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Mac-Jobs Im MorgenGrauen

Von: Eva Reithofer-Haidacher

ZUGESTELLT
Die Spirale dreht sich nach unten: immer schlechter bezahlt und weniger abgesichert gehören Zeitungsausträger zu den absoluten Verlierern der Liberalisierungswelle.

Dienstbare Geister gibt es kaum mehr. Die Lautlosen und Unsichtbaren haben heute andere, weniger poetische Namen: Putzfrauen, Telearbeiterinnen oder Zeitungsausträger. Die schlechte Bezahlung, die fehlende Absicherung, das geringe Prestige und die Perspektivenlosigkeit haben sie mit den Dienstboten des 19. Jahrhunderts gemeinsam. Und, dass ihre Arbeit erst dann auffällt, wenn sie nicht oder schlecht erledigt wird. Etwa wenn die Zeitung nicht rechtzeitig zum Morgenkaffee zugestellt ist.
„Wo bleibt heute die Zeitung?“ mag da so mancher genervt beim Verlag nachfragen. Auch das Buch, das sechs Soziologen und Soziologinnen der Universität Graz unter der Leitung von Christian Fleck zum Thema Arbeits- und Lebensbedingungen von ZeitungsausträgerInnen verfasst haben, trägt diesen Titel. Weitgehend frei von Fachjargon bewegen sich die Autoren lebensnah auf den Spuren einer Berufsgruppe, die wie kaum eine andere die dramatischen Folgen der Marktliberalisierung zu spüren bekommen hat.

Gute Zeiten, schlechte Zeiten
Erna Puhar ist seit 21 Jahren als Zeitungsausträgerin beschäftigt. Seit zwei Jahren ist sie  freigestellte Betriebsrätin der Firma redmail, die zu 50 Prozent im Besitz des Styria Konzerns steht und unter anderem für die Auslieferung der Kleinen Zeitung zuständig ist. Ihre Berufslaufbahn ist klassisch für die wenigen noch verbliebenen Dienstnehmerinnen in der Branche: Nach zehn Jahren als Verkäuferin nimmt sie den Job als Zeitungsausträgerin an, um sich tagsüber um die Kinder kümmern zu können. Ein Haus wird gebaut, denn der Verdienst kann sich sehen lassen: Sie trägt drei Tageszeitungen aus und kommt dabei auf umgerechnet 1500 Euro netto. Die geplante Rückkehr in ihren ursprünglichen Beruf findet nicht statt, weil die Arbeitsbedingungen gut sind.
Die Wende kommt schleichend. Im Sommer 2001 wird der Vertrieb an die Firma redmail ausgelagert. Im Mai 2002 ergeht an die DienstnehmerInnen ein Schreiben: Wenn sie sich bereit erklären, ihren Dienstvertrag zu kündigen und in Zukunft per Werkvertrag zu arbeiten, bekommen sie eine bis zu doppelt so hohe Abfertigung. „Es wurde ihnen versprochen, dass sie keine Steuern mehr zahlen müssen und deshalb mehr verdienen“, erinnert sich Nadja Wendler, die damalige Betriebsratsvorsitzende. Unter der Bezeichnung „Neue Selbständige“ sollten sie in Zukunft unabhängig und eigenverantwortlich ihrer Tätigkeit nachgehen.
Die meisten erliegen dem verlockenden Angebot. Von den mehr als 3000 Beschäftigten der Firma redmail in Kärnten und der Steiermark sind heute nur mehr 180 - vorwiegend weibliche - Dienstnehmer. Doch das Gegenteil der Versprechungen erfüllt sich. „Heute ist die Arbeit nur mehr Stress, Schlepperei und schlechter Verdienst“, ärgert sich Erna Puhar, die sich selbst zu einer „aussterbenden Gattung“ zählt. Die Jüngste der Angestellten ist 35 Jahre alt. Spätestens wenn sie in Pension geht, sind die guten Zeiten endgültig vorbei.

