STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2005/September/Rocky Mountain/
drucken drucken 

Rocky Mountain

Von: Florin Mittermayr

Mit exquisitem Musikprogramm auf fünf verschiedenen Bühnen, unzähligen Workshops und gemeinsamen Frühstück.

Über den Namen haben wir lange diskutiert. Irgendwann bin ich dann mit dem Schlossberglift zu einer Vorbesprechung gefahren, den ‚Elevator‘ hab ich nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Beim Treffen ist aus dem ‚Elevator‘ dann ‚elevate‘ geworden.“ Dass er am Schlossberg endlich einmal etwas machen möchte, hat der Exit-Space-Organisator Daniel Erlacher schon im Sommer des Vorjahres gewusst – und war damit nicht der einzige. Gemeinsam mit Bernhard Steirer vom Veranstalter ‚luv‘, wurde die Idee des Festivals geboren. Nach dem Impuls dafür braucht man auch ihn nicht lange zu fragen: „Der Schlossberg ist einfach eine einzigartige Location. Am Berg im Zentrum der Stadt und doch im Grünen. Mit Stages drinnen und oben drauf, das hast du sonst nirgends.“ Und die beiden blieben nicht lange alleine mit ihrer Idee: Mit einem Gutteil der Grazer Szene abseits des Mainstreams wurde seit vergangenen Herbst das Konzept entwickelt. Und mit der Kulturinitiative Schlossberg ein eigener Verein zur Durchsetzung der Ideen gegründet. Daniel: „Ziel war, nicht nur ein sehr gutes Musik-Festival zu machen, sondern Musik, Politik und Kultur zu verbinden.“ Folgerichtig sollte es für das gesamte Programm auch ein Leitmotiv geben, namentlich Unabhängigkeit in all ihren Formen und Facetten.

Noise & Notion
Was dabei herausgekommen ist, kann sich sehen lassen: Vom achten bis zum elften September bietet das Musikprogramm des Festivals über fünfzig Live-Acts. Unter den Auftretenden finden sich die oberösterreichischen Mundart-Zieharmonika-Monteure Attwenger ebenso wie etwa die International Noise Conspiracy aus Schweden, die Experimental-HipHop-Formation Dälek aus den USA oder die britische Popgruppe The Cribs. Dass dabei auf eine breite Palette von internationalen DJs und Lokal-Matadore wie Lasch nicht vergessen wurde, versteht sich von selbst. Bespielt wird die Kasemattenbühne, der Dom im Berg, die Uhrturmkasematte, das Schlossberg-Restaurant und die Stallbastei.

Prominent besetzt sind auch die Workshops zum Thema Unabhängigkeit – eingeteilt in die Bereiche Musik, Film, Software, Medien, Kultur und Politik. Angesagt haben sich beispielsweise der Wikipedia-Gründer Jimmy Wales, der Text-Verschlüsselungs-Experte Phil Zimmermann, der portugiesische Journalist und Autor Paulo Moura, Falter-Redakteur Florian Klenk oder der österreichische Kabarretist Leo Lukas. Für Daniel Erlacher und Bernhard Steirer der Beweis, dass das Konzept funktioniert, denn zu bezahlen wären einige hochdotierte Gäste nicht gewesen.

