Letztlich sind das alles Menschen in sozialen Schwierigkeiten“, erklärte Sozialarbeiter Joe Eder dem Megaphon. Aber nicht jedem sind die bunten Bankerlsitzer so geheuer. „Das war schon zum Fürchten“, meint eine Standlerin. Sie weiß aber, was bei Problemen hilft: Der Sozialarbeiter. „Es ist ganz was anderes, ob die Polizei kommt oder er.“

Der Duft der Mur
Am Murufer sitzen vereinzelt Leute. Enten widerstreben dem Strom. „Man hat ein bisserl das Gefühl, man schaut aufs Meer“, meint Michael Ostrowski. Manchmal riecht es gar wie am Hafen von Marseille. „In der Mur stinkts wahnsinnig“, weiß der Schauspieler. Er ist mit Schnorchel und Brille schon unter der Murinsel durchgetaucht. „Viel sieht man net, es ist trüb. Am Boden sind Schillinge gelegen. Aber die hab ich nicht mitgenommen.“
Der Hobby-Schnorchler hat noch einen weiteren Bezug zur Acconci-Insel: 2003 spielte das Theater im Bahnhof hier. Hatte Graz03 auch eine Langzeit-Wirkung? „2003 hat für uns einen Weg nach draußen bedeutet. Wenn das ein Kulturjahr schafft, find ich´s eigentlich spitze.“
Westwärts
Vielleicht forcierte das Kulturjahr noch eine weitere Entwicklung: Einen gewissen Wind nach Westen. Der war seit Jahren zu spüren – ein kleines Lüftchen namens „Veränderung“, das zunehmend die Gassen von Gries und Lend durchzog. 1996 siedelte auch das Theater im Bahnhof um. „Die Leut haben damals nicht gefunden, dass das super ist am Lendplatz“, erinnert sich Ostrowski. „Aber mir taugt das total. Es ist steirisch, aber auch wie am Balkan und in der Türkei.“ Noch vor den trendigen Lokalen kam das Rotlicht. „Was ich am deutlichsten wahrgenommen hab, war, wie die Puffs angefangen haben zu gedeihen. Das hat durchaus für mehr Multikulti gesorgt – es waren halt Prostituierte.“ Laut Ostrowski war das „dann der Auslöser, ‚Nacktschnecken‘ zu schreiben“.
Trotzdem stieg Lend im Ansehen der Grazer – das Viertel bekam eine Identität. Eben trashig und mit einer hohen Einwanderungsquote, aber mit viel Leben. Ostrowski: „Mir gefällt die Mischung ganz gut von alten Rassisten und den Schwarzen, die in die Telefonzelle einibrüllen.“

Anders als damals
Untertags bleiben die Pforten der Postgarage geschlossen – ihre Jünger strömen erst nächtens aus: Über den Griesplatz hin zur Mucke. „Ich hab gelesen, dort gibt´s eine ‚Gay and Lesbian Bollywood-Night‘. Sowas hat´s früher net gegeben“, meint Ostrowski. Stimmt – der schwullesbische Club ist nur ein Programmfixpunkt. Und wer nicht bloß Chill-Out, sondern eine Durchschnaufpause braucht, muss nur ins Freie schauen: Das kleine Café Nil bietet nicht nur den afrikanischen Stammgästen „einen geradezu unbekümmert offenen Rahmen für alle – aber auch wirklich alle – Eventualitäten. Und das bis zwei Uhr früh – sofern in der benachbarten Garage die Post abgeht“.
In Graz war also was am Gären. Die Stadt gestaltete nicht nur ihre Plätze neu, verlor nicht bloß Lokale oder ließ sich von Lorbeerbäumchen zurechtweisen – sie entwickelte auch neue Entfaltungsmöglichkeiten. Im Sommer bei La Strada, im Herbst  beim Elevate-Festival, im Winter bei der hochprozentigen Russendisko, im Frühling beim elektronischen Springfestival. Und dazwischen an vielen Orten sonst – wie dem Veilchen, dem Tratari oder Spektral.
Gibt es überhaupt etwas, das sich nicht verändert hat? Ja, der Uhrturm. Wie stets blickt er zeitlos auf die Stadt herab. Aber vielleicht sollte man diese Frage in Seiersberg überdenken.

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