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Das Geschäft mit dem Glück

Von: Ingrid Brodnig

EINSATZWILLE
Wettbüros versprechen nicht nur Spiel Spaß und Spannung – sondern auch das schnelle Geld. Damit jemand gewinnen kann, muss es aber auch Verlierer geben. Über das Kribbeln beim Sport und die Ernsthaftigkeit im Spiel.

Meine Großmutter hat immer gesagt: ‚Spieler und Wirtsleut sind Lumpen!‘“ Herr K. sitzt am Geldspielautomaten in einem Grazer Wettbüro und liegt gerade fünfzig Euro im Plus –  vor kurzem waren es noch hundert. Grundsätzlich gibt Herr K. seiner Großmutter zwar Recht –aber: „Bei mir ist es der Alkohol. Wenn ich was getrunken hab, dann spiel ich.“
Besucher wie Herr K. sind in Wettcafés wie Admiral oder Wettpunkt nicht gerade die Ausnahme. In den Unterhaltungsstätten, die ihre „Sportwetten“ oft mit fetten leuchtenden Lettern anpreisen, findet man aber ein heterogenes Publikum: Da gesellt sich der Sportfan, der gemütlich sein Bier trinken will, zum Profi-Wetter, der gebannt auf die Video-Wall starrt. Gewettet wird auf klassische Sportarten, aber auch auf Exotischeres wie Snooker oder Hunderennen. Und wer will, kann seit einiger Zeit auch auf den Ausgang gesellschaftlicher Ereignisse wie die kommenden Landtagswahlen sein Geld setzen. Das Steckenpferd der Österreicher ist aber auch hier weiterhin Fußball.

Bei der Live-Übertragung auf der Großbildleinwand werden die Fans schon einmal laut: Erst recht, wenn Österreich drei Minuten vor Schluss den Ausgleich erzielt. Bei manchen Wettern ist die Freude verdoppelt: Haben sie doch auf ein Unentschieden gesetzt. „Das Tollste ist, wenn in der 90. Minute das entscheidende Tor fällt“, weiß auch Markus Sammer. Er ist ab und zu im Wettcafé anzutreffen – und unterscheidet zwei Besuchergruppen: „Es gibt die Gelegenheitswetter und jene, wo du merkst, dass sie es voll ernst nehmen.“ Besonders ernst wird es bei den Automatenspielern: Hier zählt kaum der Spaß an der Freud, sondern der Kampf mit dem Automaten – und oft geht es darum, zurückzugewinnen, was man verspielt hat.

Im Hinterzimmer
„Beim Rausgehen hab ich gesagt: ‚Nie mehr!‘ Und am nächsten Tag bin ich wieder drinnen gewesen“, erinnert sich Herr Holaschek* an seine Zeit als Spieler – sechs Jahre war er vor den blinkenden und fiependen Apparaten anzutreffen. Begonnen hatte alles bei den „stinknormalen Automaten“, die praktisch in allen Wettbüros stehen. Und geendet hat es damit, dass Herr Holaschek drei oder vier Tage durchspielte: „Zwischendurch hab ich meine beruflichen Sachen erledigt.“

Nur wenige Unterhaltungsmethoden bergen das Risiko einer derartig rapiden Vernichtung des Privatvermögens wie das Automatenspiel: 50.000 bis 60.000 Schilling verspielte Herr Holaschek in seinen stärksten Nächten. Wie das geht? „Die Spielsucht ist eine komplett unauffällige Sucht“, meint das älteste Mitglied der Grazer Selbsthilfegruppe für Suchtspieler. In den Cafés und Wettbüros stellt niemand Fragen – auch besteht keine Ausweispflicht wie in den Casinos. „Es ist anonym. Das schätzt der Spieler.“

Die Automaten stehen aber nicht nur in Wettbüros: Im Prinzip darf jeder Gastronomiebetrieb die Spielapparate aufstellen. Gerade die Wettbüros haben ihre Räumlichkeiten aber stark den Bedürfnissen der Spieler angepasst: So stehen die Automaten fast immer im räumlich getrennten Separee. Man benötigt zwar eine Clubkarte, doch die ist schnell vergeben. Und in der Regel gibt es für die Spieler Getränke aufs Haus.
„Teilweise sitzen die auch stundenlang vor dem gleichen Automaten“, schildert Gelegenheits­wet­ter Sammer. Für das Spielen zeigt er wenig Verständnis: Denn während der risikosuchende Sportfan anhand gewisser Faktoren den Wettausgang noch vermuten kann, ist das Automatenspiel reine Glückssache. Welche Symbole in einer Reihe stehen, errechnet der Computer. Ob es drei Kirschen sind oder ein schaler Obstsalat – der Spieler ist dem Automaten ausgeliefert.
Beim sogenannten „Kleinen Glückspiel“ darf ein Spiel nicht mehr als 50 Cent kosten und der Gewinn maximal 20 Euro betragen. Klingt harmlos, ist es aber nicht: Jedes Mal, wenn die drei oder fünf Symbole nebeneinander einrasten, zählt dies schon als komplettes Spiel. Und so spielt der Spieler nun nicht zwei oder sieben Spiele am Abend – sondern Tausend. Und selbst die Zeiten, wo man pro Runde eine Taste drücken musste, sind vorbei: Der Spieler von heute schaltet einfach um auf Automatik.

