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Notebooks mit Tretpedal

Von: Markus Mogg

ZUKUNFT
Zwischen prekären Arbeitsverhältnissen und dem Leben in Jurten sucht das Perspektive-Symposium nach Alternativen zu den herrschenden Realitäten.

Wo stehen wir?“ und „In welche Richtungen können wir gehen?“ sind zwei zentrale Fragen eines Symposiums, das vom 13. bis 21. Mai in Graz stattfindet und im Titel „Perspektive“ seine Entsprechung findet: Die Sichtweise auf die Welt wie sie ist, und ein Ausblick wie sie sein kann. Auf unterschiedlichste Weise soll versucht werden, Alternativen zum herrschenden System auszuloten.

Beim Treffen mit der Organisationsgruppe im Spektral fällt auf, dass hier etwas anders laufen soll. So sehen sich Bettina, Flo, Paul und Seppi nicht als große Organisatoren, sondern als Involvierte, die ihr Projekt vorstellen wollen. Dass sie sich um den reibungslosen Ablauf des Ganzen kümmern, kommt für sie nebenbei dazu. Sie verstehen es als „Start eines Versuchs, alternative Wege zu suchen und abzuhandeln“, um die widerständigen Kräfte und Ideen zusammenzubringen und voranzutreiben. Es gilt, Vorträge, Workshops und Bastelstunden (für Solarkocher und Notebooks mit Tretpedalen) selbst zu gestalten, anstatt auf „Leute mit großen Namen“ zu setzen. Das soll ein Autoritätsgefälle zwischen Vortragenden und Publikum vermeiden und spart auch auf der Ausgabenseite. Während im Sub am Franz-Josefs-Kai, im Raumwerk im Spektralkeller und in der Borra Ville in Kainbach bei Graz ein dichtes und vielseitiges Programm läuft, bietet sich das Spektral als Lounge an. Hier können Interessierte Kontakte knüpfen, das Gehörte debattieren und beim gemeinsamen Frühstück und Abendessen vegan schlemmen.

68 im Eiltempo?
Viele Themen wirken allerdings ein wenig wie die 1968er im Eiltempo: Leben in Kommunen, neue Energieformen und alternative Ernährung, von denen manches plausibel und nachhaltig scheint, anderes schon damals illusorisch war. Ähnlich ambivalent mag man Tierrechte und -befreiung sehen, gänzlich abgehoben hingegen scheinen Beiträge wie der zum Leben in Jurten. Doch auch mit Themen wie der Geschlechterdebatte, Nationalismus und Rassismus setzen sich einige Veranstaltungen auseinander. Der Historiker Leo Kühberger will in einem Workshop zu prekären Arbeitsverhältnissen Möglichkeiten zur Solidarisierung in der Zeit der Ich-Aktien diskutieren: „Ich hoffe, dass es gewisse Folgen hat, dass die Leute sich intensiver vernetzen. Das Potential ist da, das braucht Knotenpunkte, wo Leute mit ihren Ideen und Projekten zusammenkommen können.“

Mit Migration und Integration beschäftigt sich der Megaphonverkäufer Ebhomhenya Otoghaguahmen: „Wenn wir in der Geschichte zurückblicken, ist jeder Mensch ein Immigrant, da wir alle von irgendwoher kommen.“ Integration benötigt aber kulturellen Austausch, wo alle von einander lernen, doch: „Wie kann Integration funktionieren, wenn Migranten aus dem System ausgeschlossen werden und keine Chance haben, dies auszuüben?“ Die Grazer Frauenbeauftragte Brigitte Hinteregger, die ebenfalls einen Beitrag gestaltet, sieht im Symposium die Gelegenheit, herrschende sexistische Strukturen zu hinterfragen und abzubauen: „Es gilt aufzuzeigen, dass es möglich ist, die Welt zu verändern. Wir sind nicht nur Opfer!“ Die Vielseitigkeit der vertretenen Themen sieht sie als wichtige Chance: „Man muss sich trauen, Experten zu Bereichen zu holen, in denen man selber nicht so sattelfest ist. Wir brauchen den Mut, unseren Horizont zu erweitern und Gegenstrategien zu entwickeln.“

Weiterführende Informationen unter:

MEGAPHON, Auschlössl
Friedrichgasse 36, 8010 Graz
Tel: 0316/8015 650
Fax: 0316/81 23 99
megaphon@caritas-graz.at
www.megaphon.at/de/strassenmagazin/archiv/megaphon_2006/april/51/