Nur um fachspezifische Fragen soll es aber nicht gehen: „Keiner soll nur über sein Spezialgebiet sprechen, sondern jeder auch persönlich zum Thema Unabhängigkeit Stellung nehmen.“ Weshalb es Freitag und Samstag offene Diskussionsrunden mit allen Gästen und Teilnehmern geben wird. Dass Workshops, Lesungen, Filmvorführungen und Diskussionen gratis zu besuchen sind, macht das Angebot keineswegs uninteressanter. Sich so bald wie möglich per Internet anzumelden, sei etwaigen Interessenten aber dringend angeraten – manche Arbeitsgruppen sind mit zehn Personen schon ausgebucht.
Verantwortlicher Mann für Finanzen und Marketing bei der Kulturinitiative Schlossberg ist Roland Oreski vom Veranstalter Disco 404: „Es sollte so funktionieren, dass das Musikprogramm den Rest mitfinanziert.“ Bei einer Gesamt-Kapazität von 2800 Karten pro Tag kein leicht zu erfüllendes Ziel. Von Stadt und Land bekommt das Elevate-Team etwa 25 Prozent des Gesamtbudgets, ein weiteres Fünftel konnte durch Sponsoren aufgetrieben werden. Heißt mehr als die Hälfte muss durch den Kartenverkauf wieder hereinkommen. Roland Oreski: „Ab 70 Prozent Auslastung geht die Rechnung auf. Schön wäre aber, wenn etwas überbleiben würde, damit wir sofort beginnen können für das nächste Jahr zu planen. Wir selbst bekommen davon keinen Cent.“ Daniel Erlacher: „Eine gesunde Portion Wahnsinn und Risikobereitschaft gehört schon dazu.“

Stage & Breakfast
Nicht als Veranstalterinnen, aber als Auftretende fiebern indes die drei jungen Grazerinnen Clara Moto, Akumi und Mimu dem Festival entgegen. Gemeinsam bilden sie die Gruppe Kamuflaas Digital: Musik und Visuals werden schon bei der Entstehung aufeinander abgestimmt, auf der Bühne werden die Sounds dann live gesamplet. Beim Elevate-Festival haben sie die Prime-Time am Samstag um Mitternacht gebucht. Was sie sich erwarten? „Dass es uns Spaß macht und den anderen auch.“ Den Schlossberg haben die drei Mädels bislang eher als ruhigen Fluchtpunkt im Großstadtgetriebe wahrgenommen – oder auch als Ziel für den Volksschulwandertag. Ein Eindruck, der sich nun um einen Faktor erweitern dürfte: „Es ist interessant wenn man Leute trifft, die international bekannt sind. Und das ist eben der Unterschied: Dass das nicht auf Graz beschränkt ist, sondern endlich auch einmal raus geht aus der Stadt.“ Oder, wie es Daniel Erlacher sieht: „Wenn du die richtigen Leute zusammenbringst, entsteht etwas Tolles.“ Weshalb auch täglich für alle Teilnehmer am Workshop-Programm ein gemeinsames Frühstück im Schlossberg­restaurant angesetzt ist.

Das erste Festival am Grazer Schlossberg darf also mit Spannung erwartet werden. Was bis dato nicht nur das junge Grazer Publikum übernommen hat, sondern auch eine Österreichisches Filmfirma. Anhand des gesamten Projekts soll eine Doku zum Thema Unabhängigkeit entstehen, die Dreharbeiten begannen bereits im Vorfeld. Der Druck, der auf dem Organisationsteam lastet, wird dadurch nicht weniger: „Eine beinharte Angelegenheit: Wenn es schiefgeht, ist der Inhalt des Films unser Scheitern.“

Grund zu allzu übertriebener Sorge sollte für Daniel, Bernhard, Roland und Konsorten aber nicht bestehen. Schließlich ist ein Festival dieser Güteklasse im absoluten Stadtzentrum mitten im Grünen ja nichts Alltägliches. Und dem Schlossberg bringt Elevate ein Lifting zum rechten Zeitpunkt. Bleibt die Frage, was der Name des Festivals eigentlich sagen will? Initiator Daniel Erlacher: „Es passt einfach. Im englischen steht das für ‚sich erheben‘ – und die Assoziation mit Lift und Berg funktioniert auch.“

Elevate – das Schlossbergfestival
8.9. ab 19.00 Uhr
9.9. bis 11.9. ab 11.00 Uhr

Vorverkaufskarten, Programm-Infos, Workshop-Anmeldungen und das 60 Prozent ermäßigte Festival-Ticket der Öbb unter: http://www.elevate.at www.elevate.at

Weiterführende Informationen unter:

MEGAPHON, Auschlössl
Friedrichgasse 36, 8010 Graz
Tel: 0316/8015 650
Fax: 0316/81 23 99
megaphon@caritas-graz.at
www.megaphon.at/de/strassenmagazin/archiv/megaphon_2005/september/80/