Wett-Flut
„Es können natürlich verschiedene Figuren, Namen, Früchte aufscheinen – aber das Prinzip ist immer das Gleiche.“ Rupert Rupp ist der größte Automatenhändler Österreichs. Er kennt besonders die Seite der Unternehmer, die sich über ihre Abgaben beklagen. Pro Monat und Automat müssen sie bis zu 467 Euro an den Staat zahlen – exklusive Umsatzsteuer. Hinzu kommt, so Rupp, dass die Ausschüttungsquote bei den Apparaten bis zu 98 Prozent beträgt. Eine Quote, die von den Glückspielern in Frage gestellt wird.

So leicht wie früher geht das Geschäft mit dem Glück aber nicht mehr: „Eigentlich ist es sehr teuer und schwer, einen Gewinn zu erwirtschaften“, erzählt Großhändler Rupp. Auf seinem Tisch liegen zahlreiche Mahnungsschreiben an Firmen, die ihre Rechnungen nicht bezahlen können. Rupp weiß warum: „Einige große Firmen haben das Geschäft hochgepusht und machen den kleinen das Geschäft kaputt.“

Auch in Graz scheint es, als hätten die Wettbüros eine nie dagewesene Verbreitung erreicht: In manchen Vierteln können Flaneure kaum fünfzig Meter gehen, ohne an das nächste Spiel erinnert zu werden. Ganz anders noch 1995: Laut WKO gab es damals in der Steiermark nur sieben Unternehmen mit elf Standortberechtigungen für Sportwetten – heute sind es allein schon ohne Tipp3-Trafiken über 522 Wett-Standorte, darunter an die Neunzig Wettbüros.

Die Anbieter bekämpfen sich auch mit ihren Quoten: Die Quote ist jener Multiplikationsfaktor, der entscheidet, wie hoch der Gewinn für den Spieler ist. Sie wird von den Buchmachern festgelegt – eben jenen Personen und Abteilungen im Wettbürogeschäft, die sich mit der Wahrscheinlichkeit von Spielausgängen befassen. Je wahrscheinlicher ein Sieg, desto niedriger im Prinzip die Quote. Wer sich bei dem System und im Sport auskennt, kann die Quoten dabei durchaus für sich nutzen. Wie etwa Herr Brodschneider. „Ich hab sechs Euro gesetzt“, erzählt er, „und über 30 gewonnen!“ Damit das funktioniert, müssen freilich andere verlieren. Mitunter sind das sogar die Wettbüros selbst.

„Die Wetter spielen zunehmend gescheiter“, berichtet Wolfgang Patsch von der steirischen Top Play Sportwetten GmbH. Die heutigen Spieler sind besser über die Mannschaften informiert – und sie vergleichen die unterschiedlichen Quoten. Wenn aber eine Europameisterschaft wie jene 2004 ausgeht, ist dies allgemein Grund zur Freude für die Buchmacher: „Da haben alle auf den Favorit Portugal gesetzt.“ Und es gewann Griechenland.
Manches ist eben doch nicht vorhersehbar. Herr Brodschneider unterhält sich mit einem Wettkollegen, der gerade 140 Euro verloren hat. Ob ihm das nichts ausmacht? „Nein. Am Samstag hab ich 500 gewonnen“, meint dieser locker. Und morgen ist ja auch noch ein Tag: Da kann man im Wettbüro fachsimpeln, auf seinen Favoriten setzen. Beim Automaten will Herr Holaschek aber nicht vorbeischauen. Er hat mittlerweile andere Pläne mit seinem Geld.

  
*Name geändert

Anonyme Hilfe für Spielsüchtige:
• B.A.S.: Dreihackengasse 1 / 8010 Graz
• Selbsthilfegruppe „Heute nicht“: jeden Donnerstag, 19 bis 21 Uhr im B.A.S.


Leserkommentar:

Das Geschäft mit dem Glück falkus@home.nlManfred Falkus   05.10.06,02:07

Über das Wetten, die Spielsucht, wird viel geschrieben. Dabei wird seit Menschengedenken gehandelt oder gewettet. Kein Mensch wird gezwungen zu spielen, und wenn er wettet oder spielt, weiß er worauf er sich einläßt. Jetzt höre ich schon das geschimpfe, aber wo sind denn alle sogenannten Experten, wenn es um das weltweite Lottogeschäft geht? Der Abzocker Staat, der Monopolist, der seinen Bürgern die noch übrig gelassenen Krümel, die sie nach harter Arbeit noch übrig behalten durch das Lottoheschäft versucht aus der Tasche zu ziehen.
Ich werde Ihnen ein kleines Beispiel geben, wie heute der einzelne Mensch, zum erstenmal in der Lage ist, in eigener Regie, mit Hilfe Computer und Internet, sein Einkommen verdoppeln kann.
Im Internet werden weltweit alle 10 Minuten Pferdewetten angeboten, bei denen ich durch Quotendifferenzen, nicht durch Wetten, wunderbar Geld verdiene, welches mir nach dem Zieleingang der Pferde sofort auf mein Konto ausbezahlt wird.
Beispiel:
Wettbörse Betdair, diese Unternehmen wurde vom britischen Finanzministerium geprüft und hat den Awardpreis der Königin erhalten. Betfair kann nicht pleite gehen, da Betfair nur von dem Gewinn maximal 5 Prozent Provision erhält. Also weiß ich, das diese Firma nicht wie alle anderen Buchmacher pleite gehen kann. Denn nur wenn ich gewinne, verdient Betfair an mir, wenn ich verliere erhält Betfair keine Provision.
Da ich aber nur an Quotendifferenzen verdiene, verdient auch Betfair.

Beispiel: Bei Betfair kann ich auf Back (das heißt das Pferd gewinnt) setzen und ich kann auf das gleiche Pferd auf Lay (das heißt, ich setze daggen, dass das Pferd nicht gewinnt) setzen.
Also:

Back - dafür - Wettquote 2 Euro Eisatz 132 Euro = 2x132=264 Euro Brutto - 132 Einsatz = Gewinn 132 Euro bei Back.

Gleichzeitig auf Lay dagegen Wettquote 1.32x200 = 264 Euro - 200 Euro Eisatz = 64 Euro Gewinn.

Also, wenn ich bei ein und demselben Pferd auf Lay gesetzt habe und Lay gewinnt habe ich 200 Euro gewonnen, muss aber den Einsatz von 134 Euro von Back abziehen, so habe ich 68 Euro verdient.
Gewinnt nun Back, dann habe ich 132 Euro gewonnen,muß aber den Risikobetrag von Lay in Höhe von 64 Euro abziehen. Also wenn Back gewinnt habe ich 68 Euro verdient.
Dadurch ist es mir egal, ob Back (dafür) oder Lay(dagegen) gewinnt, ich habe in jedem Fall 68 Euro verdient.
Nun frage ich Sie und alle Experten, was hat das mit Sucht, Zocken und was weiß ich noch zu tun. Nichts aber auch garnichts. Nur mir wird als kleiner Mann das Geld vermehren nur madig gemacht. Aber Dank der Internet- Technologie und der Globalisierung, verdiene ich nur alleine und das scheint vielen Leuten, die sonst an uns kleinen Leuten sich eine goldene Nase verdient haben und dies nun nicht mehr verdienen zu stinken, und deshalb wird nur so ein Unsinn unter die Menschheit gebracht.
Das schreiben aber nur Menschen, die keine Ahnung haben.

Mit freundlichem Gruß

Manfred Falkus

Es gehört schlichtweg verboten john.c@gmx.atJohn   25.08.06,16:19

... denn es tut einem im Herzen weht, wenn man sieht, wie sich manche Leute damit um Haus und Hof brigen (wie ich soeben bei einem Freund hilflos mit ansehen muss). Aber dem Staat scheinen die enormen Steuereinnahemn wichtiger - ähnlich wie bei den unlängst beschlossenen Höchstpreisen für Zigaretten, die ja nur unter dem Vorwand gemacht wurden, die Jugend schützen zu wollen. In Wahrheit bangt KHG um seine Einnahmen. Und wer schützt die Spielsucht-Kranken? Niemand. Wer aber muss für die Sozialleistungen aufkommen, wenn diese erst einmal ganz tief abgesackt sind? Die Allgemeinheit.
Und komme mir keiner mit dem Argument, ein solches Verbot sei nicht durchführbar. Wir haben ja einige Bundesländer, wo dies durchaus praktiziert wird.
Was hingegen - nach meinen Beobachtungen - NICHT praktiziert wird, ist die Kontrolle der Automaten. Hier können, IMHO, die Automatenaufsteller bei den "Gewinn"ausschüttungen dran herum drehen, wie sie wollen. Die im Artikel angegebene "Gewinn"quote bzw. -ausschüttzung von 98 Prozent ist ein Ammenmärchen der Automatenher- und aufsteller. Wenn's Gschäft schlecht läuft, wird sie halt ins Bodenlose runtergedreht. Manchmal - nach meiner eigenen Beobachtung - in Zusammenarbeit mit z. B. dem Wirten, bei dem ein Automat aufgestellt ist. Warum müssen Abgaben an die Kommune bezahlt werden, wenn diese dann nicht einmal kontrolliert, ob die Automaten zumindest "fair" eingestellt sind?
Viele Fragen...

Spielsucht peter.schweizer@chello.atPeter Schweizer   13.04.06,00:31

Es müsste so wie in Tirol alle Automaten Verboten werden , dann würden sich sehr viele Menschen sich sehr wohl Fühlen und Schlafen könnten alle besser.
Auch die Wirtschaft in allen Lokalen würde besser sein , sowie alle würden nicht vereisamen vor den S..... Automaten.

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