STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2006/August/Steirische Marie/
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Steirische Marie

Von: Eva Reithofer-Haidacher

REGIONALGELD
Ein Zeichen gegen das ungerechte System der globalen Finanzmärkte setzt eine kleine Gruppe Grazer SchülerInnen. Sie haben mit ihrem Regionalwährungsprojekt „Styrrion“ beschlossen, den Kampf David gegen Goliath aufzunehmen.

Wer das Geld hat, hat die Macht - sagt das Sprichwort. Aber immer mehr Menschen empfinden Ohnmacht angesichts undurchsichtiger Kanäle durch die ihre Ersparnisse über Banken und Versicherungen verschwinden und sich ohne Rücksicht auf Mensch und Natur vermehren. Dazu gibt es eine Alternative, glaubt Volker Mastalier. „Ein anderes Geld ist möglich“, ist der Lehrer an der Freien Waldorfschule und Initiator des Regionalwährungs-Projektes „Styrrion“ überzeugt. Nach dem Vorbild des Chiemgauer, der seit 2003 erfolgreich in Bayern kursiert, hat er im April 2005 das steirische Pendant dazu ins Leben gerufen. Kurz danach entstand in Niederösterreich mit dem „Waldviertler“ die zweite österreichische Regionalwährung. Das Ziel: die regionale Wirtschaft zu stärken und gleichzeitig gemeinnützige Einrichtungen zu unterstützen.
Der Styrrion ist dem Euro gleichwertig und kann in den Ausgabestellen als fälschungssicherer Gutschein erworben werden. Um den Umlauf zu gewährleisten, verliert der Gutschein nach einem halben Jahr seine Gültigkeit. Beim Rücktausch werden fünf Prozent abgezogen. Drei Prozent davon kommen einer kulturellen Einrichtung, die die Kunden selbst wählen, zugute. Die restlichen zwei Prozent fließen ins Projekt zurück. Bisher wurden 45.000 Styrrion ausgegeben, etwa 15.000 davon sind in Umlauf.

Unabhängig
Mit den mittlerweile 50 Styrrion-Betrieben, die vor allem in Graz und in der Oststeiermark beheimatet sind, kann der Alltagsbedarf durchaus abgedeckt werden: Vom Lebensmittelladen zur Buchhandlung, vom Optiker zum Rechtsanwalt, vom Bürobedarfshandel zur Computerklinik finden sich eine Menge unterschiedlicher Angebote auf der Liste.
„Jede Woche kommen ein bis zwei neue Betriebe dazu“, berichtet Jana Lasser stolz. Die 16-Jährige hat gemeinsam mit vier SchülerInnen ihrer Klasse den Verein Styrrion gegründet, bei dem aus rechtlichen Gründen alle Mitglieder sein müssen, die die Währung nutzen wollen. Fünf bis sechs Stunden in der Woche arbeiten die SchülerInnen an dem Projekt. Von der Gutscheinproduktion über die Anwerbung bis hin zu Buchhaltung und Bankgeschäften wird alles in ihrer Freizeit erledigt. Sie verwalten auch die etwa 30 Styrrion-Abonnements, deren Besitzer mindestens 50 Styrrion im Monat beziehen. Dass mit diesen Summen dem Kapitalismus noch keine ernsthafte Konkurrenz erwächst, sieht die ambitionierte Jugendliche durchaus realistisch: „Es geht nicht um eine Verdrängung des Euro, sondern um eine Ergänzung.“ Auch Brigitte Kratzwald von ATTAC Steiermark hält den Styrrion für einen kleinen Schritt in die richtige Richtung. „Er ist ein Puzzlestein um die regionale Wirtschaft von den Finanzmärkten ein bisschen unabhängiger zu machen.“

Aufmüpfig
Rupert Matzer, Besitzer des ältesten Grazer Bioladens, sieht im Styrrion vor allem den Wert der Bewusstseinsbildung: „Durch die Beschäftigung mit dem System wird im kleinen Bereich die Aufmüpfigkeit geübt.“ Der finanzielle Gewinn kann sich aber auch sehen lassen: Immerhin macht der Bio-Unternehmer mit 10.000 Styrrion im Jahr bereits fast ein Prozent seines Gesamtumsatzes mit der Regionalwährung.
Doch ein Wermutstropfen bleibt: Die Euro-Deckung des Styrrion liegt zurzeit noch auf einer herkömmlichen Bank und fließt damit in die globalen Finanzmärkte, denen die Styrrion-Erfinder eigentlich entkommen wollten. Volker Mastalier möchte nun eine Widmung der Gelder für Mikrokredite an nachhaltig wirtschaftende regionale Betriebe verhandeln. Damit der Styrrion tatsächlich den Zweck erfüllt, den Rupert Matzer ihm zuschreibt: ein Rettungsboot aus einem ungerechten System zu sein.

INFO:
Styrrion-Ausgabestellen:
Waldviertler-Geschäft GEA, Sackgasse 36, Graz
Buchhandlung MEX, Brockmanngasse 6, Graz
Biohof Purkarthofer, St. Johann bei Herberstein 49

Weiterführende Informationen unter:

MEGAPHON, Auschlössl
Friedrichgasse 36, 8010 Graz
Tel: 0316/8015 650
Fax: 0316/81 23 99
megaphon@caritas-graz.at
www.megaphon.at/de/strassenmagazin/archiv/megaphon_2006/august/161/