Zweiklassengesellschaft
Schlimmer haben es aber jene erwischt, die nun als Werkvertragspartner der Firma arbeiten. Für sie gelten weder Urlaubs- noch Krankenstandsregelungen, es gibt keinen Kündigungsschutz und keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld oder Notstandshilfe. Der Gewinner ist der Arbeitgeber, der sich etwa 30 Prozent Lohnnebenkosten erspart. Die Verlierer sind die Allgemeinheit, der die Sozialversicherungsbeiträge und die Steuereinnahmen fehlen - und natürlich die Austräger, die keinerlei Vorsorge für den Notfall haben. „Die Vertragsfreiheit macht keinen Sinn, wenn es Abhängigkeiten gibt und eine Seite nicht abgesichert ist. So etwas nennt man Ausbeutung“, bringt es der Grazer Volkswirtschafter Gerhard Wohlfahrt auf den Punkt.
Auch die Unterschiede bei der Entlohnung verfestigen die Zweiklassengesellschaft. Zwar bekommen weder Dienst- noch WerkvertragnehmerInnen ein fixes Entgelt, sondern die Entlohnung wird nach der Anzahl der Zeitungen und dem Rayon – ob Stadt oder Land, Hochhaus mit Lift oder ohne – berechnet. Doch gibt es krasse Differenzen bei der Berechnung: Dienstnehmer bekommen zum Beispiel Beilagen in den Tageszeitungen extra bezahlt, Werkvertragnehmer nicht. Der heutige Nettoverdienst liegt bei 700 Euro durchschnittlich, von dem aber Kosten wie der Verschleiß des Autos noch abgezogen werden müssen. Die Folgen der zunehmenden Liberalisierung des Postwesens tun ihr übriges. Die Firmen, die Zeitungsausträger beschäftigen, übernehmen immer mehr die Aufgaben der Post und stellen auch Prospekte, Gratiszeitungen und sogar adressierte Druckwerke zu. Für die Unternehmen ein fettes Zubrot, baden es jene aus, die nächtens bei jedem Wetter pünktlich in die Haushalte liefern müssen. Was es bedeutet, zusätzliche Packen auf einem ohnehin schon voll beladenen Fahrrad oder Moped unterbringen und unter steigendem Zeitdruck zustellen zu müssen, wissen nur sie. Und auch hier folgt eine gesonderte Abrechnung: Dienstnehmer bekommen für jeden zusätzlichen Prospekt gleich viel bezahlt, Werkvertragnehmer für den zweiten und dritten Prospekt nur mehr je ein Viertel.

Musterprozess
Diese Ungleichbehandlung ärgert DI Soleiman Ali, Präsident der Ägyptischen Gemeinde, besonders: „Es können doch nicht Menschen für die identische Tätigkeit unterschiedlich bezahlt werden!“ Seit 2001 engagiert er sich gemeinsam mit der Gewerkschaft und der Arbeiterkammer für eine Besserstellung der Zeitungszusteller, unter denen viele Ägypter sind.
Doch der Kampf ist schwierig, die Verträge ändern sich ständig – zum Nachteil der Neuen Selbständigen. Jüngstes Beispiel: Die Firma bindet den Austräger sechs Monate, umgekehrt kann der Vertrag aber jederzeit vom Auftraggeber ohne Frist beendet werden. Geschickt ist die Geschäftsführung auch im Verhindern der Selbstorganisation von Austrägern. „Gute Routen werden dem einen weggenommen und dem anderen gegeben, um den Konkurrenzdruck zu erhöhen und Solidarität im Keim zu ersticken“, nennt Ali ein Beispiel.
Trotzdem lässt er nicht locker. Immerhin kann er bereits auf einen ersten Teilerfolg verweisen: In einem Feststellungsurteil des Obersten Gerichtshofs, das die Gewerkschaft Druck und Papier erwirkt hat, wird darauf hingewiesen, dass gewichtige Argumente für einen freien Dienstvertrag und gegen einen Werkvertrag sprechen. Damit wären die Austräger zumindest pflichtversichert. Nun strebt Soleiman Ali einen Musterprozess an.
Paradox an einem möglichen Erfolg: Er würde die am Arbeitsmarkt am stärksten Benachteiligten weiter an den Rand drängen. Denn für Asylwerber gehört das Austragen von Zeitungen zu den wenigen Beschäftigungen, die sie legal ausüben können. Diese Lücke nutzen nicht nur Non-Profit-Projekte wie das „Megaphon“, die Asylwerbern durch den Straßenzeitungsverkauf die Chance eines eigenen Einkommens bieten, sondern eben auch rein Gewinn orientierte Unternehmen, die aus dieser Abhängigkeit ihren Nutzen ziehen. Die Lösung des Dilemmas: Die Gesetzgebung muss endlich die Aufenthalts- mit einer Arbeitsgenehmigung verknüpfen. Nur so können missbräuchliche und ausbeuterische Praktiken verhindert werden.


Zum Weiterlesen:
Aberer/Korom/Postl/Reischl/Revers/Schantl
Wo bleibt heute die Zeitung?
StudienVerlag, 152 Seiten, 14,90 Euro.

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