STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2005/September/ATTWENGER/
drucken drucken 

ATTWENGER

Von: Florin Mittermayr

Atemberaubend neue Wiederholungen, zutiefst gehaltvolle Auslassungen und fetziges Rosenkranzbeten: Dem oberösterreichischen Klangwunder Attwenger war noch jeder Hut zu klein. Sechs Wochen vor Erscheinen des neuen Albums ‚dog‘ spielten Markus Binder und Hans-Peter Falkner im Rahmen des Elevate-Festivals in Graz. Das MEGAPHON bat die beiden Virtuosen der lyrischen Musiksprachmontage danach um ein Tête-à-Tête im Schlossbergrestaurant. Ein beherzter Trialog über Lebensrhytmen, Death Metal und die Seele der Ziehharmonika.

Wie erträgt man 15 Jahre als Duo?

Hans-Peter Falkner: Ja, unmöglich. Furchtbar. (Lacht) Ich will die Scheidung! Aber das ist auch wieder so kompliziert. Und zu zweit ist es noch gescheiter als mit fünf Leuten – wahrscheinlich.

Wie kann man sich denn einen Tag Attwenger vorstellen?

Markus Binder: Sehr viel Stress, und...
HP: (lacht) ...und nicht zum Aushalten. Wir versuchen uns so wenig wie möglich zu sehen.

Und trotzdem seid ihr auf der Bühne per ‚Schatzi?‘

HP: Das schon.

Was ist das Geheimnis der Ausstrahlung eines Hans-Peter Falkner? Gibt es ein Rezept um bei dir zu landen?

M: (lacht; zu Hans-Peter) Eine klassische Udo-Jürgens-Frage, eigentlich.
HP: (schüchtern) Das weiß ich nicht.
M: Jetzt samma in der Bunten – echt!
HP: Auf jeden Fall, kann sich wer bei mir einihaun, wenn er ein Bier bringt, dass die richtige Temperatur hat. Das gefällt mir gut.

Was ist die richtige Temperatur?

HP: Kalt. Sehr kalt.
(Zu Markus) Du hast dieses Jahr auch ein Buch mit dem Titel „Testsiegerstraße“ herausgebracht. Magst du uns was drüber erzählen?
M: Ja, was soll ich denn sagen? Das Buch hat 136 Seiten, hat fünf Kapitel, hat Short Storys.

Ist die Sprache im Buch auch die der Lieder?

M: Nein, es ist anders. Die Sprache im Buch hat eine andere Art von Musik drinnen und ist nicht gereimt und eine ganz andere Art von Text.

Wie ist die Attwenger-Sprache überhaupt zu beschreiben?

M: Attwengeresk. Und dass die Sprache zur Musik passt.

Da gibt es viele Wiederholungen und viel Nebensächliches...

M: ...zum Teil. Die Frage warum uns das taugt, ist die Frage: ‚Warum taugt uns Attwenger?‘ Die Verbindung von Sprache, Rhythmus, Musik interessiert uns immer schon. Von Anfang an.

Ist die neue Platte ‚dog‘ eher politisch? Bei dem was schon zu hören war, fällt auf, dass das eher eine textzentrierte Sache zu sein scheint.

M: Im Vergleich zu dem, was wir früher gemacht haben, geb’ ich dir Recht, das seh ich auch so.

Wie kann man sich denn die Genese eines Attwenger-Stückes vorstellen? Kommt da einer mit dem Text und der andere setzt sich hin und macht die Musik? Sitzt ihr zusammen im Proberaum?

HP: Entweder hast du schon einen Text, der gibt dir automatisch eine gewisse Geschwindigkeit vor, dazu brauchst du dann einen Beat oder eine Melodie. Oder es ist zuerst die Melodie da, dann ist es natürlich umgekehrt. Dieses Mal haben sich sehr viele Texte ergeben, darum ist es auch so textlastig – schon auch bewusst.

Ein Beispiel vom neuen Album?

HP: Das Stück ‚dum‘ hat zuerst viel mehr Strophen gehabt. Und die sind dann gekürzt worden, gestrafft. Der Riff, um den es dabei geht, ist einfach aus einer Session entstanden. Aus dem hat sich alles aufgebaut. Dann ist erst der Text dazu gekommen. Beim Stück ‚duan‘ war es umgekehrt: Da war der Text zuerst da.

Stichwort Riffbildung: Wie funktioniert das? Hat eine Ziehharmonika eine Seele?

HP: Du spielst irgendeine Melodie, und auf einmal bist du (breitet die Arme aus) da draußen. Die Hand ist aber nicht länger und der Balg ist nicht länger. Das heißt du musst retour, das heißt du hast eine andere Tonart. Also hat das schon eine gewisse Seele: Die musst du fast schon liebkosen, dass die das alles so macht, wie du das möchtest.

Wie findest du das, wenn Musiker ihren Instrumenten Namen geben?

HP: Ich würde auch meinem Auto keinen Namen geben. Ich gebe meiner Tochter einen Namen, aber nicht einem Auto oder einem Instrument.

Dem prinzipiell zeitkritischen Song ‚ka klakariada‘ folgt auf der neuen Platte mit ‚dum‘ eine dezidierte Abrechnung mit dem Patriotismus der Österreicher. Warum der Schritt zurück in die unmittelbare Umgebung?

M: Vielleicht ist es einfach schmerzhafter, wenn es auf eine konkrete Sache bezogen ist, dann ist es auch direkter. Wenn es nicht für alle überall gilt, sondern wenn jetzt konkret wer angesprochen wird. Dann wird’s auch deutlicher.

Hans-Peter hat in einem früheren Interview einmal gesagt, es geht um die Komplexität im Simplen. Gilt das noch? Bringt es das – in allen Wiederholungen und Auslassungen – auf den Punkt?

M: Ja, die Sache ist nur die, dass sich das immer weiterentwickeln sollte, wurscht wie du das betreibst. Es muss immer weitergehen.

Wenn ihr selbst Musik hört, was hört ihr?

M: (lacht) Death Metal den ganzen Tag. Mir taugt’s.

(Zu Hans-Peter) Und Du? Auch Death Metal?

HP: Nein. Speed Metal.
M: Ich bin mehr Death and Doom Abteilung, und er ist mehr auf Speed and Comic. Speed-and-Comic-Metal.
HP: Und viel Gothic!  
M: (lacht) Ja genau, das ist jetzt seine neue Leidenschaft.

Neben dem Projekt Attwenger, gab es euch beide bislang auch noch unplugged als ‚Die Goaß‘ – mit Markus Binder als Bassgeiger oder Tuba-Spieler. Lebt die Goaß noch?

M: Die Goaß schlaft. Aber die Goaß hat immer wieder so Nickerchen gehabt, die Goaß ist trotzdem einfach unser Viech im Stall.

Wohin soll die Reise mit der neuen Attwenger-Platte gehen?

M: Eine neue Platte ist immer ein neues Statement, ein neuer Stil, eine neue Meinungsäußerung. Und die wird weitergegeben indem du die Platte rausbringst, und irgendwie setzen sich die Leute dann damit auseinander.

Ist das Statement auf den Punkt zu bringen?

M: Ob die nur so tan, oder ob die a so san?

Weiterführende Informationen unter:

MEGAPHON, Auschlössl
Friedrichgasse 36, 8010 Graz
Tel: 0316/8015 650
Fax: 0316/81 23 99
megaphon@caritas-graz.at
www.megaphon.at/de/strassenmagazin/archiv/megaphon_2005/september/75/